Schottische Hochlandrinder Dem Charme der flauschigen Hairy Coos entkommt niemand

Auf Du und Du mit der Kuh. Foto: KI/Midjourney//Montage: Ruckaberle

In Dumfries und Galloway leben mehr Rinder als Menschen. Wer sich auf eine Tour mit den „Kuhflüsterern“ der Airyolland Farm begibt, kann den Hochlandrindern ganz nah kommen.

Statt in die Highlands führt das Navi in den äußersten Südwesten Schottlands, in das landwirtschaftlich geprägte und spärlich besiedelte Dumfries und Galloway. Eine Region, die Touristen weit seltener ansteuern als die Isle of Skye oder die Küstenroute North Coast 500. Dabei lässt sich die waldreiche Hügellandschaft des Galloway Forest Park wunderbar erwandern. Reisende genießen hier zerklüftete Küstenstreifen und menschenleere Strände – und auf der Airyolland Farm schließlich ein ganz besonderes Erlebnis.

 

Kuh-Tour zum Anpacken

Eine einspurige Straße führt zum Hof im gefühlten Nirgendwo. „Welcome to Kitchen Coos & Ewes“, verheißt ein Schild an der Abzweigung. Hier muss es sein. Gebucht ist eine „Hands-on Coo Tour“, sprich eine Kuh-Tour zum Anpacken.

Neale und Janet McQuistin begrüßen bereits eintrudelnde Gäste. Beide stammen aus der Gegend und sind Farmer in elfter Generation. Die Milchwirtschaft haben sie schon lange aufgegeben und halten seit zwei Jahrzehnten Schottische Hochlandrinder, die älteste registrierte Rinderrasse der Welt.

Neben ihren Hairy Coos, wie man sie in Schottland nennt, weiden hier zudem zweihundert Schafe. Bei der Hälfte der Lockenschopfe handelt es sich um begehrte Beltex-Rasse, für die Airyolland ebenfalls bekannt ist.

Doch kaum etwas geht über den Charme flauschiger Hairy Coos. Mit ihren teddyartigen Ohren, langen Zottelmähnen und eindrucksvollen Hörnern sind sie beliebte Besuchermagneten für Jung und Alt. Das haben auch die McQuistins erkannt und bieten seit fünf Jahren Touren zu ihnen an. Zu Neales und Janets Glück lockten ihre Rinder und Schafe nicht nur viele Tagesgäste, sondern auch ihren jüngsten festen Mitarbeiter an.

Hochlandrinder sind ideale Landschaftspfleger

Der junge Meeresbiologe Chase Byerly stammt – sein Akzent verrät es – aus den USA, genauer aus West Virginia, und ist auf einer Großbritannientour mit seiner Frau hier „hängen geblieben“. Längst ist er vom Ozean- zum Coo-Experten avanciert und hat seine fast hundert Schützlinge ins Herz geschlossen. Der Tour Guide klemmt sich sein Mikro hinters Ohr und schickt gut zwanzig Gäste über eine Rampe in den Planwagen, der hinter einen Traktor gespannt ist. Die Safari kann beginnen. Nicht in die kenianische Savanne, dafür auf die nebelverhangenen, herrlich grünen Hügel der Southern Uplands.

Dumfries und Galloway liegt im Südwesten von Schottland Foto: STZN/Lange

Traktorfahrer Neale tuckert samt Anhänger vom Hof und im Schritttempo den Hügel zu den Jungtieren hinauf. Chase unterhält die Planwagen-Bagage derweil mit amüsanten wie informativen Anekdoten: „Jedes einzelne Tier besitzt seinen ganz eigenen Charakter. Ich kenne sie alle wie ein Lehrer seine Schüler.“ Hochlandrinder seien zudem ideale Landschaftspfleger. Da sie – ungleich Schafen – keine Kostverächter seien und restlos alle Gräser und Pflanzen gleichmäßig abfräßen, sorgen sie für struktur- und artenreiche Wiesen und leisten einen wertvollen ökologischen Beitrag.

Hinter Gattern

Am Gatter angelangt, ist das Staunen groß. Nicht etwa die Rinder werden darin eingepfercht, sondern wir Zweibeiner fahren hinein – und werden bereits aus großen Kuhaugen gemustert. „Eines Morgens kam mir diese Idee“, sagt Neale, „denn ich möchte, dass die Tiere selbst entscheiden können, wie nah sie den Besuchern kommen wollen.“

Die Chance indes ist groß, dass sie ans Gatter trotten, schließlich gibt es Leckerli. Chase verteilt Kraftfutter auf gut zwanzig Eimer und alle packen mit an, es entlang des Zauns zu verteilen. Der gewellte Schopf der Tiere ist so lang, dass er weit über ihre ebenso langen Wimpern fällt. Die sanftmütigen Tiere lieben es, unter ihrem Kinn gekrault zu werden, verrät Chase. Andere Gäste bürsten ihr Fell mit bereitgestellten Striegeln.

Fast 50.000 Coo-Follower

Der stärker werdende Nieselregen macht den Kühen nichts. Dank ihres dichten Unter- und Oberhaars können die robusten Tiere eisige Winter überstehen. Rote, braune, cremefarbene, auch schwarze Rinder versammeln sich ums Gatter. Handys werden gezückt und Erinnerungsfotos auf Instagram hochgeladen. Diesen Kanal nutzt auch die Farm selbst und erreicht fast fünfzigtausend Coo-Follower aus aller Welt.

Anschließend holpern die Gäste im Planwagen zur Wiese mit den stolzen Mutterkühen und ihren Kälbern. Der Anblick der prächtigen Herde inmitten der mystischen Hügellandschaft prägt sich für immer ein. Ein diesbezüglich wichtiger Stichtag auf der Airyolland Farm ist alljährlich der 1. Juni.

„Die Kühe suchen sich die Bullen aus und nicht umgekehrt“

Dann werden ein oder zwei Bullen mit auf die Weide gebracht. „Aber unter Hochlandrindern herrscht das Matriarchat“, erklärt Chase, „die Kühe suchen sich die Bullen aus und nicht umgekehrt.“ Stets im Frühjahr werden die nächsten Kälber erwartet. Ältere Kühe auf genießen auf High Airyolland ihren wohlverdienten Lebensabend.

Die „Golden Girls“, wie Chase sie nennt, beeindrucken mit besonders langen und geschwungenen Hörnern, da sie ein Leben lang weiterwachsen. Und manches kompakte Exemplar auf der Rentnerinnenwiese erinnert gar an einen andalusischen Stier. Allen voran tat dies Rentnerkuh Sorcha. Mit ihren Modelqualitäten und gewaltigen, perfekt geformten Hörnern schaffte sie es sogar auf die Website der italienischen Vogue und manchen Titel britischer Magazine. Im vergangenen Dezember noch stand sie für die Gäste Model. Zu Beginn des Jahres indes verabschiedete sie sich mit stolzen 21 Jahren in den Kuhhimmel. Tochter Sorcha II. wird nun in ihre Hufstapfen treten.

Sorcha schafft es auf die Website der italienischen Vogue

In einem umgewidmeten alten Stall findet die Coo-Tour schließlich ihr geselliges Ende bei Kaffee, Tee und selbst gebackenem Kuchen. Die Butterkekse – wie sollte es anders sein – reicht Farmerin Janet in Form von Hairy Coos. Da greifen dann auch Vegetarier gerne zu.

Info

Anreise
Zum Beispiel mit Eurowings, www.eurowings.com , nach Edinburgh, von dort weiter mit dem Mietwagen. Alternativ: Anreise mit eigenem Reisemobil oder Auto per Fähre von Amsterdam nach Newcastle mit DFDS. Von hier Weiterfahrt nach Schottland, www.dfds.com .

Unterkunft
Nach dem Genuss eines 5-Gänge-Menüs im preisgekrönten The Kenmuir Arms können sich Gäste eine Etage höher sogleich in gemütliche Betten fallen lassen. Morgens wartet ein reichhaltiges Frühstück. Das Bed and Breakfast mit drei Zimmern liegt nur wenige Kilometer entfernt in New Luce. Doppelzimmer ab 145 Euro, www.kenmuirarms.com/ Ein guter Ausgangspunkt ist auch das Craignelder Hotel in Stranraer mit zwölf ansprechenden komfortablen Gästezimmern. Einen guten Ruf genießt zudem das hauseigene Restaurant, das aus lokalen Produkten besondere Gerichte kreiert. DZ ab 137 Euro, www.craignelderhotel.com/ Ein besonderes Glamping Erlebnis mit schönen Ausblicken bieten die Pods von The Galloway Steading. Unter dem halbrunden Hüttendach ist es äußerst gemütlich. Whirlpools (Hot Tubs) versprechen Entspannung. Voll ausgestattete Küchen. Ab ca. 150 Euro pro Nacht, https://thegallowaysteading.co.uk/ .In der historischen Balker Lodge, dem Ice House Cottage oder der alten Chauffeurswohnung der Castle Kennedy Gardens einquartiert, kann man sich fühlen wie ein Earl und durch die prächtigen Gärten und Baumalleen streifen. Luxuriöse, stilvoll eingerichtete und gut ausgestattete Wohnungen/Häuser zur Selbstversorgung, Preis ab ca. 700 Euro pro Woche, https://castlekennedygardens.com/

Aktivitäten
„Kitchen Coos & Ewes“ bietet vier unterschiedliche Touren an: Neben der Hands-on-Tour, bei der man den Tieren am nächsten kommt, auch die Insta Coo Tour, Cream Tea Coo Tour und Walking Tour. Allesamt schließen mit Kaffee, Tee und Gebäck (bzw. Cream Tea mit Scones und Sandwiches) ab. www.kitchencoosandewes.com/ Weitwandern: Unweit der Farm verläuft der Weitwanderweg Southern Uplands Way. Er startet im schmucken Küstenort Portpatrick auf der Halbinsel Rhins of Galloway und endet nach 344 hügeligen Kilometern in Cockburnspath an der Ostküste, https://dgtrails.org/southern-upland-way/route/ Lohnendes Ausflugsziel ist der Leuchtturm am Mull of Galloway, der auch ein Museum beherbergt. Auf diesen dramatischen Klippen liegt Schottlands südlichster Punkt. Der Ausblick ist spektakulär und lässt sich wunderbar vom Klippencafé Gallie Craig genießen.

Allgemeine Informationen
 Schottland Tourismus, www.visitscotland.com

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