ÖPNV im Kreis Böblingen Schönbuchbahn geht Mitte Dezember wieder in Betrieb

Die neuen Nexios stehen seit Mitte Oktober still – jetzt wurde der Fehler gefunden. Foto: Anke Kumbier

Die neuen Nexios reagierten zu sensibel auf die herbstlichen Bedingungen. Nun ist der Fehler zwar gefunden. Trotzdem ersetzen noch bis zum 14. Dezember Busse die Bahn.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Die Geduld der Fahrgäste der Schönbuchbahn wird noch länger auf die Probe gestellt. Voraussichtlich bis zum 14. Dezember bleibt es beim Schienenersatzverkehr (SEV) auf der Strecke. Bereits seit Mitte Oktober werden die Züge durch Busse ersetzt.

 

Grund dafür sind technische Schwierigkeiten mit dem Traktionssystem der neuen elektrischen Nexio-Züge. Damit die Fahrzeuge sicher anfahren und bremsen können, ist in ihnen ein Gleit- und Schleuderschutzsystem eingebaut. Es sorgt dafür, dass die Räder beim Anfahren nicht durchdrehen und beim Bremsen nicht blockieren.

Das Wetter verwirrte das Schutzsystem

Dieser Mechanismus reagierte zu sensibel auf das kalte und nasse Wetter im Herbst. Er signalisierte dem Zug, dass er bremsen muss, obwohl es nicht notwendig wäre. Die Folge: Durch das scharfe Bremse, das eigentlich Notfallsituationen vorbehalten sein sollte, nutzten sich die Räder der Züge stark ab. Die Nexios wurden vom Gleis genommen und die Fehlersuche begann.

Am Freitag lud der Zweckverband Schönbuchbahn (ZVS), die Herstellerfimra CAF, die Württembergische Eisenbahngesellschaft und das Landratsamt zu einem Pressegespräch, um über die Fehlersuche und das weitere Vorgehen zu informieren. Offenbar war bis kurz vor knapp nicht klar wie die Nachricht lauten würde.

Erst am Freitagmorgen habe eine Testfahrt Klarheit gebracht. „Der Fehler wurde gefunden“, sagt Gerhard Ferstl, Projektmanager bei CAF in Deutschland. Simulationen hätten es bereits nahegelegt und die Probefahrt bestätigt: Ein Wert in der Software des Gleit- und Schleuderschutzsystems sei zu sensitiv eingestellt gewesen.

Der Fehler ist zwar entdeckt, bis er behoben ist, dauert es noch. Walter Gerstner, Geschäftsführer des ZVS, skizziert das Vorgehen. Zunächst müsse der Parameter entsprechend geändert werden. Das alles werde dokumentiert und der Zulassungsbehörde, der Landeseisenbahnaufsicht, vorgelegt. Kommt von dort das OK, könne CAF alle Nexios mit dem Software-Update nachrüsten. Parallel dazu müssten an fünf Fahrzeugen die Räder getauscht werden, weil sie durch das starke Bremsen verschlissen sind.

Trotz Tests von der Realität überrumpelt

All das zusammengenommen, geht Gerstner davon aus, dass ab Mitte Dezember ein fahrplanmäßiger Betrieb wieder möglich ist. „Es schlagen heute zwei Herzen in meiner Brust“, sagt Gerstner. „Ich bin froh, dass wir den Fehler gefunden haben, aber Schienenersatzverkehr bis Mitte Dezember zu haben, ist sehr unangenehm.“

Doch wie konnte der Fehler überhaupt passieren? Schließlich dürften herbstliche Bedingungen auf Zugstrecken keine Überraschung sein. Durch die Nässe und fein zerriebenes Herbstlaub würden die Schienen glatt „wie Schmierseife“, erklärt Gerstner. Auch Ferstl spricht von einem „Herbstphänomen“, das natürlich bekannt sei und das es zu berücksichtigen gelte.

„Wir haben viel getestet und versucht, die Bedingungen für das Herbstphänomen zu simulieren“, erklärt Ferstl. Die Züge seien sogar auf einer Teststrecke gefahren, auf der die Schienen mit Schmierseife eingerieben waren, berichtet Gerstner. Da habe das Gleit- und Schleuderschutzsystem seine Arbeit wie gewünscht erledigt.

Besondere Bedingungen auf der Schönbuchbahn

Offenbar zeigte sich erst im regulären Betrieb: Es passt doch nicht.„Die Realität konkret abzubilden ist immer schwierig“, sagt Ferstl. Trotz Erfahrungen mit dem „Herbstphänomen“ sei jedes System anders. „Man kann die Technik nicht einfach kopieren.“

Die Bedingungen für die Schönbuchbahn seien sehr speziell: Sie müsse schnell beschleunigen, schnell abbremsen, halte oft und nehme viele Fahrgäste mit. Große Abschnitte der Strecke führten zudem durch Wald, Laub auf den Schienen dürfte also keine Seltenheit sein. Mit den Schwierigkeiten in der Vergangenheit – dem Hickhack um die Bremsen – habe der Fehler jedoch nichts zu tun. Auch Gefahr für Menschen habe nicht bestanden.

Wer für den Ausfall bezahlt, ist noch offen

Für die Schönbuchbahn reiht sich der aktuelle Ausfall in eine ganze Reihe von Ärgernissen ein. Vor allem die Bremsen, denen zunächst die Genehmigung verweigert worden war, verzögerten die Inbetriebnahme der neuen Züge deutlich. Zweimal musste der Termin für die offizielle Jungfernfahrt verschoben werden.

Nicht nur nervig für die Fahrgäste, sondern auch teuer. Jüngst einigten sich der Landkreis und die Herstellerfirma CAF auf einen Ausgleich, der durch die Verzögerungen entstanden war. Wer die Kosten für den aktuellen Ausfall und den Schienenersatzverkehr trägt, ist noch offen. Vorerst liegen sie beim Zweckverband, der sich zur Höhe der Ausgaben nicht äußert. Die neuen Räder, die ersetzt werden müssen, übernimmt CAF.

Bleibt zu hoffen, dass mit der Fehlerbehebung die Nexios endlich voll durchstarten können – und die Fahrgäste wieder bequem mit den neuen Zügen fahren können.

Neue Nexios und Fahrgastzahlen

Fahrzeuge
Insgesamt stehen dem Zweckverband Schönbuchbahn künftig zwölf Nexios zur Verfügung. Neun hat der ZVS bereits von CAF übernommen, die drei weiteren sollen bis Ende des Jahres überreicht werden. An den Kosten von 67 Millionen Euro beteiligt sich das Land mit zwölf Millionen.

Fahrgastzahlen
Aktuell nutzen laut ZVS-Geschäftsführer Gerstner 8000 bis 9000 Menschen am Tag die Schönbuchbahn. Wenn die Nexios einmal pannenfrei unterwegs sind, rechnet er mit einer deutlichen Zunahme der Fahrgastzahlen – auf 14000 am Tag.

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