Schreibaby-Ambulanz in Reutlingen Sei doch endlich ruhig!

Eva schreit – Eltern von Schreibabys sind nervlich oft am Ende. Foto: Martin Zinggl

Was tun, wenn das Baby einfach nicht aufhört zu schreien? Für Eltern kurz vor dem Nervenzusammenbruch ist die Reutlinger Schrei-Ambulanz oft die letzte Hoffnung.

Reutlingen - Diese Nacht im Juni 2017 war so schlimm, dass Simone ihre Tochter loswerden wollte. Sie wiegte Eva in den Armen. Doch das Kind schrie noch ausdauernder als in den Nächten zuvor, lief rot an und wurde ganz heiß. Simone, 29, trug es Stunde um Stunde durch das Zimmer, schob es im Wagen vor sich her, sang Lieder vor. Nichts half.

 

Ihren Mann, Berufskraftfahrer, wollte sie nicht wecken. Er sollte am Morgen ausgeruht zur Arbeit können. Um zwei Uhr, nach fast sieben Stunden Geschrei, rief sie ihre Mutter an: „Wenn du nicht kommst, stell ich sie auf den Balkon und mach die Tür zu.“ Die Mutter kam. Um vier Uhr schlief Simone ein. Drei Stunden später wurde sie von Evas Schreien geweckt.

„Jeder Tag ist ein Kampf“

„Wenn meine Tochter so schreit“, sagt Simone, „ist sie in einer Welt, zu der ich nicht durchkomme.“ Eva liegt bäuchlings am Boden und greift nach einem kleinen gelben Lastwagen. Sie lutscht an dem Spielzeug, lacht, ihre tiefblauen Augen erforschen das Wartezimmer. „So wie jetzt ist es ein Traum“, sagt Simone. Sie besucht an diesem Tag zum siebten Mal die Schreibaby-Beratung von Pro Familia in Reutlingen. Eva ist jetzt acht Monate alt. Es sei mit ihr schon viel besser geworden, mittlerweile schreie sie nur noch drei Stunden am Stück. „Aber jeder Tag ist immer noch ein Kampf.“

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist ein Schreibaby. So werden Säuglinge genannt, die aus unerklärlichen Gründen ungewöhnlich viel schreien. Viel, das bedeutet: mehr als drei Stunden pro Tag an mehr als drei Tagen die Woche und über mehr als drei Wochen hinweg. Oft reguliert sich die innere Unruhe in den ersten Monaten von selbst. Manchmal dauert sie nach einem halben Jahr noch an. Für Eltern bedeutet das Stress, den sie wiederum auf das Kind übertragen. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen ist schwierig.

Scham und Selbstzweifel

„Man entwickelt einen Hass auf das Kind.“ Simone sagt nicht „ich“, weil sie sich schämt. „Man hat keine Muttergefühle.“ Sie fühle sich eher in der Rolle einer Animateurin, die ihre Tochter unterhält, bis sie irgendwann etwas müde gespielt ist.

Ihr Mann Karl sagte mal, hätte er das gewusst, hätte er lieber kein Kind gewollt. „Was antworten wir, wenn sie uns später fragt, wie sie als Baby war“, hat er gefragt. Simone steigen Tränen in die Augen. Sie und ihr Mann wollen, dass ihre Namen in diesem Artikel geändert werden. Sie wollen nicht, dass sie jemand darauf anspricht. „Schreibabys sind ein Tabuthema.“

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Eva war ein Wunschkind. Es sollte ihr Leben bereichern. Doch es verursachte ein Chaos. Ständig mit dem schreienden Kind beschäftigt, schlief Simone kaum mehr, aß wenig, traute sich nicht mehr aus dem Haus. Eva war gefüttert und frisch gewickelt – und schrie trotzdem. Simone fand keine Erklärung, ertrug die vorwurfsvollen Blicke im Supermarkt nicht. Eine Mutter, die ihr Kind nicht im Griff hat. Scham, Selbstzweifel. Der Hund fing an, sich das Fell auszurupfen. Andere Mütter erzählten, wie brav ihre Babys seien.

Sie spürte, dass mit dem Kind etwas nicht in Ordnung war. Ihre Mutter wollte das nicht glauben. Die Schwiegermutter lächelte: Stell dich nicht so an. Schließlich kam Simone der Gedanke, Eva wegzugeben. Weil ihre Schwester fürchtete, sie könnte depressiv werden, riet sie ihr, sich in einer Schreiambulanz beraten zu lassen.

Am Ende der Kräfte

Ins Wartezimmer tritt eine große Frau mit grauem, schulterlangem Haar. „Tut mir leid, dass Sie länger warten mussten“, sagt die Babytherapeutin Ingrid Löbner, 60. Eva ist an diesem Tag schon ihr drittes Schreibaby. Mit der Tochter auf dem Arm folgt Simone ins Sprechzimmer. Eva verzieht ihr Gesicht, die Augen füllen sich mit Tränen. Sie beginnt zu schreien.

Auf dem Sofa schaukelt Simone das Kind sanft hin und her. Vor ihr liegen Spielsachen, eine Holzeisenbahn, eine gestickte Puppe, Plastiktiere. Eine Deckenleuchte taucht den Raum in warmes Licht. „Es hat sich gebessert, aber ich stoße immer noch an meine Grenzen“, sagt sie. Ingrid Löbner lächelt. „Zu Ihrem Trost, andere Eltern würden ihr Kind auch gerne zurückgeben. Aber es gibt keinen Retourschein.“

Die Eltern, die zu Ingrid Löbner kommen, sind am Ende der Kräfte. Manche entwickeln Aggressionen gegen ihr Kind, haben Angst, sie könnten ihm etwas antun. „Für diese Reaktion muss man sich nicht schämen“, sagt die Therapeutin. Aber sie weiß auch, dass es Zeit wird zu helfen.

Simone beschlich schon der Gedanke, Eva zu schütteln, damit das Schreien aufhört. Das wäre lebensgefährlich für das Baby. Ingrid Löbner arbeitet mit Medizinern zusammen und überweist Eltern in ernsten Fällen an Psychotherapeuten oder Nervenärzte. Sie sorgt für eine Haushaltshilfe. Fragt, ob Verwandte oder Freunde die Eltern unterstützen können. Von einem Kinderarzt lässt sie klären, ob das Schreien organische Ursachen hat.

Bei Eva fand der Arzt nichts. Die Mutter suchte einen Nervenarzt auf, der bei ihr einen bedenklichen Erschöpfungszustand diagnostizierte. Für drei Monate kam eine Frau ins Haus, die sich um alles kümmerte, einkaufte, mit dem Kind spazieren ging, damit Simone etwas entspannen konnte.

Eva ist gern dick eingewickelt

Anfangs kam Simone zweimal die Woche zu der Therapeutin, im Notfall konnte sie auch mal anrufen. Sie fanden gemeinsam heraus, dass Eva am liebsten in eine dicke Decke gewickelt und unter einem Kopftuch einschläft. Sie sieht dann aus wie in einem Kokon, nur Nase und Mund schauen noch heraus. Zwei Wochen lang schlief sie sogar durch, von 19 Uhr bis sechs Uhr in der Früh. Simone schreckte trotzdem alle paar Stunden hoch und vergewisserte sich, dass ihr Kind noch atmete.

Wenn sie heute eine Dreiviertelstunde braucht, um Eva zum Einschlafen zu bringen, ist das gut. Jeden Abend sitzt sie neben dem Kinderbett und hält das Händchen. Ohne Körperkontakt geht es noch nicht.

„Ich kann mich gut an solche Abende erinnern“, sagt Ingrid Löbner. Ihr Sohn war ebenfalls ein Schreibaby. Das Thema ließ sie seitdem nicht mehr los. Sie lernte unter anderem bei der Säuglingsforscherin Mechthild Papoušek, die sich auf frühe Eltern-Kind-Bindung spezialisiert hatte und im Jahr 1991 die erste deutsche „Sprechstunde für Schreibabys“ in München eröffnete. Mittlerweile gibt es in jeder größeren Stadt solche Beratungsstellen. Vielen Eltern kennen diese Angebote gar nicht.

Eva schreit weiter. Sie solle lieber auf dem Schoß der Mutter sitzen, als in den Armen geschaukelt werden, rät Ingrid Löbner. Sie kniet sich vor das Sofa, schiebt ein Stillkissen in Halbmondform unter Evas Beine, so dass die Füße in die Höhe ragen, umfasst die pinken Söckchen und lacht das Baby an. Eva wird still, greift nach ihren eigenen Füßchen, blickt sich neugierig um. „Sehen Sie, was sie macht? Nach den ersten Wochen entdecken Kinder die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen. Je mehr sie sich spüren, umso besser“, sagt Ingrid Löbner. Ihre Stimme klingt weich. Die Kleine müsse entdecken, dass Ruhe schön ist. „Sie können ihr dabei helfen, indem Sie selbst so entspannt wie möglich werden.“ Jaaaa, antwortet Simone mit der Anspannung schlafloser Monate. Als Eva kurz quengelt, sagt sie, als hätte sie schon darauf gewartet: „Sehen Sie, sie sträubt sich dagegen.“

Stressige Schwangerschaft

Wenn sie über ihre Tochter spricht, benutzt sie oft das Wort „Problem“. Schon die Schwangerschaft war stressig. Simone ist ein Mensch, der selten zur Ruhe kommt. Dann die Geburt: drei Wochen zu früh, 18 Stunden Wehen, am Ende doch Kaiserschnitt. Die Erfahrung zeigt, dass Kinder, bei denen die Geburt schwierig verlief, eher zum Schreien neigen. Ein Faktor von vielen. „Bei jedem Kind ist das individuell. Manche reagieren sehr sensibel auf Unruhe in ihrer Umgebung“, sagt Ingrid Löbner.

Sie will mit den Eltern herausfinden, wie sie selbst zur Ruhe kommen und diese Ruhe dann an ihr Kind weitergeben können. Manche plagen finanzielle Nöte, manche streiten sich ständig. Oft helfe schon ein Gespräch, um die Situation zu entspannen. Bei vielen Eltern sei die Bindung verloren gegangen. Oder es gab sie noch nie. Manche Kinder schreien auch gar nicht so viel, sondern sind über lange Zeit nur quengelig oder unruhig. Auch in diesen Fällen rät Ingrid Löbner den Eltern, sich Hilfe zu suchen, bevor sie resignieren.

Simone legt ihre quengelnde Tochter auf die Couch. Ihre Hand ruht auf dem Bauch des Kindes – Körperkontakt. Eva wird schläfrig. „Sie macht super mit“, sagt die Therapeutin. Die Mutter schnauft laut aus: „Das ist ein harter Weg.“ Ein paar Mal quiekt Eva. „Sehen Sie, sie wird nicht ruhig.“ Simones Stimme wird weder sanfter noch leiser, wenn sie neben ihrer Tochter sitzt. „Man kann das Schlafen nicht erzwingen, nur Bedingungen schaffen, unter denen das Kind einschläft“, sagt Ingrid Löbner. „Ihre Tochter macht das klasse. Und Sie auch.“ Sie lobt viel, damit die Mutter erkennt, wie groß die Fortschritte sind, die sie bereits gemacht hat.

Bald ist Eva eingeschlafen. Simone sieht ihre Tochter an. Nicht mit dem Blick einer stolzen Mutter. Es herrscht immer noch etwas Distanz. Es brauche Zeit, sie zu überbrücken, sagt sie. „Aber das mit den Muttergefühlen wird schon besser.“

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