InterviewSchriftsteller Abbas Khider Das Grauen in Heiterkeit umdichten

Von Berkan Cakir 

Fünf Tage lang widmet sich das Stuttgarter Literaturhaus von diesem Donnerstag an den Flüchtlingen dieser Welt: Auch der irakische Schriftsteller Abbas Khider erzählt seine Geschichte.

Der Romanautor Abbas Khider hat als   Flüchtling einen steinigen Weg hinter sich. Foto: dpa
Der Romanautor Abbas Khider hat als Flüchtling einen steinigen Weg hinter sich. Foto: dpa

Stuttgart - Der Deutsch-Iraker Abbas Khider lebt seit fünfzehn Jahren in Deutschland. Der ehemalige Flüchtling, der 1996 dem Regime Saddam Hussein entkam, hielt sich in mehreren Ländern als illegaler Einwanderer auf. Zum Auftakt der so genannten Flüchtlingsgespräche im Literaturhaus Stuttgart, die an diesem Donnerstag beginnen, erzählt der Schriftsteller über seine Vergangenheit und den langen Weg nach Deutschland.

Herr Khider, Sie sind aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet und haben hier in verschiedenen Asylheimen gelebt. Erinnern Sie sich noch daran, was Sie in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft gefühlt haben?
Ja, es war saukalt und grau. Als Flüchtling durchquerte ich auf meinem Weg nach Deutschland sonst nur wärmere Länder wie Libyen, Griechenland oder Italien. Deutschland hat vergleichsweise eisige Temperaturen. Vor allem im Januar! Ich tat alles, um nicht ständig der Kälte ausgesetzt zu sein. Wenn ich mit Freunden aus dem Flüchtlingsheim unterwegs war, flohen wir gemeinsam immer von einem Supermarkt in den nächsten. Wir kauften aber nie etwas, sondern tankten immer nur ein bisschen Wärme, um uns anschließend wieder in die Kälte stürzen zu können.
Wie war das Leben als Flüchtling damals in Deutschland?
Wenn wir es schon vom Supermarkt haben: Einkaufen war ein Luxus. Wir mussten mit achtzig Mark im Monat auskommen, die wir vom Staat erhielten. Arbeiten durften wir nicht. Ich weiß noch, wie wir davon träumten, dass wir wie normale Leute in einem Café sitzen, Kaffee oder Bier trinken und dabei mit einer hübschen Kellnerin sprechen – das klingt banal, aber man sehnt sich als Flüchtling nach den selbstverständlichsten Dingen, die ein normales Leben auszeichnen.
Im Irak saßen sie mit neunzehn Jahren im Gefängnis. Wie ist es zu Ihrer Gefangennahme gekommen?
Wir lebten damals in großer Angst. Keiner durfte Kritik an der Regierung üben. Jemand, der sich dennoch das Recht dazu nahm, wurde, wenn es ganz schlecht lief, von regierungstreuen Beamten auf offener Straße hingerichtet. Ich konnte Saddam Hussein und seine Regierung einfach nicht ausstehen. In meinem Freundeskreis lasen wir verbotene Bücher von Exil-Irakern, verteilten Flugblätter mit regierungskritischen Texten und wurden eines Tages dabei erwischt. Ich kam ins Gefängnis, was mein ganzes Leben verändert hat.
Nach der Freilassung sind Sie über Jordanien nach Nordafrika geflohen, dann in die Türkei und Italien. Welche Beweggründe haben Sie schließlich im Jahr 2000 nach Deutschland geführt?
Als irakischer Flüchtling hatte man damals in Deutschland sehr gute Chancen auf Asyl. Ich wollte nicht mehr flüchten, sondern endlich einen Ort finden, an dem ich ankommen konnte. Deutschland war damals für mich das einzige Land, in dem ich mir ein sicheres Leben vorstellen konnte.
In Deutschland sind Sie Schriftsteller geworden und verfassen nun Romane, in denen es um Themen wie Flucht, Illegalität und Migration geht. Wie schreibt es sich in einer fremden Sprache?
Inzwischen fühle ich mich sehr wohl damit. Ich wollte keine Betroffenheitsliteratur betreiben und Mitleid für mein Schicksal erwecken. Genau das geschah aber, wenn ich auf Arabisch schrieb. Erst Deutsch als Fremdsprache hat meinen Texten eine Distanz verliehen. Ich konnte besser über meine Erlebnisse schreiben, weil ich mit Hilfe der deutschen Sprache Abstand zu meiner Vergangenheit nehmen konnte. Ich lege in meinen Geschichten großen Wert auf Nüchternheit.