In einer Podiumsdiskussion vor der Kommunalwahl konfrontiert die Diakonie Stetten Lokalpolitiker mit Themen der Behindertenhilfe. Offen bleibt vor allem die Frage, wie Inklusion und andere Bedürfnisse von Menschen mit Einschränkungen finanziert werden sollen.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Schorndorf - Pascal Krafts Weg von seinem Arbeitsplatz in den Waiblinger Remstalwerkstätten zu seinem Wohnort nach Weiler ist mitunter abenteuerlich. Kraft ist auf einen Elektrorollstuhl angewiesen – und am Bahnhof deshalb auf einen Aufzug, der ihn an das richtige Gleis in Richtung Schorndorf befördert. Doch dass der Lift am Waiblinger Bahnhof funktioniert, sei eher die Ausnahme, sagt Kraft. Deshalb fahre er meist erst einmal nach Fellbach – in der Hoffnung, dass der Aufzug dort nicht streikt. Doch auch das sei nicht immer der Fall. Und so kommt es nicht selten vor, dass der Weg des Mannes, der ohnehin mit einigen körperlichen Einschränkungen leben muss, erst über den Umweg Bad Cannstatt nach Hause ins entgegengesetzte Weiler führt.

 

Horst Reingruber: Ein Drama

Sehr bedauerlich finden das jene gestandenen oder angehenden Politiker, die für den Kreistag kandidieren und auf Einladung der Diakonie Stetten zur Diskussion in den Speisesaal der Schorndorfer Remstalwerkstätten gekommen sind. „Ein Drama“, sagt etwa Horst Reingruber, der lange Jahre in Schorndorf der Erste Bürgermeister gewesen ist und jetzt für die CDU erneut einen Sitz im Kreisparlament anstrebt. Doch viel mehr als „dranbleiben an dem Thema und Druck machen auf den Kreis, das Land und die Bahn“ kann er nicht versprechen. Ebenso verständnisvoll aber noch abstrakter drückt sich die Schorndorfer SPD-Gemeinderätin Dagmar Keller aus, indem sie „die Gesellschaft“ in die Pflicht nimmt. Wenn es der wichtig sei, müsse sie auch Geld für Service und Wartung der Aufzüge ausgeben, beziehungsweise überhaupt neue bauen, sagt Keller.

Das fehlende Geld zieht sich durch fast alle Diskussionsbeiträge, die sich nicht nur auf einen behindertengerechten Umbau von Bahnhöfen und Verbesserungen im Öffentlichen Personennahverkehr beziehen. Susanne Knöfel, Mutter einer mehrfachbehinderten 32-jährigen Tochter und Mitglied des Angehörigenbeirats der Diakonie Stetten, befürchtet, dass beim Thema Inklusion „Menschen mit schweren Behinderungen durch das Sieb fallen, denn Inklusion kostet Geld.“ Schon jetzt müssten viele Angehörige gegen die „Knauserei von Seiten des Landratsamtes“ ankämpfen.

Spagat und Riesengefeilsche ums Geld

Während der Schorndorfer Stadtrat Konrad Hofer (FDP/FW) sagt, dass die finanzielle Ausstattung sichergestellt werden müsse, wehrt sich Christel Brodersen, die Fraktionssprecherin der Grünen im Kreistag, dagegen, die Schuld dafür nur beim Landkreis zu suchen. Dieser finanziere sich im Wesentlichen über die Umlage der Städte und Gemeinden, „und jedes Jahr gibt es darum ein Riesengefeilsche“, sagt Brodersen. Man bewege sich da in einem Spagat, sagt der FDP-Mann Manfred Kluge. Schließlich hätten auch die Gemeinden ihre Aufgaben zu bewältigen. Seiner Meinung nach müssten der Bund und Europa zur Kasse gebeten werden.

Rainer Hinzen, der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Stetten, sieht seine Einrichtung schon längst in der Zwickmühle. Wegen stagnierender Pflegesätze sei man gezwungen, für nahezu gleiches Geld immer mehr zu leisten. „Wir müssen die Arbeit immer mehr verdichten, und das geht seit 15 Jahren so.“ Sein Appell an die Politiker: „Wir brauchen die Wahrnehmung, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem es so nicht mehr weitergeht.“

Die Veranstaltungsreihe „Politik direkt“

Hintergrund
Bei mehreren Podiumsdiskussionen will die Diakonie Stetten Kandidaten für den Kreis- und Gemeinderat mit Themen der Behindertenhilfe konfrontieren. Das Motto der Reihe lautet „Politik direkt“. Mitarbeiter und Schützlinge der Diakonie Stetten, aber auch interessierte Bürger sind dazu eingeladen.

Termine
Nach dem Auftakt der Reihe in Schorndorf sind folgende weitere Termine geplant: Am Donnerstag, 15. Mai, 19 Uhr, in der Wohnanlage der Diakonie Stetten in der Esslinger Richard- Hirschmann-Straße 21; Am Dienstag, 20. Mai, 17 Uhr, im Speisesaal der Remstal-Werkstätten in Fellbach; am Mittwoch, 21. Mai, 19 Uhr im Wildermuthsaal des Stammhauses der Diakonie in Stetten; und am Donnerstag, 22. Mai, 18.30 Uhr, im Mehrzweckraum in der Devizestraße 10 in Waiblingen.