Schöner wohnen auf der Ostalb Ein Bungalow aus Licht und Glas

Der weiße Bungalow am Albtrauf: Die prägnanten Einschnitte in das Gebäudevolumen ermöglichen den Lichteinfall bis in die Tiefe des Wohnbereichs. Foto: Brigida González

Am Rand der Schwäbischen Alb hat sich eine Familie den Traum von einem sonnigen Domizil verwirklicht. Zu Besuch in einem spektakulären Architektenhaus in Aalen. [Plus-Archiv]

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Aalen - Mit einem ausnehmend sympathischen „Herzlich willkommen“ begrüßt einen die Bauherrin an der Eingangstür und winkt lachend herein. Es ist ein sonniger Nachmittag in Aalen. Das unmittelbar am Albtrauf gelegene Architektenhaus fällt schon von Weitem auf, obwohl es von der Höhe und Breite her zwischen seinen Nachbarbauten geradezu bescheiden dimensioniert wirkt.

 

Weiße Fassaden

Doch der Bau leuchtet unübersehbar mit seinen gleißend weißen Fassaden und den großen, die Lichtstrahlen reflektierenden Fensterflächen. Fehlen nur noch das Mittelmeer und eine sanfte Brise. Keine Frage, das Haus am Albtrauf ist eine wohltuende Abwechslung in dem Wohngebiet aus den 70er Jahren mit dem allzu bekannten Einerlei an funktionalen Gebäudeformen.

Renommierte Auswahl

Wochen vor dem Ausbruch der Corona-Krise darf man sich noch über fremden Besuch freuen, sich die Hände reichen, maskenlos scherzen, als kennte man sich schon ein halbes Leben lang. Auch der Bauherr ist anwesend. Er ist sichtlich gespannt auf die Fragen zum eigenen Projekt, dem viel gelobten. Schließlich wurde es im vergangenen Jahr in die renommierte Auswahl der 50 besten Einfamilienhäuser aufgenommen, die regelmäßig von einer Fachjury in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Architekturmuseum und dem Callwey Verlag prämiert werden. Man wolle aber namentlich nicht auftauchen im Porträt, bittet das Paar, man wisse ja nie, wer dann nach der Veröffentlichung ums schöne Haus schleicht.

Die Küche als Lieblingsraum

Auch gut. Und so plaudert man in entspannter Atmosphäre los und bemerkt als Gast erst auf den zweiten Blick, weshalb man sich hier so wohlfühlt: Es liegt, ganz klar, an der Architektur. Man steht nämlich nach dem Betreten des Hauses im erweiterten Küchenbereich, der von zwei Seiten Tageslicht erhält. Die weiße, schlichte Küche, die anderswo oft nur eine versteckte, verschattete Kochzelle ist, avanciert hier zum Zentrum des Hauses, ohne dabei ein steriler Showroom zu sein. „Ist es nicht so, dass jede gute Party irgendwann mit Sicherheit in der Küche endet?“, lautet die eher rhetorische Frage der Bauherrin. Und die Antwort gibt der Ehemann: „Die Küche ist definitiv mein Lieblingsraum.“

Keine Raumhüllen

Wer nicht gern kocht, nur freudlos mit der Familie und den Freunden am Küchenblock – einer unprätentiösen wie exakt durchgeführten Schreinerarbeit – Platz nimmt, für den wäre dieser Entwurf nichts gewesen. „Das Haus muss funktionieren und die Lebenswirklichkeit abbilden“, erklärt Bernd Liebel, der Architekt des Hauses, der inzwischen dazugestoßen ist und ebenfalls die Bauherren herzt. Nur so am Rande: Bauherren, die ihren Architekten noch viele Jahre nach der Fertigstellung des Projekts umarmen, sind eine absolute Ausnahme. Oft trifft man sich vor Gericht oder nie mehr wieder. Bernd Liebel aber ist ein erfahrener Architekt, der seit zwei Jahrzehnten in Aalen ein Planungsbüro mit mittlerweile 20 Mitarbeitern leitet und zahlreiche Auszeichnungen erhalten hat. „Wir bauen keine Raumhüllen“, betont Bernd Liebel, „sondern schaffen Innenräume mit hoher Aufenthaltsqualität.“ Außerdem ahnte er ziemlich bald, dass aus dieser Arbeit etwas Besonderes entstehen könne, was auch an den Auftraggebern lag. „Bauherren mit einer gewissen Lebenserfahrung sind offen für einen konstruktiven Dialog“, sagt Liebel. Man kann etwas wagen.

Fünfjährige Suche

Umso mehr habe ihn, wie er sich gern erinnert, das Projekt am Albtrauf von Beginn an interessiert. „Das Grundstück war spannend“, sagt Bernd Liebel. Man kann es auch anders formulieren: Wer es auf diesem Grundstück schafft, der schafft es überall. Denn das Grundstück der Bauherren, das sie nach bald fünfjähriger Suche gefunden hatten, war kaum mehr als eine Baulücke an einem abfallenden Nordhang. Es ist recht schmal und lang gezogen, auch wenn die Fotos sicherlich anderes suggerieren. Man musste also mit zwei Höhenniveaus arbeiten. Und zu allem Übel waren und sind die Abstände zu den Nachbarhäusern im Süden und Norden äußerst knapp bemessen. Immerhin war die nach Westen gerichtete Rückseite mit dem langen Gartenstück unverbaut.

Haus mit viel Licht

Und genau auf dieser 2000 Quadratmeter großen, aber leider nur doppelgaragenschmalen und schiefen Parzelle, auf der das Baurechtsamt nie und nimmer die Errichtung einen Wolkenkratzers als Tiny House erlaubt hätte, wünschten die Bauherren für sich und ihre zwei Kinder ein praktisches und großzügiges Wohnhaus mit viel Tageslicht. Punkt.

Bonsai im Atrium

Bernd Liebel und sein Team nahmen die Herausforderung an und entwarfen einen reduziert gestalteten Bungalow, mit dem Unterschied, dass eben nicht bloß zwei oder drei Betonschachteln in L-Form auf das Grundstück geworfen wurden. Der außergewöhnliche, weil lichte Galerie-Eindruck kommt durch die raffinierten Einschnitte in das Raumvolumen wie auch in die Dachfläche zustande. Man könnte sich auch in einem Kunstpavillon wähnen, allein schon wegen des schön inszenierten Bonsais im Atrium zwischen Badezimmer und Essbereich. Dieser weder eindeutig außen noch innen zu verortende Raum ist ungemein wichtig: Denn durch vertikale Lamellen lässt sich hier der Lichteinfall in die Küche und den Eingangsbereich regulieren. Und je nach Intensität wirkt alles größer oder kleiner. Auch Schatten spielen hier eine wichtige Rolle. Gegenüber und versetzt findet sich ein weiterer Einschnitt zur Südseite hin, wo ebenfalls Lamellen die Morgensonne ins Haus lassen. Der Außenraum ist so immer auch Teil der Wohnung, durch den Einbau von bodentiefen Fenstern gehen der Wohnbereich und die überdachten Terrassen beinahe unmerklich ineinander über. Ebenfalls wichtig: Die Dachscheibe nimmt fast die komplette zulässige Baufläche ein.

Licht und Freiheit

Zunächst einmal muten diese Einschnitte wie ein Verlust an Wohnfläche und Stauraum an; doch der Gewinn an Licht und Freiheit entschädigt für alles, zumal man im Untergeschoss genügend Platz für den übrigen Lebenskrempel findet, der sich auf die Garage, die Technikräume, den Fitnessraum sowie ein Büro verteilt. Alles ist barrierefrei zugänglich. „Ein Haus darf nicht zulasten anderer Dinge gehen“, betont Bernd Liebel. Ein Haus muss für die Menschen da sein, nicht umgekehrt.

Nicht abweisend

Auf der Ostalb in Aalen ist der schmale Glasbungalow mit einer Wohnfläche von gut 250 Quadratmetern eine kleine architektonische Sensation: Durchkomponiert steht der Bau in der Nachbarschaft von Parkplätzen und älteren Wohnhäusern. Mit seinem Fensterband über der Garage zeigt er sich zur Straße hin nüchtern und doch nicht abweisend. Die Rückseite aber mit dem unverbauten Grünstreifen und der überraschenden Abfolge von Loggien und Atrien lässt einen durchatmen, meditieren. Vor allem macht der Entwurf deutlich, wie viel Qualität möglich ist, auch wenn die Möglichkeiten begrenzt sind.

Dieser Text erschien erstmals am 08.05.2020. 

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