Schubart-Preis Jenseits der Grenzen

Sasa Stanisic weiß, was man zur Gegenwart hinzuerfinden muss, um sie erträglich zu machen. Foto: dpa
Sasa Stanisic weiß, was man zur Gegenwart hinzuerfinden muss, um sie erträglich zu machen. Foto: dpa

Der jugoslawische Bürgerkrieg hat Sasa Stanisic 1978 nach Deutschland verschlagen. Inzwischen schreibt er die lebendigste Prosa der Zeit. Die Staat Aalen hat ihm am Sonntag den Schubart-Literaturpreis verliehen.

Kultur: Stefan Kister (kir)
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Aalen - Wie es sich anhören könnte, die Eigenart eines Schreibens in die literaturpreisgemäße Huldigungsprosa einer Laudatio zu verwandeln, hat Sasa Stanisic in der Titelgeschichte seines jüngsten Erzählbandes „Fallensteller“ mit dem ihm eigenen verschmitzten Witz vorgeführt: Ein junger Bewohner des uckermärkischen Dorfes Fürstenfelde namens Lada hat es darin diesem Jugo gleichgetan, der sich dort einmal rumgetrieben hat. Lada beginnt also zu schreiben. Prompt gewinnt er damit einen Literaturpreis, nicht so bedeutend wie der Leipziger Buchpreis, den der Jugo für seinen Dorfroman „Vor dem Fest“ erhalten hat. Aber immerhin. In der Begründung der Jury heißt es nun: „Robert Lada Zieschke komponiert in seinem rasanten Milieustück eine Sinfonie der Provinz jenseits der großen Themen und abseits des Mainstreams. Die originelle Musikalität seiner Sprache sucht ihresgleichen in seiner Generation, was sicherlich damit zu tun hat, dass Zieschke ein Autor mit Provinzhintergrund ist.“

Man ahnt, wie oft derjenige, der sich hinter dem besagten Jugo der Erzählung verbirgt, vor wechselnden Hintergründen schon Ähnliches über sich gehört haben mag. Der jugoslawische Bürgerkrieg hat den 1978 in Bosnien geborenen Autor einst nach Deutschland verschlagen. Da war er 14 Jahre alt. In Heidelberg ging er zur Schule, studierte Deutsch und Slawistik, bevor er nach Leipzig ins Literaturinstitut wechselte. Von all dem handelt sein Debüt „Wie der Soldat das Grammofon repariert“: vom Zerbrechen der Wirklichkeit und vom sich Wiederfinden in der Erzählung. Acht Jahre später dann der zweite Roman „Vor dem Fest“ über die eigenartigen Bräuche des Dorfes Fürstenfelde in der Uckermark, 2014 mit dem Leipziger Buchpreis geehrt.

Stanisic heftet darin sein Ohr an den Boden der märkischen Erde, um dort die leisen Signale, Botschaften, Erschütterungen einer anderen Geschichte einzufangen, einer, die ganz nah ist und doch weit zurückreicht und die lange Nacht ausfüllt, die dem Fest, dem großen Ereignis im Leben der Bewohner Fürstenfeldes, vorausgeht.

In der Wertschätzungsfalle

Kriegsgräuel, Migration, Vielstimmigkeit – mit diesem Dreischritt hat man den Autor nun doch beinahe in die Wertschätzungsfalle-Falle gejagt, in der die Katastrophenkulinarik des Kulturbetriebs ihre Beute macht. Mit jedem seiner Sätze sträubt sich Stanisic gegen die Fesseln solcher Festlegungen. Und wenn man das Geheimnis der Lebendigkeit dieser Prosa auf den Begriff bringen wollte, dann wäre es gerade die agile Gleitbewegung, mit der sie sich jeglichem Zugriff entwindet – wenn wohlaustarierte Satzperioden im letzten Moment vor der absehbaren Sinnbestimmung noch einmal abbiegen ins Blaue hinein.

Hier ist es an der Zeit für eine kleine Spritztour zu Christian Friedrich Daniel Schubart, für einen Sprung kopfüber ins Wasser der Erinnerung, um darin nach der erstbesten Beute zu greifen: Es ist natürlich jene launige Forelle, die der in Aalen aufgewachsene Autor in seinem vielleicht berühmtesten Gedicht so beschreibt, wie man die helle, funkelnde Wendigkeit der in froher Eil dahinschießenden Einfälle Stanisic’ fassen könnte. Aber lasse man sich hier wie dort nur nicht von der lichten Heiterkeit blenden.

Schubart hat die originelle Musikalität seiner Sprache seinem Festungshintergrund abgerungen. Das Gedicht ist während der zehnjährigen Haft auf dem Hohen­asperg entstanden, und es erzählt, wie ein Wesen, das sich unschuldig seiner Freiheit erfreut, zum Opfer derer wird, die im Trüben fischen. Zur Erinnerung: „Doch endlich ward dem Diebe / Die Zeit zu lang; er macht / Das Bächlein tückisch trübe: / Und eh’ ich es gedacht, / So zuckte seine Ruthe / Das Fischlein zappelt dran; /Und ich, mit regem Blute, / Sah die Betrogne an.“ So heißt es in der dritten Strophe von Schubarts Gedicht.




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