Stuttgart - Echte Models trifft man nicht in der Modelagentur Rothchild in Stuttgart. Dafür hängen an den Wänden Dutzende von so genannten Sedkarten, also die Visitenkarten der Models, auf denen neben vielen Fotos die wichtigsten Merkmale verzeichnet sind: Größe, Körpermaße, Haarfarbe, Augenfarbe. Auffällig: es sind nicht nur junge Frauen und Männer, die einen von den Wänden anlächeln, es sind auch ältere Versionen dabei. Die so genannten Best-Ager-Models oder Senior-Models sind im Kommen. In der Agentur von Kate Karl, der Chefin von Rothchild-Models, heißen diese „Ladies“ und „Gentlemen“ im Gegensatz zu den jüngeren Kandidaten „Women“ und „Men“.
Plus-Size-, Transgender- und Diversity-Models sind im Kommen
Sie haben silbergraues Haar, Fältchen und Falten, sind unverkennbar jenseits der 40 oder 50 und werden für die Werbebranche immer attraktiver. „Vor 20 Jahren war man mit 40 als Model alt, inzwischen fangen manche in dem Alter erst an“, sagt Kate Karl. Die Generation der Best Ager ist eine relevante Konsumenten-Zielgruppe, da braucht es entsprechende Werbetypen. In der Gesundheits-, Reise-, Mode- und Kosmetikbranche haben ältere Models gute Karten.
Wenngleich das Schönheitsideal jung, groß und schlank weiterhin dominiert. Aber es gibt neben den Best-Ager-Models weitere Ausreißer. Vielfalt und Toleranz sind schließlich auch in der Modebranche zu Schlüsselbegriffen geworden. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Plus-Size-Models, also normalgewichtige bis fülligere Models, Transgender-Models – Frauen, die als Männer geboren wurden – oder Models mit körperlichen Einschränkungen wie Hautkrankheiten oder Beinamputationen, sogenannte Diversity-Models.
Kate Karl schränkt ein: „Besondere Models haben wir kaum, und die werden von unseren Kunden auch nicht nachgefragt. Diese Phänomene sind eher einem gesellschaftlichen Trend geschuldet. Bei den Plus-Size-Models arbeitet nur ein kleiner Teil professionell.“
Die Modewochen werden auf ihre ethnische Vielfalt hin analysiert
Dennoch: bei den Herbst- und Winterschauen 2017/18 überstrahlte das Thema Vielfalt die Kollektionen in New York, Paris, Mailand und London. Noch nie hat man so viele Frauen unterschiedlicher Nationalitäten, Altersgruppen und Figuren auf den Laufstegen gesehen.
Laut dem „Runway-Diversity-Report“ des Mode-Nachrichtenportals „The Fashion Spot“, welches die Model-Castings der vier wichtigsten Modewochen auf ihre ethnische Vielfalt hin analysiert, waren von 7035 Models auf 241 Modenschauen 28 Prozent dunkelhäutig oder asiatischer Herkunft. 30 Plus-Size- und 12 Transgender-Models liefen über die Laufstege – so viele wie noch nie. Außerdem gab es 21 Frauen, die älter als 50 Jahre waren. Bei den Herbst-Schauen 2019 zeigte sich die Vielfalt noch stärker: knapp 39 Prozent der 7300 Models waren nicht weiß – mehr als je zuvor.
Die Ergebnisse entfachten in der Branche eine Diskussion über den Zustand des Modelgeschäfts, in dem das Schönheitsideal nicht die Kundschaft repräsentiert, die sie ansprechen will, und nicht die Gesellschaft widerspiegelt, die sie einkleiden möchte: Menschen aller Altersgruppen und Kleidergrößen, aller Nationalitäten und Geschlechter.
„Es ist paradox“, sagt Kerstin Tischler, Bookerin bei Rothchild-Models. „Auch bei Modeschauen abseits der großen Metropolen sitzen in den ersten Reihen meistens normalgewichtige Frauen zwischen Kleidergröße 40 und 46, die anschließend teilweise enttäuscht sind, wenn die Outfits an ihnen ganz anders aussehen als an den Models mit Kleidergröße 34, 36.“
Es gibt Idole, die für ein toleranteres Frauenbild stehen
Die Branche wandelt sich langsam, aber sie wandelt sich. Auch Heidi Klum hat die Vielfalt für sich entdeckt: in ihrer Sendung „Germany’s Next Topmodel“ dürfen inzwischen junge Frauen mitmachen, die nicht dem 90-60-90-Ideal entsprechen, dunkelhäutig oder – wie in der vergangenen Staffel – nicht mit weiblichem Geschlecht auf die Welt gekommen sind.
Es gibt inzwischen Idole, die für ein anderes, toleranteres Frauenbild stehen. Die neuen Stars heißen Hari Nef, das erste US-Transgender-Model, das von der bekannten Agentur IMG unter Vertrag genommen wurde, Ashley Graham, prominentes US-Plus-Size-Model, Winnie Harlow, ein sehr präsentes dunkelhäutiges Model aus Kanada mit der Weißflecken-Hautkrankheit Vitiligo, oder Halima Aden, eine US-Muslima mit somalischen Wurzeln, die mit Kopftuch modelt.
Auch unter den Best-Ager-Models gibt es Stars. Die 75-jährige Benedetta Barzini zum Beispiel, die 2017 in Mailand die Kollektion von Simone Rocha auf dem Laufsteg präsentiert hat. Oder die Deutsche Anna von Rüden: die 68-Jährige hat für die portugiesische „Vogue“ gearbeitet, lief bei der Berliner Fashion Week und hat in einem Video der Band Rammstein mitgewirkt.
Sie ist eines der wenigen Models, die in der Welt der ewigen Jugend Falten und graue Haare haben darf und damit tatsächlich erfolgreich ist. In einem Interview sagte sie: „Man hat bei einigen Fotografen noch heute den Eindruck, die haben regelrecht Angst vor Falten. Das ist etwas, was nicht in diese glatte Welt passt.“
Die Designer wollen große, schlanke Models
Warum sich das gängige Schönheitsideal trotz allem hartnäckig hält, darauf hat auch Stefanie Funk keine schlüssige Antwort. Die 29-Jährige arbeitet seit zehn Jahren als Model. Sie bringt die Voraussetzungen mit, die von vielen kritisiert werden, aber immer noch zum Standard gehören: 57 Kilogramm bei 1,78 Meter Körpergröße, Kleidergröße 36. Als die gelernte Veranstaltungskauffrau aus Karlsruhe mit Anfang 20 bei der Fashion Week in London mitlaufen durfte, wog sie 52 Kilo.
„Die Designer wollen, dass ihre Kleider an großen, dünnen Mädchen präsentiert werden. Ein Hüftumfang von 92 Zentimetern gilt vielen schon als zu dick.“ „Vogue“-Fotograf Mario Testino hat es einmal so formuliert: „Dünne Frauen will man anziehen. Kurvige Frauen will man ausziehen.“ Stefanie Funk erinnert sich an eine Mittagspause in London, in der sie mit einer Modelkollegin essen ging. „Sie hat mich mit großen Augen angeschaut, als ich Dressing zum Salat genommen habe, und hat selbst drei Blätter ohne alles und etwas Mais gegessen.“
Mehr Natürlichkeit und Authentizität
Situationen, in denen ihr von Castingleuten am Hintern herumgetatscht wurde mit dem Hinweis, dass da ja schon noch etwas zum Abspecken drin sei, kennt Stefanie Funk. Das sind die Schattenseiten eines Berufs, von dem sie seit Kindertagen geträumt hat. „Man muss sich schon ein dickes Fell antrainieren, sonst gehen einem solche Dinge zu nah.“ Sie habe inzwischen aufgehört, auf jegliche Genüsse zu verzichten.
Sie möchte noch einiges erreichen, ein Magazin-Cover wäre schön. Später, hofft Stefanie Funk, in die Best-Ager-Nische zu rutschen. So wie ihre Mutter. Rita Bertsch war in jungen Jahren kein Model, hat aber die Nische seit acht Jahren für sich entdeckt. Ob für die „Apotheken Umschau“, Krankenversicherungen, Kosmetikmarken oder eine Traktorenfirma – die 56-jährige Drogerie-Angestellte ist gut im Geschäft. „Als ich angefangen habe, gab es noch nicht viele Best-Ager-Models. Inzwischen werden es immer mehr. Es ist schön, wenn man in fortgeschrittenem Alter noch einmal so eine Bestätigung bekommt.“
Der Trend geht hin zu mehr Natürlichkeit und Authentizität. Unverwechselbarkeit, Markantes ist gefragt. Oder wie es bei Rothchild-Models heißt: „Es ist viel typiger geworden.“ Früher wollte man das perfekte Gesicht, das dem goldenen Schnitt – einem bestimmten Verhältnis des Augenabstands und des Augen-Mund-Abstands – entsprach.
Die Ausstrahlung muss stimmen
Heute sind individuelle Merkmale wie dichte Augenbrauen oder extreme Haarschnitte, rasierte Köpfe, Zahnlücken, Sommersprossen oder markante Nasen gefragt. Tätowierungen oder Vollbärte bei Männern – früher ein No-Go – sind gang und gäbe. Falten bei Best-Ager-Models Standard. Wer sie sich wegspritzen lässt, schadet womöglich dem Geschäft.
„Man muss attraktiv und charismatisch sein, auch ein bisschen Schrägheit darf dabei sein, die Ausstrahlung muss einfach stimmen“, sagt Bookerin Kerstin Tischler. Vieles geht, bloß eben nicht normal.