„Schtonk“ in Korntal-Münchingen Wenn die Wirklichkeit die Hitler-Parodie überholt

Blick in vermeintlich echte Tagebücher: Die ürttembergische Landesbühne  Esslingen brachte „Schtonk“ auf die Korntaler Theaterbühne. Foto: factum/Weise
Blick in vermeintlich echte Tagebücher: Die ürttembergische Landesbühne Esslingen brachte „Schtonk“ auf die Korntaler Theaterbühne. Foto: factum/Weise

Die Inszenierung des Filmklassikers „Schtonk“ über die gefälschten Hitler-Tagebücher in Korntal-Münchingen regt zum Nachdenken an – Fakes News haben es heute leichter als 1983.

Politik: Rafael Binkowski (bin)
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Korntal-Münchingen - Es ist ein herrlich warmer Abend, vor der Korntaler Stadthalle flaniert man noch ein wenig und lässt den Geist nach Samstagseinkauf und Grillnachmittag noch etwas zur Ruhe kommen, bevor eine intellektuelle Herausforderung ansteht. Denn das Theaterstück „Schtonk“ erfordert einiges an historischem Hintergrundwissen und zeitgeschichtlichem Interesse, um nachhaltig zu wirken.

Im Publikum sind auch Generationen-Paare: Ein Vater etwa hat den Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher des Kunstfälschers Konrad Kujau, die der „Stern“ 1983 veröffentlicht hatte, noch miterlebt. Sein Sohn hat nur davon gehört und den Film von Dieter Wedel von 1992 nicht gesehen. Doch beide verbindet das Interesse an einem Stück inszenierter Geschichte, die die Württembergische Landesbühne aus Esslingen liefert.

Mit Görings Nichte im Bademantel frühstücken

Raffiniert ist auf der Bühne die schmuddelige Fälscherwerkstatt von Konrad Kujau in Stuttgart aufgebaut, auf der anderen Seite gibt es einen Cafétisch mit Stühlen – und als Überbau ein Gerüst, auf dem mal die Chefredaktion des „Stern“ tagt oder der schmierige Journalist Hermann Willié mit der Nichte von Hermann Göring im Bademantel frühstückt.

So nimmt das bekannte Drama seinen Lauf. Aus heutiger Sicht scheint es grotesk, dass es in der besseren Gesellschaft der Bundesrepublik damals so viele Sammler gab, die einen „echten Hitler“ als Ölgemälde an die Wand hängen wollten. Martin Theurer spielt den Fälscher, der sich in dem Stück Professor Fritz Knobel nennt, der die Idee der Hitler-Tagebücher hatte. Brillant verkörpert Oliver Moumouris den ebenso größenwahnsinnigen wie erfolglosen Journalisten Hermann Willié, der sich mit dem Kauf der Göring-Yacht finanziell übernommen hat und erfolglos dem „Stern“ Nazi-Geschichten andienen will. Er erwirbt die falschen Tagebücher und verkauft sie wiederum dem „Stern“.

Die Fußstapfen für Moumouris könnten kaum größer sein, schließlich hat Götz George diesen Part im Film von Dieter Wedel übernommen. Diesen versucht er erst gar nicht zu kopieren, sondern gibt der schillernden Figur einen modernen, etwas tüddeligen Anstrich.

Warum Hitler Mundgeruch hat

So weit der Rahmen, das Drama entfaltet sich langsam. Fans des „Schtonk“-Films kommen auf ihre Kosten, Zitate-Klassiker sind dabei. „Eva sagt, ich habe Mundgeruch“, murmelt der falsche „Führer“ etwa in den Tagebüchern oder stellt fest: „Habe heute in Berlin die Olympischen Spiele 1936 eröffnet. Hoffentlich bekomme ich noch Karten für Eva.“

Wieland Backes, der langjährige Moderator des SWR-„Nachtcafés“, hat in dem Stück eine Nebenrolle, er ist einer von zwei Chefredakteuren des „Stern“. So ziert er die Aufführung mit seinem prominenten Namen und weckt damit Aufmerksamkeit für die Rolle der Journalisten auf der ständigen Suche nach dem großen Skandal: Ein scharfer Kontrast zur unaufgeregten und seriösen Art, wie er selbst Jahrzehnte lang das „Nachtcafé“ im Schloss Favorite in Ludwigsburg moderiert hat.

Manchmal schießt das Stück übers Ziel hinaus, wenn etwa Willié zwei Löffelchen Asche schnupft, die angeblich aus den verbrannten Leichen von Eva Braun und Adolf Hitler bestehen soll. Auch fehlt ein wenig das Gefühl von 1983, das der Film mit seinen zugegebenermaßen anderen Mitteln so hervorragend spürbar machte.

Heute hätte Hermann Wilié Millionen Follower

Als der Tagebuch-Skandal aufgeflogen ist und der Fälscher Kujau seinem willfährigen Helfer Willié mit einem letzten Fetzen Papier weismachen will, Hitler lebe noch und sei in Südamerika, wird die Groteske greifbar: Willié steigt ins Publikum hinab und stellt sich in mehreren Sprachen als „größter Journalist Deutschlands“ vor.

Vor 35 Jahren fiel man auf künstlich gegilbte Schulhefte mit Vorhangkordel und täuschend echter Handschrift herein, heutzutage glaubt man Fake-News in den Sozialen Medien. Man ahnt es: Heute hätte ein Hermann Willié wohl mehrere Millionen Follower auf Twitter und Instagram, einen Youtube-Kanal und eine Facebook-Seite. Hitler-Tagebücher würde er nicht dem „Stern“ anbieten, sondern online stellen. Fake-News hatten es noch nie so leicht.




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