Schorndorf-Modell Ertastbare Altstadt im Maßstab 1 : 750

Von Harald Beck 

Die Schorndorfer Weiber spendieren der Stadt ein Tastmodell, an dem Sehbehinderte sich ein Bild von den Gebäuden und Dimensionen des Kerns der Daimlerstadt machen können.

Christel Riedle,  Dorothee Eisrich, OB Matthias Klopfer und Künstler Egbert Broerken (von links) enthüllen das Tastmodell. Foto: Edgar Layher
Christel Riedle, Dorothee Eisrich, OB Matthias Klopfer und Künstler Egbert Broerken (von links) enthüllen das Tastmodell. Foto: Edgar Layher

Stadtmodell - Wenn es die Schorndorfer Weiber nicht schon gäbe, man müsste sie erfinden“ – Pfarrerin Dorothee Eisrich ist begeistert vom Engagement der Damen, die sich ums Wohl von Alten, Behinderten, Kindern und sonstigen Schorndorfern seit Jahrzehnten verdient machen. Jüngster Anlass der Freude: Das am Wochenende enthüllte Tastmodell der Schorndorfer Innenstadt, das die Altstadt im Maßstab 1 : 750 Für Menschen mit Sehbehinderung tastend erlebbar macht.

Modell aus Bronze auf einem Sockel aus Elbsandstein

Einen Meter lang und 75 Zentimeter breit ist das aus Bronze gefertigte und auf einem Sockel aus Elbsandstein platzierte Blindentastmodell vor dem Schorndorfer Stadtmuseum. Ein idealer Platz, sagte bei der Enthüllung der ebenfalls enthusiastische Oberbürgermeister der Stadt, Matthias Klopfer. „Dies ist ein zentraler Anlaufpunkt in der Stadt, der ideale Platz, wo man anhand dieses Modells das Stadtbild erklären kann.“ Ein wahrhaft historischer Ort im Übrigen zwischen alter Lateinschule und Stadtkirche, ergänzte die Pfarrerin. Dort wo einst der Friedhof lag, und wo vor gut 500 Jahren die Überreste der Anführer des Armen Konrads ruhten, deren Aufstand zum Ständevertrag, der ersten Verfassung in Württemberg, geführt hat.

Bei der Vorstellung des Tastmodells der Schorndorfer Altstadt mit maßstabsgetreu emporragender Stadtkirche und Postturm, ist auch der Künstler mit dabei gewesen, der rund zehn Monate lang an der Schorndorf-Miniatur gearbeitet hat. Es sei schon etwas Besonderes, sagte Egbert Broerken angesichts der gut 150 Besucher, vor so vielen Leuten eines seiner Modelle vorzustellen. Bei einer Führung mit blinden Kindern und Jugendlichen, so erzählte der Künstler aus Soest (Nordrhein-Westfalen) sei ihm einst angesichts der nackten und für diese kaum vorstellbaren Information, der Turm des Münsteraner Doms sei 76 Meter hoch, die Idee gekommen, diese Dimensionen auch für Sehbehinderte anschaulich zu machen. Seitdem hat er mehr als 170 solcher tastbarer Stadtmodelle angefertigt – unter anderem eines der aserbaidschanischen Metropole Baku. Aber: „Es macht einfach immer wieder Spaß, vor allem bei einer so schönen Stadt wie Schorndorf – das ist nach wie vor eine große Herausforderung.“

Erläuterungen in Blindenschrift

Die wichtigen Bauten der Stadt sind auf dem Modell in der Blindenschrift Braille erläutert. Diese wurde von 1825 an von dem Franzosen Louis Braille entwickelt und besteht aus Punktmustern, die auf Papier oder eben auf Metall mit den Fingerspitzen als Erhöhungen zu erfühlen und zu ertasten sind.

Bereits vor sieben Jahren hätten die Schorndorfer Weiber erste Überlegungen angestellt zum Projekt Stadtmodell, erläuterte Christel Riedel für die Spenderinnen des informativen Kunstwerks. Anno 1949 hat sich die Arbeitsgemeinschaft Schorndorfer Weiber mit Bezug auf jene unerschrockenen Schorndorfer Damen um Barabara Künkelin gegründet, die den örtlichen Annalen zufolge 1688 die Übergabe der Stadt an den französischen General Melác verhindert haben. Die Realisierung des ambitionierten Projekts mit Kosten im höheren fünfstelligen Bereich habe dann aber doch etwas länger gedauert. Denn für die komplett von den Schorndorfer Weibern geleistete Finanzierung des Blindentastmodells am Kirchplatz seien dann doch einige Anstrengungen, Einsätze und gewinnbringende Eigenaktionen nötig gewesen.

Es sei, sagte der OB beim Unterzeichnen der Schenkungsurkunde, für das integrative Modell eigentlich unglaublich, dass die Aktivistinnen fürs Wohl der Allgemeinheit, der Stadt ausgerechnet zum eigenen 70. Geburtstag ein solches Geschenk machten.