Schornsteinfeger aus Vaihingen Ein Salatkopf und zwei Kohlrabi als Trinkgeld

Von Waltraud Daniela Engel 

Von Dächern und Heizungsrohren: Ein Tag im Leben des Schornsteinfegers Thomas Pastow. Seit 32 Jahren arbeitet er als Schornsteinfeger – seit zehn Jahren ist er Bezirksschornsteinfeger von Vaihingen und Büsnau.

Bei der Wartung einer Heizungsanlage trifft Tradition auf moderne Computertechnik. Foto: Waltraud Daniela Engel
Bei der Wartung einer Heizungsanlage trifft Tradition auf moderne Computertechnik. Foto: Waltraud Daniela Engel

Serie - Die heiligen Räume der Kaminfeger liegen oft im Verborgenen“, sagt Thomas Pastow. Das sagt er nicht nur so dahin, schließlich steht er im Keller eines Mehrfamilienhauses am Dachswaldweg. Nun vermutet man Kaminfeger eher in luftigen Höhen. Dorthin wird er später auch tatsächlich führen. Aber der Beginn des Rundgangs liegt unter der Erde.

„Ich bin noch einer von der alten Garde“

Seit 32 Jahren arbeitet Pastow als Schornsteinfeger – seit zehn Jahren ist er Bezirksschornsteinfeger von Vaihingen und Büsnau. Allerdings weiß er nicht, wie lange noch. „Aufgrund einer neuen EU-Verordnung musste ich mich auf einen Kehrbezirk bewerben“, sagt Pastow. Anfang des Jahres hatte die Europäische Union das bis dato bestehende Monopol der Schornsteinfeger gekippt und seither kann jeder Häuslebesitzer seinen Schornsteinfeger des Vertrauens beauftragen – Stichwort: Dienstleistungsfreiheit.

Pastow hat sich wieder für sein altes Hoheitsgebiet beworben – wenn er den Zuschlag bekommt, darf er weitere sieben Jahre hier die Feuerstätten besichtigen. Schließlich kenne er seine Kunden mittlerweile. Deshalb weiß er in jedem seiner 2663 zu betreuenden Gebäude, wo er seinen Wirkungsbereich zu suchen hat. Heute geht es die Kellertreppe hinunter und zweimal links. Dort steht der Heizkessel. Dort linst der 48-Jährige mittels Endoskop in die Abgasrohre. Ablagerungen wären schlecht, zu hohe Kohlenstoffmonoxidwerte noch schlechter.

„Ich bin noch einer von der alten Garde“, sagt Pastow über seinen absoluten Traumberuf. Nicht nur der schwarze Zylinder, sondern auch die alten handschriftlichen Kundenkarteikarten zählen zu seiner Ausstattung. Heutzutage sei vor allem das Messen der einzelnen Abgaswerte durch Hightechgeräte vereinfacht worden. Für Pastow und seine Kollegen bedeute das allerdings auch höhere Kosten, da die Spezialgeräte zum Teil sehr teuer seien.

Kleine Gaben mit geschichtlichem Hintergrund

Nach gut einer Stunde sind die Heizkessel geprüft und Pastow hat nichts zu beanstanden. „Jetzt gibt es ein Siegel“, sagt er. Erst nächstes Jahr müsse er wieder in dieses Haus kommen. Bevor der Schornsteinfeger zum nächsten Einsatz fährt, werden noch die zwischenmenschlichen Beziehungen gepflegt. Die Hausbesitzerin kennt Pastow auch schon seit zehn Jahren. Und weil die gerade einen Salatkopf und zwei Kohlrabi übrig hat, bekommt Pastow diese kurzerhand als Trinkgeld.

„Frühere Generationen von Schornsteinfegern haben ihren Zylinder an der Treppe abgestellt und die Hausbewohner legten häufig Eier als Trinkgeld hinein“, erzählt der Kaminkehrer. Manch einer mache das heute noch – vor allem wenn Pastow seine zehnjährige Tochter in den Ferien mit zur Arbeit bringe. Die Jüngste möchte später auch die Schornsteine kehren, „aber sie ist ja erst zehn, da weiß man nie“, sagt Pastow und lacht.

Die kleinen Gaben haben übrigens einen geschichtlichen Hintergrund. Sie entstammen dem Glauben, dass es Glück bringe, einen Schornsteinfeger zu berühren. Früher wurde fast ausschließlich mit Holz geheizt und es hat häufig in den Häusern gebrannt, da die Kamine, sofern es vernünftige gab, nicht gereinigt wurden. Als dann Schornsteinfeger die Arbeit übernahmen, brannte es weniger und man schrieb die Glücksfälle den Berufskehrern zu. „Deshalb versuchen heute noch manche Leute, mir einen Knopf als Glücksbringer vom Revers zu reißen “, sagt der 48-Jährige.

Schwindelfreiheit ist ein Muss

Ein paar Häuser weiter klettert der Schornsteinfegermeister dann tatsächlich auf ein Dach. Es ist zwar nur ein Flachdach, liefert aber trotzdem einen guten Eindruck von den luftigen Höhen, ihn denen Pastow hin und wieder seiner Arbeit nachgeht. Der Blick über die Dächer reicht vom Fernsehturm bis hin zur Bernhartshöhe – dem höchsten Punkt Stuttgarts – ist atemberaubend.

Pastow ist selbstverständlich schwindelfrei. Muss er auch. Schließlich ist sein höchster Kamin genau 40 Meter hoch. Dieser steht auf dem Vaihinger Gelände der Universität Stuttgart und dient, ebenso wie ein aufwendig zu reinigendes Abgasrohrsystem, der Versuchsanlage des Instituts für Materialprüfung. „Zur Uni komme ich im August zum Kehren“, sagt Pastow. Heute indes wartet noch eine weniger spannende und aussichtslose Arbeit: „Rechnungen schreiben und Büroarbeiten“, sagt der 48- Jährige.

Anstelle von goldenen Knöpfen verschenkt Pastow zum Abschied zwei kleine schwarze Plastikschornsteinfeger: einen als Glücksbringer und einen für den Geldbeutel. „Auf dass immer Geld darin sein möge“, sagt er.

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