Schüler mit Autismus fehlte sechs Monate Wie Luca nach der langen Pause wieder in die Schule integriert wird

Kinderzimmer statt Klassenzimmer – das war über Monate Lucas Alltag. Foto: v/v

Luca hat eine Autismus-Spektrumsstörung. Er hat es an seiner Schule nicht ausgehalten, blieb ein halbes Jahr zu Hause. Wie integriert man ein Kind nach so einer langen Zeit? Und gibt es zu wenig schulische Angebote speziell für Schüler mit dieser Diagnose?

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Tanja Klein (Namen geändert) hängen die vergangenen Monate immer noch nach. Ein halbes Jahr ging ihr ältester Sohn Luca nicht in die Schule. Stattdessen kam eine Schulbegleiterin zu ihnen nach Hause, um zumindest einen Teil des von seiner Lehrerin übermittelten Unterrichtsstoffs mit ihm durchzugehen. Es war eine belastende Zeit für die Familie. Und eine belastende Zeit für den Elfjährigen. Er habe sich allein gefühlt, berichtet seine Mutter, sei immer einsamer geworden.

 

Der Fünftklässler war zum Schuljahresbeginn in eine Werkrealschule in ihrem Stadtbezirk eingeschult worden. Doch dort habe er es nicht lange ausgehalten, erzählt Tanja Klein. Diese sei nicht ihre erste Wahl gewesen. Doch die staatliche Wunschschule habe ihren Sohn abgelehnt – wegen seiner Diagnose, ist sie überzeugt. Luca hat eine Autismus-Spektrumsstörung. Die Schule habe verlangt, dass sie Luca in einer E-Mail näher beschreiben. Am Anmeldetag – Luca war dabei – habe man ihr die Absage in die Hand gedrückt. „Das war schrecklich“, sagt die 37-Jährige.

Wenn Kinder nicht in die Schule kommen, drohen Bußgelder

Luca sei dann in der Werkrealschule in eine „hochproblematische Klasse“ gekommen, wie es Tanja Klein ausdrückt. Dort sei es laut und unruhig gewesen, was ihren Sohn wegen seiner Reizempfindlichkeit extrem gestresst habe. Er habe zudem unter dem Umgangston gelitten. „Er nimmt alles wörtlich“, erklärt sie. Werde er als „Hurensohn“ beschimpft, verstöre ihn das. Luca setzte das derart zu, dass er sich geweigert habe, zur Schule zu gehen: „Er hat gesagt, wenn wir ihn weiter dort hinschicken, haut er ab“, erinnert sich die Stuttgarterin. Die Eltern meldeten ihn krank, suchten einen Kinder- und Jugendpsychiater auf, reichten Atteste ein. Schließlich besteht in Deutschland Schulpflicht. Wenn ein Kind nicht in die Schule kommt, drohen Bußgelder.

Verzweifelt rief die Mutter bei einem der „Schneckenhäuser“ an – das ist ein teilstationäres Förderangebot der Stiftung Jugendhilfe Aktiv für Kinder und Jugendliche mit Autismus mit sonderpädagogischem Bildungsanspruch. Bei Luca wurde der Bildungsanspruch, der die Beschulung in einer Sonderklasse begründet, bisher jedoch nicht in einem Gutachten ermittelt. Sie landeten auf der Warteliste, berichtet die Mutter frustriert. Sie findet,es müsste mehr dieser schulischen Spezialangebote geben.

Es gibt immer mehr Kinder mit dieser Diagnose

Verweigern Kinder und Jugendliche mit Autismus-Diagnose häufiger die Schule? Beim Schulamt wird das verneint. Schulabsentismus komme bei diesen nicht überproportional vor, so die zuständige Schulrätin beim Stuttgarter Schulamt, Sabrina Hardt. Jedes Kind mit Autismus sei zudem anders: „Wir haben Kinder, die unproblematisch mit und auch ohne Schulbegleitung zu integrieren sind“, berichtet sie. Das Spektrum reiche bis zum Extrem: dass ein Kind im Einzelunterricht sei und zusätzlich eine Schulbegleitung habe. Insgesamt nehme die Zahl der Kinder mit Autismus-Diagnose zu – ein weltweites Phänomen. Entsprechend bräuchte man tatsächlich mehr Spezialangebote, bei denen sehr individuell auf die Bedarfe eingegangen werden kann. Sie seien da auch dran, weitere Angebote aufzubauen. Nur: „die Personallage ist das Problem“, sagt Hardt.

Geht es um einen Schulwechsel oder andere Probleme, kommt auch die am Schulamt angesiedelte Autismusberatung ins Spiel, die im Detail schaue: Was braucht das Kind, welche Schule ist in der Lage, das zu stemmen? Wie aufgeschlossen ist das Kollegium? Die Herausforderung bestehe darin, dass man nicht viel ausprobieren könne. „Die Kinder brauchen Stabilität“, erklärt Sabrina Hardt. Da sollte die neue Schule passen.

Die Schule hat Erfahrung mit solchen Fällen und verfolgt ein klares Konzept

In Lucas Fall wurde den Eltern zunächst ein Platz in der Margarete-Steiff-Schule angeboten, einem Sonderpädagogischen Bildungszentrum mit dem Förderschwerpunkt motorische Entwicklung. Da fühlte sich der Junge nicht richtig. Er schnupperte auch in einer Privatschule eines Trägers der Behindertenhilfe, die aber nur Kinder ohne Förderbedarf als externe Schüler aufnimmt – ein Rückschlag für die Familie. Im dritten Anlauf kam er auf die Elise-von-König-Gemeinschaftsschule in Stuttgart-Münster, die viel Erfahrung mit Inklusion hat – und Erfahrung mit Kindern, die länger nicht in der Schule waren. Entsprechend traute sich die Schule die Integration auch sofort zu.

So ungewöhnlich sei das für sie nicht, sagt die Schulleiterin Damaris Scholler. Gerade erst hätten sie auch von einer Realschule ein Mädchen übernommen, das ebenfalls ein halbes Jahr nicht in der Schule war. Sie verfolgten in solchen Fällen ein Konzept der „ganz kleinen, vorsichtigen Schritte“ – und das mit Erfolg, wie sie berichtet. Man müsse sich das vorstellen wie nach einem Hungerstreik, da müsse man auch vorsichtig wieder anfangen zu essen. Man dürfe die Kinder entsprechend nicht überfordern. Deshalb fange man auch nicht mit vollen Schultagen an, sondern steigere die Zahl der Stunden langsam. „Oft wollen die Eltern mehr, aber wir begrenzen das“, erklärt Scholler . Darauf abgestimmt sei der Lernstoff. Da die Lernpläne ohnehin individualisiert seien bei ihnen, sei das gut umsetzbar. Noten gebe es ohnehin nicht, entsprechend auch „keinen Frust“.

Die Mutter will sich nicht zu früh freuen

Auch bei Luca wird auf diese Art vorgegangen. Er geht nur bis mittags in die Schule, weil er mehr noch nicht schaffen würde. Tanja Klein ist erleichtert, dass es bisher gut läuft. Sie will sich aber auch nicht zu sehr freuen, die Angst sitzt tief nach den Erfahrungen der vergangenen Monate. Und sie kann sich nicht vorstellen, dass Luca den Ganztag schaffen wird. Er wolle immer so normal wie möglich rüber kommen. Doch das sei anstrengend für ihn. Schon nach dem halben Schultag sei er sehr erschöpft.

Und was meint Luca selbst, als er mittags nach Hause kommt? Er habe schon einen Freund gefunden, mit dem er sich „echt gut“ verstehe, erzählt er. Auch die anderen aus der Klasse kenne er inzwischen alle. Sport, Mathe und Geografie machten ihm am meisten Spaß. Er habe gerade den Atlas-Führerschein gemacht, berichtet er stolz. Was er über die neue Schule noch sagen könne? „Die ist perfekt“, sagt der Elfjährige. Dann geht er in sein Zimmer – ausruhen.

Deutlich mehr Anfragen als Plätze in fünf Schneckenhäusern

Angebot
35 Plätze bieten die fünf „Schneckenhäuser“ der Stiftung Jugendhilfe Aktiv. Es handelt sich dieser zufolge um ein teilstationäres Förderangebot für Schulkinder mit autistischen Verhaltensweisen, bei dem Schule und Jugendhilfe Hand in Hand gehen. Es gibt drei Schneckenhäuser für Grundschulkinder, zwei für die Sekundarstufe – am Ende steht der Haupt- oder Förderschulabschluss. Angedockt ist das Angebot an die Dietrich-Bonhoeffer-Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Der Fokus liege auf dem ganzheitlichen Lernen – auf dem selbstständig werden, um in der Gesellschaft klar zu kommen, erklärt die Bereichsleiterin Anja Ott.

Bedarf
Die Kinder aus den Schneckenhäusern kommen aus Stuttgart und dem Landkreis Esslingen. Anfragen erreichen die Stiftung aber aus der gesamten Region und darüber hinaus. „Wir nehmen Kinder auf,die sonst in keinem anderen schulischen Setting klar kommen“, so Ott. Bei diesen müsse der Bildungsanspruch emotionale Entwicklung vorliegen, eine geistige Behinderung dürfe nicht vorliegen. Der Bedarf sei größer als das Angebot, sie führten Wartelisten. Auch Ott berichtet von Erfolgen bei der Inklusion: „Es geht sehr wohl, dass Kinder mit Autismus-Spektrums-Störung inklusiv beschult werden können“, betont sie.

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