Schottischer Meister Glasgow Rangers Steven Gerrard – das ist der Vater des Erfolgs

Meisterschrei aus dem Kabinenfenster: Rangers-Coach Steven Gerrard Foto: imago /Jane Barlow

Erstmals nach zehn Jahren werden die Glasgow Rangers schottischer Meister und durchbrechen damit die Serie des Rivalen Celtic. Trainer Steven Gerrard ist das Gesicht des Erfolgs – geht er zum FC Liverpool?

Sport: Marco Seliger (sem)

Stuttgart/Glasgow - Nach dem Höhepunkt tauchte Steven Gerrard ab. Der Trainer der Glasgow Rangers rutschte unter dem Gejohle seiner Profis bäuchlings in weißem Hemd über den biernassen, triefenden Kabinenboden. Draußen versammelten sich trotz Verbots wegen der Pandemie Tausende Fans vor dem Ibrox-Stadion und feierten mit Bengalos. Die schottische Regierung rügte die Anhänger, die Polizei drückte beide Augen zu. Gerrard grüßte die Fans aus einem gekippten Kabinenfenster und ermahnte sie, „demütig“ zu bleiben und auf sich aufzupassen.

 

Besonders und speziell war das also alles, was am Wochenende rund um die Rangers passiert ist, und das passte gut. Denn besonders und speziell war ja auch der Anlass.

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Nach quälend langen neun Jahren, neun Monaten und 20 Tagen Wartezeit kannte der Jubel keine Grenzen. Die insgesamt 55. schottische Meisterschaft für die Rangers ist die erste seit dem Jahr 2011 und die erste nach neun aufeinanderfolgenden Titeln für den Erzrivalen Celtic. Nach 28 Siegen und vier Unentschieden in 32 Saisonspielen sind die Rangers bei noch sechs ausstehenden Partien nicht mehr von der Tabellenspitze zu verdrängen.

Die Glaubensfrage

Seit 1985 machen Celtic und die Rangers den Titel in Schottland unter sich aus. Wenn man über den schottischen Fußball spricht, dann meist nur über die beiden großen Glasgower Vereine, die mehr trennt als der sportliche Wettkampf. Blau oder Grün-Weiß, das ist eine Glaubensfrage: Die Rangers stehen in der Geschichte protestantischer Unionisten, Celtic hat seinen Ursprung im irischen Katholizismus.

Das alles macht die unbändige, ungehemmte Freude des Rangers-Anhangs vom Wochenende greifbar – ebenso wie die Leidensgeschichte dieses so großen Traditionsclubs in den vergangenen Jahren.

Von Liga vier in Liga eins

Denn das vergangene Jahrzehnt gehörte Celtic mit seinen neun Meisterschaften nacheinander. Die Rangers wurden 2012 wegen Misswirtschaft aufgelöst und neu gegründet. Aus der vierten Liga mussten sie sich zurück in den Profifußball kämpfen.

2016 gelang die Rückkehr in die Premiership. 2018 übernahm Trainer Gerrard das Kommando – und sagt jetzt, nach dem Gewinn der Meisterschaft, dies: „Mir fehlen die Worte, wenn ich meine Mannschaft beschreiben soll, sie haben mich auf eine echt schöne Reise mitgenommen.“ Und: „Dieser Club war in der Hölle, jetzt ist er zurück. Und wir wollen mehr, ich bin immer noch hungrig.“

Das Team spielt wie sein Coach früher

Dieser Hunger, von dem Gerrard spricht, ist auf dem Platz zu sehen. Die Rangers spielen, wenn man so will, wie Gerrard das früher als Mittelfeldmann beim FC Liverpool tat: schnell und ohne Schnörkel nach vorne, geradlinig, mit Wucht und mit Mentalität.

Gerrards Erfolg als Rangers-Coach ist dabei alles andere als selbstverständlich. Er trat 2018 ohne Erfahrung als Trainer seinen Dienst an, und vor einem knappen Jahr schien er schon gescheitert zu sein. Nach dem Pokal-Aus gegen den Tabellenletzten Heart of Midlothian stellte der Coach seine Zukunft und die Mentalität seiner Profis infrage.

Das Ganze im Blick

Doch der Verein stärkte ihn und investierte wie von Gerrard gefordert in das Trainingsgelände und in den Kader. Immer betonte Gerrard, dass es ihm auch um die Ausbildung des Nachwuchses und um das gesamte Umfeld gehe. Der Ibrox Park, das ehrwürdige Stadion der Rangers, soll nun bald modernisiert werden – ebenso, wie von Gerrard gefordert, das Trainingszentrum.

Auf dem Platz vertraut der 40-Jährige einer Mischung aus gestandenen Profis und jüngeren Spielern. Das wohl größte Talent hat einen prominenten Namen: Ianis Hagi. Der 22-jährige Sohn der rumänischen Legende Gheorghe verleiht dem Rangers-Spiel Finesse und Technik.

Chaos bei Celtic

Aber, na klar, der große Erfolg in dieser Saison wäre nicht möglich ohne die Schwäche des ewigen Rivalen Celtic. Der Serienmeister wirkt in dieser Runde müde und ausgelaugt, trotz des immer noch teuersten Kaders der Liga. Fanproteste und ein hochumstrittenes Trainingslager in Dubai, das im Corona-Chaos endete, komplettieren das traurige Bild der Grün-Weißen.

Aus Sicht der Rangers kann das alles so weitergehen – dabei wird schon jetzt über die Zukunft des Erfolgstrainers Gerrard spekuliert. 17 Jahre kickte er für den FC Liverpool, Gerrard ist mit Leib und Seele „Scouser“, wie die Einwohner Liverpools genannt werden.

Der Traum namens Liverpool

Da liegt der Gedanke nahe, dass er irgendwann Trainer bei den Reds werden könnte. Sein Vertrag in Glasgow läuft bis 2024. Gerrard spricht erfrischend offen über seine Ambitionen, zuletzt sagte er dies: „Würde ich eines Tages gerne Trainer von Liverpool sein? Ist das ein Traum? Ja, natürlich! Der Club bedeutet mir alles.“

Das weiß auch der aktuelle Liverpool-Coach Jürgen Klopp, mit dem Gerrard oft in engem Austausch steht: „Ich helfe ihm, wann immer ich kann“, sagte Klopp kürzlich: „Und wenn man mich fragt, wer mein Nachfolger sein soll, würde ich sagen: Stevie!“

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