Schon zehn „Chaostage“ seit Ferienende S-Bahn-Misere – wie lange geht das noch so weiter?

Im Herbst 2023 ist die Stuttgarter S-Bahn so unpünktlich wie noch nie. Foto: imago/Arnulf Hettrich

Seit Ende der Sommerferien läuft es bei der Stuttgarter S-Bahn alles andere als rund. Die Pünktlichkeitswerte sind so niedrig wie nie. Die Bahn verspricht Verbesserungen.

Am Dienstagabend erreichte der ohnehin schon triste S-Bahn-Herbst einen neuen Tiefpunkt. Gegen 20 Uhr war de facto keine einzige S-Bahn im Stuttgarter Netz mehr pünktlich unterwegs. 98 Prozent der Bahnen hatten eine Verspätung von drei Minuten oder mehr, neun von zehn Bahnen waren gar mit mindestens sechs Minuten Verspätung unterwegs. Das ergibt unsere Auswertung von Daten des Portals „S-Bahn-Chaos“.

 

Der Name ist Programm. Der Dienstag war der fünfzehnte „Chaostag“ im S-Bahn-Netz, zwei weitere folgten am Mittwoch und Donnerstag. An zehn Tagen seit Ende der Sommerferien waren die Bahnen massiv verspätet – mehr als in den neun Monaten davor, in denen sieben „Chaostage“ gezählt wurden. An solchen Tagen ist im Tagesmittel mindestens eine von fünf S-Bahnen mit sechs Minuten oder mehr Verspätung unterwegs. Sie sind besonders ärgerlich für Fahrgäste, weil unter anderem Umsteigeverbindungen oft verpasst werden.

Pünktlichkeit sackt ab

Auch laut von der Bahn selbst ermittelten Werten ist man aktuell unpünktlicher als in den Vorjahren, im September und Oktober ist die Pünktlichkeit besonders stark abgesackt. Nur noch knapp 87 Prozent aller Züge waren im Oktober mit weniger als sechs Minuten Verspätung unterwegs – das langjährige Mittel liegt bei mehr als 94 Prozent.

Was sind die Ursachen? Am Mittwoch verwies ein Bahnsprecher auf die Probleme mit den neuen S-Bahn-Zügen des Herstellers Alstom. Die allerdings sind seit mehr als einem Jahr bekannt und werden in einer Plochinger Werkstatt behoben. Die sich verschärfende Misere bei der Pünktlichkeit erklärt das also höchstens zum Teil. „Ad-hoc-Unregelmäßigkeiten sind bei der Bahn nie auszuschließen“, sagt der Sprecher – gemeint sind Weichenstörungen oder ein liegengebliebener Zug. Auch Polizeieinsätze oder Personen im Gleis sorgten in den vergangenen Monaten für „Chaostage“.

„Mich wundert gar nichts mehr“

Nicht in allen Fällen kann die Bahn etwas für die Verspätungen. Zu spät kommen die Fahrgäste trotzdem, und ihrem Ärger machen sie auch online Luft. „Mich wundert gar nichts mehr. Nur falls ich mal pünktlich ankommen sollte…“, schreibt ein User unter einem Beitrag der Stuttgarter Zeitung auf Instagram. Ein anderer: „Wie oft ich meine Tochter fahren muss, weil mal wieder keine S-Bahn kommt, kann ich schon gar nicht mehr zählen.“

Auch beim Portal „S-Bahn-Chaos“, von dem wir Echtzeit-Pünktlichkeitswerte beziehen, gehen Berichte von frustrierten Pendlern ein – und immer neue Negativrekorde bei der Pünktlichkeit. „Es wird immer schlimmer“, sagt ein Ehrenamtlicher von S-Bahn-Chaos.de. Er sieht bei der S-Bahn vermehrt Probleme bei der Infrastruktur, auch bei den neuen Zügen und infolge von erkranktem Personal.

Besserung versprochen – irgendwann

Der Bahnsprecher verspricht Besserung – allerdings nicht sofort. Am Bahnhof Vaihingen würden Anfang des kommenden Jahres zahlreiche Weichen erneuert, zudem die Gleise auf der Flughafenstrecke. Der „digitale Knoten“, also die Umstellung auf digitale Steuerung des Zugverkehrs, schaffe Puffer und ermögliche etwa längere Ein- und Ausstiegszeiten an den Haltestellen. „Derzeit sind 30 Sekunden Umsteigezeit eingeplant. Für voll besetzte Langzüge reicht das nicht“, sagt der Sprecher. Auch dass sich die S-Bahn immer wieder die Gleise mit anderen Zügen teilen müsse, sorge für Verspätungen.

Oft häufen sich Verspätungen an, Probleme in einem Teil des Netzes übertragen sich auf andere Linien. Auf der dicht befahrenen Stammstrecke bremsen verspätete Bahnen sofort die Folgezüge aus.

Sind also schlicht zu viele Bahnen unterwegs? Ja, sagt die S-Bahn. „Ein reduziertes Angebot in den Mittagsstunden wäre für die betriebliche Stabilität sinnvoll“ – würde aber auch für vollere Züge sorgen und Hauptkundengruppen wie Pendler und Schüler treffen. Deshalb wird von Mitte Dezember an lediglich ab 19 Uhr und samstags ausgedünnt; in diesen Zeiten fährt die S-Bahn mindestens ein Jahr lang nur im Halbstundentakt.

Regionalrat „frustriert und darüber hinaus“

Für Regionalrat Rainer Ganske (CDU) wäre es „absolut nicht akzeptabel“, den 15-Minuten-Takt noch weiter zurückzufahren: „Die Bahnen sind ja voll.“ Lieber seien ihm ein dichter Takt und „etwas verspätete Züge“. Kurzfristige Verbesserungen sieht er nicht. Ganske hofft auf den „digitalen Knoten“, „aber das dauert noch einige Jahre“. Bis 2030 soll der S-Bahn-Verkehr in der Region digitalisiert laufen, ab 2025 in Stuttgart.

Er sei „frustriert und darüber hinaus“, sagt Michael Lateier (Grüne). Wie auch anderswo in Deutschland zeigten sich die Folgen der vernachlässigten Bahn-Infrastruktur: „Man hat das sehenden Auges in Kauf genommen.“ Eine schnelle Lösung sieht der Regionalrat allerdings nicht. In der Hauptverkehrszeit könne man auf keinen Zug verzichten. „Wir sind beim Bedarf weit über das hinaus, was vor fünfzig Jahren geplant wurde“, sagt Lateier. Beim digitalen Knoten werde man „darauf drängen, dass die Zeitpläne eingehalten werden“.

Das Jahr 2023 wird so schlecht wie noch nie, sagt der Ehrenamtliche von S-Bahn-Chaos. Er hat die Pünktlichkeitswerte der vergangenen Jahre ausgewertet; in den Monaten Oktober bis Dezember sind die S-Bahnen typischerweise weniger pünktlich als im Jahresschnitt. Regionalpolitiker Ganske sieht in der kälteren Jahreszeit eine Kombination aus volleren Bahnen und mehr krankem Personal am Werk. Bis Weihnachten drohen also weitere „Chaostage“.

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