Gerhard Schröder ist in Moskau. Der Altkanzler versucht mit der Anti-Kriegs-Mission bei seinem alten Kumpan Wladimir Putin offenbar seine Ehre wiederherzustellen – der aktuelle Kanzler und die SPD sind über den Alleingang dennoch nicht erfreut.

Der Nachnachfolger ist nicht erfreut. Zweimal, vor und nach dem EU-Gipfel von Versailles, wird Olaf Scholz nach Gerhard Schröders angeblicher Friedensmission in Moskau gefragt. Zweimal sagt der aktuelle Bundeskanzler, dass er die mutmaßlichen Aktivitäten des Altkanzlers nicht kommentieren will. Er selbst habe erst am Donnerstag zusammen mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron lange auf den Kremlherrscher Wladimir Putin eingeredet, dass er den Krieg gegen die Ukraine beenden müsse. Sollte sich durch Schröder tatsächlich eine neue Lage ergeben – so viel sagt Scholz dann doch noch –, werde man dies „zur Kenntnis“ nehmen und in das weitere Vorgehen „einbeziehen“.

Natürlich gilt weiter die Ansage, dass alles, was die Waffen in Charkiw, Kiew oder Mariupol zum Schweigen bringen kann, Unterstützung verdient. So verurteilte die Bundesregierung auch am Freitag nicht den unabgestimmten Alleingang, sie freue sich vielmehr „über jeden diplomatischen Versuch“, teilte der stellvertretende Sprecher Wolfgang Büchner, ohne konkret auf Schröder eingehen zu wollen. Im nicht vorab informierten Kanzleramt ist die Verärgerung dennoch vernehmbar, es gebe „die Sorge, dass er mehr schadet, als nutzt“, heißt es da. Viel mehr wissen sie offenbar auch dort nicht, was für sich genommen schon ein mehr als bemerkenswerter Vorgang ist.

Deutlichster Hinweis darauf, dass die Berichterstattung des Nachrichtenportals Politico zutreffend ist, war ein Foto vom Donnerstagabend. Das Bild, das Schröders Frau Soyeon Schröder-Kim am Donnerstagabend von sich im sozialen Netzwerk Instagram veröffentlichte, zeigt sie scheinbar für den Frieden betend in einem Hotelzimmer mit Blick auf den Roten Platz in Moskau. Sonst herrschte auch am Freitag allgemeines Rätselraten. Kremlsprecher Dmitri Peskow richtete aus, dass er „keine Informationen zu Schröder“ habe und folglich zu einem etwaigen Treffen mit Putin „nichts sagen“ könne.

Die Anbahnung trägt Züge eines Krimis

Die umfangreichen Details zur Anbahnung des nicht bestätigten Gesprächs, die Politico am Vortag veröffentlicht hatte, sprechen dennoch gegen eine Ente. Ohne Quellenangabe wurde auch der Deutschen Presse-Agentur ein erstes Gespräch Schröders mit Putin am Donnerstag bestätigt, dessen Vorlauf Züge eines Krimis trägt.

Auf Geheiß des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der nichts unversucht lassen wollte, soll über den Schweizer Ringier-Verlag, für den Schröder seit 2006 als Berater tätig war, eine entsprechende Anfrage an den Altkanzler gestellt worden sein. Der soll daraufhin nach Istanbul geflogen sein, um sich dort unter anderem mit Rustem Umerov zu treffen, einem Vertrauten Selenskyjs, der auch an den russisch-ukrainischen Waffenstillstandsgesprächen in Belarus teilgenommen hat. Offenbar von der Ernsthaftigkeit des Vermittlungsversuch überzeugt, soll Schröder in Moskau angerufen haben. Innerhalb von nur zehn Minuten soll der Gesprächswunsch positiv beschieden worden sein, verbunden mit der Bitte, in der türkischen Metropole zu warten, bis von russischer Seite eine Maschine bereitgestellt werden könne – immerhin gehören reguläre Flugverbindungen zum Sanktionskatalog des Westens. Am Mittwoch sollen Gerhard Schröder und seine Frau schließlich nach Moskau geflogen worden sein.

Weil die Möglichkeit, dass Schröder zum Friedensbringer wird, nicht restlos auszuschließen ist – Putin berichtete am Freitag in Moskau etwas unvermittelt über „gewisse positive Veränderungen“ in den Gesprächen mit der Ukraine –, wollte seine SPD am Freitag auch noch nicht endgültig den Stab brechen. Dennoch ist die Skepsis mittlerweile übergroß, weil sich der frühere Parteichef auch im Angesicht des Überfalls auf die Ukraine nicht von seiner russischen Lobbytätigkeit für die halbstaatlichen Energiekonzerne Rosneft wie Gazprom und seinem langjährigen politischen Freund und De-facto-Arbeitgeber Putin distanziert hat. „Das ganze riecht nach einer PR-Aktion, nach dem verzweifelten Versuch der eigenen Ehrenrettung“, heißt es in der SPD-Fraktion.

Der langjährige Weggefährte Franz Müntefering übt Kritik

Enttäuscht ist auch der langjährige Weggefährte Franz Müntefering, der unter Schröder Verkehrsminister war und nach der Abwahl des Hartz-IV-Kanzlers die SPD in die große Koalition unter Angela Merkel führte. Der inzwischen 82-Jährige aus dem Ruhrpott gehört zu den Unterzeichnern eines Briefes, den die aktuellen Parteichefs Saskia Esken und Lars Klingbeil zusammen mit acht ihrer Vorgänger vor gut einer Woche an Schröder geschrieben haben. „Du entscheidest in diesen Tagen selbst, lieber Gerhard, ob Du auch zukünftig ein geachteter Sozialdemokrat bleiben willst“, heißt es in dem Schreiben, in dem vom Empfänger verlangt wird, „unmissverständlich sich auch gegen das kriegerische Handeln von Präsident Putin zu stellen“. Bisher gab es keine Antwort darauf.

Aktuell ist Schröder nicht zu sprechen

All das treibt Müntefering um, der die frühen Kontakte Schröders und auch die eher wohlwollende Haltung seiner Partei gegen Russland allgemein als unproblematisch ansieht, weil es sich damals noch um ein anderes Land gehandelt habe und Annäherung im Sinne Willy Brandts in der Geschichte auch gute Ergebnisse hervorgebracht habe. Das aktuelle Schweigen „seines“ früheren Chefs aber bestürzt ihn. „Wenn Gerhard Schröder tatsächlich über Einfluss bei Wladimir Putin verfügen sollte und damit menschliches Leid abwenden könnte, ist die Frage, warum er sich nicht eingeschaltet hat, bevor es zu diesen abscheulichen Kriegsverbrechen in der Ukraine gekommen ist“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung: „Es jetzt ohne Wissen unserer demokratisch gewählten Regierung zu tun, ist dringend erklärungsbedürftig – Gerhard Schröder muss sich öffentlich zu seinem Verhalten äußern.“

Der aber ist nicht zu sprechen. Mehrere Mitarbeiter seines Büros im Bundestag, das allen ehemaligen Kanzlern zusteht, sollen in den vergangenen Tagen aus Protest gegen das Gebaren ihres Chefs gekündigt haben. Am Ende der parlamentarischen Telefonvermittlung nimmt eine Frau ab, die umgehend darum bittet, alle Anfragen per E-Mail an eine Kanzlei in Hannover zu richten, wo Schröder vor seiner siebenjährigen Amtszeit als Kanzler niedersächsischer Ministerpräsident war. Eine elektronische Antwort kommt an diesem Freitag aber auch von dort nicht.

Unbeantwortet bleibt somit auch die Entscheidung des Deutschen Fußball-Bundes vom Freitag, den Mann, der einst den Spitznamen „Acker“ trug, die Ehrenmitgliedschaft zu entziehen. Was aber, wenn er doch erfolgreich für den Frieden ackert?