Erwin hat es nicht immer leicht gehabt im Leben. Umso mehr lässt er es sich bei der Vesperkirche schmecken. Foto: Julian Rettig
Bereits zum zweiten Mal hat am Sonntag die Vesperkirche Schorndorf ihre Türen geöffnet. Bis 5. Februar wird es wieder Essen und Miteinander zum kleinen Preis im Martin-Luther-Haus geben.
Erwin hat Hunger und macht sich sofort über den dampfenden Teller mit Gulasch und Nudeln her, den ihm ein fleißiger Helfer serviert. „Da kriegt niemand was ab“, sagt der gebürtige Waiblinger, der seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Aber abgeben muss er auch nichts, denn es sind genügend Essen da am Eröffnungstag für die zweite Auflage der Vesperkirche Schorndorf.
Wer den großen, hellen und schön eingedeckten Raum im Martin-Luther-Haus betritt, kann sich an einem kleinen Tisch am Eingang sein Märkchen kaufen – entweder für das vegetarische Gericht mit Salat oder für die Fleischvariante, ebenfalls mit Salat vorneweg. 1,50 Euro kostet das Essen, wer mehr geben kann und will, darf das tun. Dann bleibt nur noch die Überlegung, ob mit oder ohne Fleisch. Erwin muss nicht lange überlegen, das herzhafte Fleischgericht soll es sein. Genauso unbestritten ist für ihn die Tatsache, dass er das kostengünstige Essen wahrnimmt. „Das hat es früher schon mal gegeben. Jetzt habe ich meinen festen Wohnsitz wieder in Schorndorf und finde das Angebot toll, denn am Ende des Monats bleibt wenig übrig.“
Er müsse mit Bürgergeld und einer angeborenen Fehlbildung an der Hand über die Runden kommen, sagt Erwin. Diese Behinderung habe es ihm zeitlebens schwer gemacht, einen vernünftigen Job zu ergattern. „Es hat vieles nicht so geklappt, doch irgendwann habe ich angefangen, mein Leben aufzuräumen“, sagt der trockene Alkoholiker und schaut sich begeistert um. „Jeder sollte so leben können, wie er will, und dabei Mensch bleiben dürfen. Das ist eine bunte Mischung hier, und das ist auch gut so.“
Das findet auch Isabel Munk, die die Vesperkirche maßgeblich organisiert hat – natürlich mit einem großen Team an ehrenamtlichen Helfern und vielen örtlichen Betrieben, die mitmachen und Lebensmittel spenden. „Das ist logistisch schon eine größere Nummer, wir haben 120 Plätze, 250 Essen werden ausgegeben. Aber es läuft richtig gut. Hier sitzen sowohl Senioren, die Gesellschaft suchen, als auch Bedürftige oder Familien mit Kindern. Das ist toll“, sagt die Diakonin und schnauft durch.
Vesperkirche – Die zweite Auflage war einfacher zu organisieren
Die Tage bis zum Auftakt waren gut gefüllt, und auch am Sonntag selbst atmet sie erst auf, als die Tische gefüllt und die Helfer mit dampfenden Tabletts durch die Reihen laufen. „Die letzte Nacht war unruhig, aber jetzt funktioniert alles.“ Generell sei es beim zweiten Mal einfacher gewesen mit der Organisation. Bereits kurz nach den Sommerferien wurden Gruppen und Vereine angeschrieben und dann die Schulen. „Im Oktober haben wir dann das Anmeldeportal freigeschaltet. Ich war begeistert, wie schnell Helfer gefunden waren.“ Diese werden dann im Vorfeld von der Diakonin in die verschiedenen Dienste eingeteilt. Es gibt genug zu tun. Aber alle, die helfen, machen es gern; Siegfried Stürmer beispielsweise. Der Schorndorfer kann es gar nicht erwarten, dass es losgeht.
Ein letztes Briefing, dann weiß jeder, was zu tun ist. Denn wenn alle Essen ausgegeben sind, stellt sich bei den Ersten schon der Kaffeedurst ein. Die Kuchen, die dazu serviert werden, stehen bereits auf einem Wagen. Die Leute dürfen es sich schmecken lassen, denn in Gesellschaft ist der Appetit wohl einfach größer.
Senioren schätzen die Geselligkeit der Vesperkirche
So denken auch Hannelore und Cornel Demling. Ihnen gehe es wirtschaftlich gut, aber sie seien allein und wüssten die Geselligkeit zu schätzen. „So kommen wir mal aus dem Haus und sehen andere Leute. Und hier schmeckt es auch immer so gut“, sagt Hannelore Demling und grinst ihren Mann an. Die beiden sind froh, dass es ihnen noch beziehungsweise wieder so gut geht. „Mein Mann war krank, hat es aber gut gemeistert. Dafür sind wir dankbar und wollen es uns auch hier gut gehen lassen.“
Die Ehrenamtlichen an der Essensausgabe haben alle Hände voll zu tun. Foto: Julian Rettig
Das Konzept überzeugt auch Schorndorfs Oberbürgermeister Bernd Hornikel. „Hier können alle zusammen kommen, egal ob arm oder reich, ob bedürftig oder nicht. Es ist toll und ermöglicht einen ganz anderen Blick“, sagt der Rathauschef zur Eröffnung der Vesperkirche und wünscht den Besuchern einen „Guten Appetit“. Den haben Romina Kramer und Siawash Amini, die das ökumenische Angebot genießen und sich über ihr Metzger-Mittagsessen freuen. „Das schmeckt richtig gut, und es ist eine schöne Atmosphäre hier“, sagt der Verkäufer eines Tafelladens und schaut zu seiner Partnerin, die in den Remstal-Werkstätten arbeitet. „Wir haben das Angebot auch schon im vergangenen Jahr genutzt.“
Und da sind sie nicht die Einzigen. Viele kennen sich, begrüßen sich herzlich und freuen sich, dass wieder Vesperkirchen-Zeit ist. Dabei kann sich auch das Rahmenprogramm sehen lassen: Gottesdienste und musikalische Beiträge.
Zudem wird immer wieder mal der Friseur vorbeischauen, und unter die Gäste mischen sich Berater und Seelsorger. „Auch wenn vor Ort meist keine Gespräche stattfinden, können erste Kontakte geknüpft werden“, sagt Isabel Munk und fügt an, dass dieses Mal sogar der Tierarzt vorbeischauen und Tierfutter verteilt werde. „Das ist ein Versuch, mal schauen, ob es angenommen wird. An einem Tag wird es auch Kinokarten für 1,50 Euro geben“, verrät die Diakonin und fügt an, dass man sich im Vorraum auch noch Backwaren mitnehmen kann.
Erwin, der ein VfB-Käppi dabei hat, würde sich über ein anderes Ticket noch mehr freuen als über die Möglichkeit, günstig ins Kino zu kommen oder Brötchen mitzunehmen: „Mein Wunsch wäre es, mal wieder ins Stadion zu gehen. Aber das Geld reicht einfach nicht.“
Vesperkirche Schorndorf
Info Wen weitere Informationen interessieren oder wer für das Angebot spenden möchte, findet alles Wissenswerte auf der Homepage unter https://www.vesperkirche-schorndorf.de.