Schorndorfer Stadtwald Das Borstenvieh versaut die Leidenschaft

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Marcus Seibold ist Jagdpächter mit Leib und Seele, aber das Schwarzwild im Schorndorfer Stadtwald bringt ihn bei seinem zeitaufwendigen Hobby an die Belastungsgrenze.

Die Jagd im wohnortnahen Stadtwald  ist aufwendig, sagt Jagdpächter Marcus Seibold. Foto: Gottfried Stoppel
Die Jagd im wohnortnahen Stadtwald ist aufwendig, sagt Jagdpächter Marcus Seibold. Foto: Gottfried Stoppel

Schorndorf - Beim Sonnenaufgang in der Natur zu sitzen, am frühen Morgen Rehe zu beobachten, mit den Kameraden zusammen am Hochsitz zu bauen oder den Wald zu hegen und zu pflegen, das sind für Marcus Seibold die schönen Momente im Leben eines Jagdpächters. „Aber die letzten zwei Sommer haben keinen Spaß gemacht. Zuviel Ärger und zuviel Aufregung“, sagt Seibold, der seit fünf Jahren Pächter im Schorndorfer Stadtwald ist. Dafür, dass diese Aufgabe eigentlich nur ein Hobby ist, hat sie mittlerweile enorme zeitliche und finanzielle Ausmaße angenommen.

Schadensvehütung wird zur wesentlichen Aufgabe

Als Jagdpächter hat Seibold dafür zu sorgen, dass das Wild in seinem Bezirk nicht überhand nimmt, dass es möglichst im Wald bleibt und dass es keine Schäden anrichtet. „Die Wildschadensverhütung ist inzwischen meine wesentliche Aufgabe“, sagt der 50-Jährige. Verantwortlich für die meisten seiner Probleme ist das Schwarzwild. Das grunzende Borstenvieh kommt gerne in den Stadtwald mit seinem reichen Bestand an Buchen und Eichen. Und es liebt die angrenzenden Maisfelder und Streuobstwiesen. Sie von einem Picknick auf den angrenzenden Feldern und Wiesne abzuhalten, ist nahezu unmöglich. „Wir haben einen etwa ein Kilometer langen Stromzaun am Waldrand gespannt“, erzählt Marcus Seibold. Diesen kontrollieren er und seine Kollegen jeden Tag – immer wieder findet er den Zaun durchgeschnitten, umgefahren oder durch herabfallende Äste beschädigt. „Ganz davon abgesehen, hält der Zaun eine Leitbache nicht ab. Die bricht einfach durch, auch wenn sie einen kleinen Schlag bekommt.“

Marcus Seibold kann Bilder von völlig niedergemähten Maisfeldern und umgegrabenen Wiesen zeigen. „Dieses Jahr ist es besonders schlimm, weil es im Wald nicht so viel Nahrung gibt wie sonst“, erläutert er. Sobald das Wild nicht auf privaten, sondern auf gewerblich genutzten Flächen wütet, ist er in der Pflicht und muss den Schaden begleichen – den Frust der Bauern bekommt er außerdem noch zu spüren.

Zudem haben Marcus Seibold und die anderen Pächter mittlerweile für mehrere tausend Euro einen ganzen Gerätepark angeschafft, um verwüstete Wiesen wieder herzurichten. „Manchmal fühle ich mich wie ein Landschaftsgärtner“, erzählt er. Ein bis zwei Arbeitstage gehen dafür drauf, eine Wiese wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen. Und dann ist noch kein Hochsitz repariert, noch keine Futterstelle bestückt und noch kein verunfalltes Wild abgeholt. Auch das ist eine Aufgabe der Jagdpächter, die immer mehr zunimmt. „Da werde ich manchmal mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt“, sagt er. Und immer öfter melden sich Bürger bei ihm, weil Waschbären durch den Garten rennen oder Rehböcke an den Rosenknospen knabbern. „Da sollte ich am besten mit dem Gewehr vorbeikommen. Aber das ist eben Natur.“

Jagd ist aufwendig im wohnortnahen Wald

Im vergangenen Jahr haben die Jäger im Stadtwald 33 Wildschweine erlegt, „früher war man froh, wenn man eine Sau erwischt hat“, erzählt Seibold. Und trotzdem ist es noch zu wenig. Aber die Jagd ist aufwendig, gerade in einem so wohnortnahen Bezirk wie dem Schorndorfer Stadtwald. „Bis in die Nacht hinein sind Jogger oder Mountainbiker unterwegs, der Besucherdruck ist hoch“, erzählt Seibold, der sich als Berufstätiger aber nicht mehrmals in der Woche ganze Nächte auf dem Hochsitz um die Ohren schlagen kann, um auf das Schwarzwild zu warten. Eine Drückjagd am Tag hat er in seinem Bereich nur ein einziges Mal organisiert: „Da haben soviele Bürger die Absperrungen missachtet, dass es mir einfach zu gefährlich ist.“

Er wünscht sich ein besseres Handwerkszeug wie Nachtzielgeräte, um die Schwarzwildflut in seinem Wald eindämmen zu können. Außerdem würde er gerne mehr Begehungsscheine ausgeben: „Je mehr Jäger wir sind, desto mehr können raussitzen.“ Und schließlich hätte er gerne eine finanzielle Entlastung bei der Pacht. „Schorndorf hat zurzeit die höchste Pacht im Rems-Murr-Kreis, aber es soll Gespräche geben“, sagt Seibold, der momentan noch nicht weiß, ob es für ihn eine Zukunft als Jagdpächter gibt. „Wir sind alle mit Herzblut Jäger, aber es ist immer noch ein Hobby, das mit dem Beruf, mit dem Alltag, mit der Familie vereinbar und finanzierbar sein muss.“