Die Bauherrin Kirsten Lange – strahlend grüne Augen, braun gebrannt von der Gartenarbeit, wie sie später sagen wird – öffnet die Tür zu der sich sanft in den Hügel schmiegenden Flachdach-Villa und klärt über das Geräusch auf: ein gegen eine Betonwand knallender Fußball. Die Jungs, die im Parterre residieren, können von ihren Zimmern aus auf ihre Fußballwiese treten.
So profitieren die Kinder von einem der Wünsche, die das Bauherrenehepaar Kirsten Lange und Christian Scheller der Architektin Anna Philipp unterbreitet hatten: Die Kinderzimmer mögen weitestmöglich von den Elternzimmern entfernt liegen.
„Das klingt etwas herzlos“, sagt Kirsten Lange, „aber spätestens als der Ältere in die Pubertät kam, haben wir das sehr zu schätzen gewusst.“ Sicher würden die Kinder zustimmen – in Ruhe laute Musik hören, nachts heimkehren, ohne auf Zehenspitzen am Elternschlafzimmer vorbeitrippeln zu müssen.
Gästezimmer und Weinkeller im Erdgeschoss
Weil die Familie gern Besuch beherbergt, ist im Erdgeschoss überdies ein Gästezimmer samt Bad untergebracht und auf dem Weg von der Garage ins Haus ein imposanter Garderobenraum. Und ein Weinkeller – die Weinsammlung lagert in gebeizten Kiefernholzregalen, verkostet werden kann an einem Tresen aus einem entrindeten Baumstamm.
Der Lebensmittelpunkt aber ist im Herzen des L-förmig angelegten Gebäudes im ersten Stock. „Die Familie wünschte sich einen hellen, großzügigen Rückzugsort und wir begreifen unsere Häuser wie einen Maßanzug, den wir um die Personen herum schneidern“, sagt Anna Philipp. „Die L-Form bietet eine maximale Öffnungsmöglichkeit. Wir konnten Räume und Übergänge zwischen Natur und Privatsphäre schaffen, die von außen uneinsichtig ist. So haben die Bewohner viel Licht und Sonne und können sich zugleich unbeobachtet frei bewegen.“
Swimmingpool und Gräsergarten
Kirsten Lange führt die schlichte dunke Holztreppe hinauf, die gut zu den hellen Wänden kontrastiert: Hier öffnet sich das Haus – beeindruckende Luftigkeit. Der offene Raum führt an einem Esstisch vorbei in die weiße Einbauküche und zu einer blockigen dunklen Kochinsel.
„Ich koche gerne, deshalb haben wir auch eine sehr praktische Vorratskammer“, sagt Kirsten Lange und öffnet die Tür neben einer Terrassentür, die zum Frühstücksgarten samt Kräutergarten hinausführt. Wie im Weinkeller, im Wohnzimmer und in den Schlafräumen im Obergeschoss hat ein Schreiner mit schlichten Einbaumöbeln jede Menge Stauraum geschaffen.
Vom Küchenfenster aus blicken die Bewohner ins Grüne, auch vom Wohnzimmer aus, das auf die überdachte Terrasse und zum Swimmingpool führt. Lounge-Sofas, überdacht und unter freiem Himmel, finden hier Platz. „Wir haben schon Partys mit 80 Gästen gehabt“, sagt Kirsten Lange. Im Garten – viele Gräser, im schattigen Teil Hortensien – findet sich zudem eine Feuerstelle zum Grillen. „Da haben wir oft mit den Kindern gesessen, gegrillt und Lagerfeuer gemacht“, sagt Kirsten Lange.
„Längst fahren wir im Sommer nicht mehr in den Urlaub, dafür sind wir lieber im Winter unterwegs. Ich mag das viele Licht und das Gefühl für Weite.“ Die Architektin dürfte das freuen: „Für mich ist ein Haus dann schön und gelungen, wenn das Zuhause ein Ort ist, den man nicht mehr verlassen möchte.“
Imposante Bibliothek als Rückzugsort
So sonnig die Villa ist, so sehr beeindruckt auch ein eher dunklerer Ort: die Bibliothek. Eine sechs Meter hohe Bücherwand verbindet Wohn- und Obergeschoss. „Wir haben die Bibliothek im Drehpunkt des Gebäudes“, sagt Anna Philipp. „Es ist ein Lichtraum, der nach oben schießt.“ In diesem fast quadratischen Raum laden Ledersessel dazu ein, sich zum Lesen zurückzuziehen. Kirsten Lange: „Wir lesen sehr viel, auch auf dem Smartphone, aber es gibt viele Bücher, die wir um uns haben mögen.“
So durchdacht ist das Haus mit seinen 430 Quadratmeter Wohnfläche bis hin zum Obergeschoss, in dem sich Schlafräume, Büro, Bäder, Sauna und eine Terrasse mit Whirlpool und Blick aufs Ulmer Münster befinden, dass man den Eindruck bekommt, hier sei jahrelang penibel geplant worden. Tatsächlich ging alles relativ schnell, die Bauzeit betrug ein knappes Jahr.
Kirsten Lange (53), die nach ihrer Journalistenausbildung Wirtschaft studiert hat, jahrzehntelang als Unternehmensberaterin gearbeitet hat und in mehreren Firmen im Aufsichtsrat sitzt, ist eine Frau, die fokussiert, zupackend wirkt. „Wir mussten beruflich von München nach Ulm ziehen und haben für uns, die Kinder, die Haushälterin und den Hund kein Haus zur Miete gefunden“, sagt Kirsten Lange. Die Arbeiten von Anna Philipp hatten ihr gefallen, „wegen der klaren Linien ihrer Häuser“, also engagierten die Bauherren die Architektin mit Büros in Waldenbuch bei Schwäbisch Hall und in Frankfurt – deren erster Entwurf „schon so gut wie perfekt war“.
Der Baukörper schmiegt sich in den Hang hinein
Im Juli wurde das alte Satteldach-Haus abgerissen, im Mai des Jahres danach zog die Familie ein. München zu verlassen, sei ihr nicht schwer gefallen sagt Kirsten Lange: „Wir sind begeistert von dem Kleinstadtleben. Ulm ist schön, auch die Altstadt. Die Leute hier sind nett und freundlich. Man müsste mir schon sehr viel Geld bezahlen, damit ich wieder nach München zurückziehe.“
Auch beim Grundstücksuchen hat die Architektin übrigens geholfen. Die Bauherren hatten das Grundstück im Blick gehabt, aber es war nur teilbebaubar, weil eine Leitung unterm Grundstück verläuft. Anna Philipp: „Unser Mitarbeiter hatte sich das vor Ort angeschaut und gesehen, dass man die Fläche mit einer Terrasse und einem Pool bebauen konnte.“
Glück auch, dass die Verkäufer die Idee schön fanden, dass hier wieder ein Einfamilienhaus entsteht. Zuvor war dies das Zuhause eines Oberbürgermeisters gewesen. Anna Philipp: „Das Grundstück hat eine deutliche Hanglage, wir wollten einen Baukörper mit ebenen Flächen generieren, der nicht massiv wirkt, sondern sich harmonisch einfügt.“ Das alte Haus, das etwas umständlich von der Rückseite zu betreten war, wich der filigran wirkenden Villa. Nur der alte Wetterhahn thront noch als Erinnerung an alte Zeiten auf einem Balkongeländer.