Agnes Gerstenberg Foto: privat
Drei wundervolle Monate habe ich in dir verbracht, liebes Schriftstellerhaus. Und zwar zur schönsten Zeit des Jahres, die so viel zu bieten hatte: Trickfilm-Festival. Margriet de Moor während „Stuttgart liest ein Buch“. Der beginnende Frühling. Enten-Babys in Hülle und Fülle. Zwei Interviews. Zwei Lesungen. Ein oder zwei Montagsdemos. Ein Treffen mit der Intendantin vom Jes. Volker Löschs Stuttgarter-Revolution: „Die Gerechten“. Das Schauspielhaus muss nach seiner Renovierung nochmals „renoviert“ werden. Und natürlich eine Baustelle: Ein Gerüst, das sich in seiner schönsten Pracht vor meinem Arbeitszimmer zeigt. Und eine Bäckerei, die niemals aufhört, frische Brezeln herzustellen. Vor allem nachts nicht.

Es knackt und knarrt in deinen Wänden, / die Baustelle vor der Tür möchte sich nicht beenden. /Auch die Bäckerei lässt mich nicht schlafen, / man müsste sie bestrafen. / Im Dachgeschoss ist es mal zu kalt, mal zu warm – / das geht wirklich auf den Darm. / Es reimt sich – dann wieder nicht. / Wer bringt Dunkel in dieses Licht?

In deinen Wänden konnte ich arbeiten, liebes Stuttgarter Schriftstellerhaus! Du hast mich inspiriert! Mit dem Bohnenviertel, indem du steckst. Und durch die klugen Köpfe, die ihrer Kreativität in dir freien Lauf lassen. Dank dir widmete ich mich neuen Themen, sogar neuen Genres! Was will man mehr?

Schriftstellerhaus: Was willst du noch?

Jaroslav Rudiš Zur Zeit Stipendiat. Am 25. September liest er in der Stuttgarter Kulturgemeinschaft aus seinem Roman „Die Stille in Prag”.

Agnes Gerstenberg: Brezel in der Nacht

Agnes Gerstenberg Foto: privat
Drei wundervolle Monate habe ich in dir verbracht, liebes Schriftstellerhaus. Und zwar zur schönsten Zeit des Jahres, die so viel zu bieten hatte: Trickfilm-Festival. Margriet de Moor während „Stuttgart liest ein Buch“. Der beginnende Frühling. Enten-Babys in Hülle und Fülle. Zwei Interviews. Zwei Lesungen. Ein oder zwei Montagsdemos. Ein Treffen mit der Intendantin vom Jes. Volker Löschs Stuttgarter-Revolution: „Die Gerechten“. Das Schauspielhaus muss nach seiner Renovierung nochmals „renoviert“ werden. Und natürlich eine Baustelle: Ein Gerüst, das sich in seiner schönsten Pracht vor meinem Arbeitszimmer zeigt. Und eine Bäckerei, die niemals aufhört, frische Brezeln herzustellen. Vor allem nachts nicht.

Es knackt und knarrt in deinen Wänden, / die Baustelle vor der Tür möchte sich nicht beenden. /Auch die Bäckerei lässt mich nicht schlafen, / man müsste sie bestrafen. / Im Dachgeschoss ist es mal zu kalt, mal zu warm – / das geht wirklich auf den Darm. / Es reimt sich – dann wieder nicht. / Wer bringt Dunkel in dieses Licht?

In deinen Wänden konnte ich arbeiten, liebes Stuttgarter Schriftstellerhaus! Du hast mich inspiriert! Mit dem Bohnenviertel, indem du steckst. Und durch die klugen Köpfe, die ihrer Kreativität in dir freien Lauf lassen. Dank dir widmete ich mich neuen Themen, sogar neuen Genres! Was will man mehr?

Schriftstellerhaus: Was willst du noch?

Ich:Wie meinst du das?

Schriftstellerhaus: Du bist doch schon wieder da.

Ich: Ja, ich wollte dir zum Geburtstag gratulieren.

Schriftstellerhaus: Das ist nett.

Ich: Nicht wahr? Also: Happy Birthday, altes Haus!

Agnes Gerstenberg Die Drama­tikerin war von März bis Mai 2012 im Schriftstellerhaus zu Gast.

Gunther Geltinger: Ein Haus bricht aus

Wenn im Büro von Astrid Braun spätabends das Telefonklingeln verstummt, so dass man hinterm ewigen Dröhnen des Verkehrs auf dem Charlottenplatz plötzlich die Bücher flüstern hört, macht sich das Schriftstellerhaus auf den Weg. Es will nicht, wie es anderen Artgenossen widerfuhr, mit einem Kran verpflanzt, abgebaut und an anderer Stelle wieder errichtet werden, wo das widerspenstige Gemäuer die Stadtplaner weniger stört. Dazugehören, mittendrin sein unter den Menschen, die tags ihrem Leben nachgehen und es nachts feiern, in den Kneipen und Spelunken. Doch die Straßen liegen verlassen. Die Künstler, Bohemiens und schrägen Vögel, die einst das Bohnenviertel bevölkerten, wo sind sie nur hin? Vielleicht ausgeflogen in die winzige, von der städtischen Müllabfuhr, ja von der ganzen Stadt vergessene Richtstraße im benachbarten Leonhardsviertel, wo sich der Unrat aus dem Innenleben der Nächte kniehoch auf dem Pflaster türmt wie einst im Mittelalter oder in einer Gasse von Neapel, der großen schmutzigen Schwester im fernen Süden?

Schlampig sein! Verlottern! Ruch und Verruf statt Ruß von den Autoabgasen! Vorbei an den Damen, die Angebote herüberzischeln. Eine vertieft in einen Historienroman (die Wanderhure?) und hebt nicht einmal den Kopf ! Ist es denn wirklich schon so alt und unansehnlich geworden? Vielleicht sollte es besser den Kiosk mit dem modernen Namen „American Store“ beherbergen, wo es neben Miracoli für den Mitternachtshunger, Tabak und Alkohol (nicht nach 22 Uhr!) auch Lippenstifte und Puder, überhaupt alle Utensilien zur Fassadenverschönerung gibt, gleich neben dem Wühltisch mit Damenslips, für zwei Euro das Stück. Ausgestattet mit allem, was es für eine Zeitreise braucht, zwängt sich das Schriftstellerhaus in den engen Richtstraßenspalt und öffnet seine niedrige grüne Tür. Die Luden und Lebemänner, Schwerenöter und leichten Mädchen und der ein oder andere schlaflose Schriftsteller kommen und gehen.

Gunther Geltinger Foto: Schöffling & Co., Verlag
Ob ich schlecht geschlafen habe, fragt mich Astrid Braun am nächsten Morgen. Die Nacht durchgeschrieben, seufze ich, die Heizungsrohre haben so laut geknackt. Sie will sofort den Installateur kommen lassen. Bloß nicht!, sage ich und zwinkere ihr einvernehmlich zu.

Gunther Geltinger Stipendiat im Herbst 2013. Am 14. Oktober liest er im Literaturhaus aus dem in Stuttgart vollendeten Roman „Moor“.

Akos Doma: Ruhe im Wandel

Akos Doma Foto: privat
Auf den ersten Blick fast nicht zu sehen ist das schmale Gebäude hinter dem monolithischen Hochhaus am Charlottenplatz – ich musste an die kleinen russisch-orthodoxen Kirchen im Schatten der sozialistischen Bettenburgen in Moskau denken. In den Fenstern des Hochhauses gegenüber eine Zahnverschönerungspraxis, im Haus rechts drei, vier Stockwerke Haarpflege, hinten eine rund um die Uhr pulsierende Bäckerei, im Kreuzpunkt zweier lärmender Verkehrsadern der Stadt, in Hörweite der montäglichen Stuttgart-21-Protestzüge und der immer gleichen Erzählungen der Stadtführer. So steht es da, das Schriftstellerhaus, eine Oase der Ruhe in der Betriebsamkeit des Lebens, ein Ort der konzentrierten Arbeit, der Fantasie und der Reflexion, wenn es gut geht, der Kunst. Ein Stück Zeitlosigkeit in der Raserei. Man ist dankbar, hier schaffen zu dürfen. Dankbar, den Menschen, die es erfunden haben, den Menschen, die es betreiben, den Menschen, deren tägliche Arbeit den Mehrwert abwirft, der es fortbestehen lässt.

Akos Doma Stipendiat von April bis Juni 2013. Der gebürtige Ungar arbeitete hier an seinem Roman „Plattensee“.

Schutzbezirk der Dichter

Geschichte Das viergeschossige Haus aus dem 17. Jahrhundert sollte zu Beginn der achtziger Jahre abgerissen werden. Der Lyriker Johannes Poethen und der Architekt Johannes Wetzel konnten dies verhindern und den damaligen Oberbürgermeister Manfred Rommel von ihrer Idee einer neuen Nutzung des Gebäudes überzeugen. Am 4. Oktober 1983 wurde das erste und in Deutschland immer noch einzigartige Schriftstellerhaus aus der Taufe gehoben und der Verein Stuttgarter Schriftstellerhaus e.V. gegründet.

Treffpunkt Im Schriftstellerhaus kommen Autoren aus Stuttgart und der Region zusammen. In seinem intimen Ambiente finden Lesungen, Tagungen und Schreibwerkstätten statt.

Stipendien In einer Wohnung im dritten Obergeschoss des Fachwerkhauses – eingerichtet mit der Unterstützung der Verlage Klett-Cotta und der Deutschen Verlags-Anstalt – leben und arbeiten seit 1984 pro Jahr drei bis vier Stipendiaten. Bisher waren 109 Autoren und Übersetzer aus Deutschland und dem Ausland zu Gast.

Feier Das dreißigjährige Bestehen wird am Donnerstag im Max-Bense-Forum der Stadtbibliothek begangen. Irene Ferchl und Titus Häussermann stellen um 19.30 Uhr die in der Edition Kanalstraße 4 erschienene Jubiläumspublikation von Helmut Pfisterers „Der Pascha sitzt in seinem Ausguck und schautein Plätzchen“ vor. Der Eintritt ist frei.

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