Schüler verlassen türkische Schule in Ludwigsburg Der lange Arm von Erdogan

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Nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei verliert die der Gülen-Bewegung nahe stehende Gauß-Schule in Ludwigsburg rund ein Fünftel ihrer Schüler. Im Internet werden Boykottaufrufe verbreitet – und zeigen offenbar Wirkung. Die Stadt ist empört.

Die Carl-Friedrich-Gauß-Schule in Ludwigsburg kämpft gegen den Aderlass. „Wir wollen nur normal Unterricht machen“, sagt der Schulleiter. Foto:  
Die Carl-Friedrich-Gauß-Schule in Ludwigsburg kämpft gegen den Aderlass. „Wir wollen nur normal Unterricht machen“, sagt der Schulleiter. Foto:  

Ludwigsburg - Als am 15. Juli in der Türkei die Soldaten ausrücken, um die Regierung um den Präsidenten Recep Erdogan zu stürzen, ahnt Hakan Cakar im fernen Ludwigsburg bereits Böses. Nur wenige Tage später, der blutige Putsch ist gescheitert, ruft der Leiter der Carl-Friedrich-Gauß-Schule erstmals die Polizei an. „Rein vorbeugend“, sagt er. Denn dass dieser Putschversuch Konsequenzen hat, die bis nach Deutschland und in seine Schule reichen, war Cakar früh klar. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er mit den Ideen des Predigers Fethullah Gülen sympathisiert, dem einflussreichen Gegenspieler Erdogans, der von diesem für den Umsturzversuch verantwortlich gemacht wird. Es dauert nicht lange, bis die ersten Schmierereien an den Wänden der Gauß-Schule auftauchen. „Landesverräter“ sprühen Unbekannte an die Fassaden, „Fuck Gülen“ oder einfach nur „Erdogan.“

Sieben Wochen sind seither vergangen, die für die türkische Privatschule im Ludwigsburger Westen mit einem beispiellosen Aderlass verbunden waren. 27 Kinder wurden nach dem Putschversuch von dem Gymnasium und der Realschule abgemeldet, nur 109 Schüler sind übrig geblieben, unter anderem zwei fünfte Klassen wurden stillgelegt. „Als Privatschule geht es bei uns auch um Kostendeckung“, sagt Cakar, um dann fast trotzig hinzuzufügen. „Aber wir machen weiter – jetzt erst recht.“

Die Schule versichert: Politik spielt im Unterricht keine Rolle

Vor drei Jahren stand die Carl-Friedrich-Gauß-Schule schon einmal im Fokus. Damals wurde der Vorwurf laut, der hinter der Schule stehende Trägerverein sei bestrebt, Kinder islamisch zu indoktrinieren. Das Regierungspräsidium (RP) nahm die Einrichtung unter die Lupe, fand aber keine Anzeichen, „dass islamisch-nationalistisches, frauenfeindliches oder homophobes Gedankengut gelehrt“ werde. Schon damals versicherte Cakar: „Politik spielt an unserer Schule keine Rolle“, und denselben Satz wiederholt er heute. Es sei richtig, dass viele Mitglieder des Trägervereins Gülens Vorstellung teilen, dass Islam und Moderne vereinbar seien. „Aber bei uns gibt es keine Ideologisierung in die eine oder andere Richtung. Wir wollen nur normal Unterricht machen.“ Fakt ist: die Lehrerschaft besteht überwiegend aus Deutschen.

Gülen-Anhänger betreiben weltweit Bildungseinrichtungen. Kritiker werfen der Bewegung vor, nationalistische und antidemokratische Ziele zu verfolgen. Gleichwohl stellte das baden-württembergische Landesamt für Verfassungsschutz 2014 fest, dass es keine Hinweise gebe, dass von den Einrichtungen verfassungsfeindliche Aktivitäten ausgehen. „An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert“, betont das Amt jetzt.

Auch die Stadt versucht, in dem Konflikt zu vermitteln

Dass Gülen an dem Putschversuch beteiligt war, ist nicht bewiesen. Dennoch hat der türkische Generalkonsul in Stuttgart kürzlich eine Liste mit mutmaßlich Gülen-nahen Institutionen im Land erstellt und die Landesregierung gebeten, diese zu überprüfen – eine Forderung, die der Ministerpräsident Winfried Kretschmann sofort zurückwies. Im Internet kursieren mehrere Boykottaufrufe, unter denen auch die Gauß-Schule leidet. Vor dem Putschversuch sei die Schülerzahl gestiegen, erst danach eingebrochen, berichtet der Schulleiter. „Alle Eltern, die ihre Kinder jetzt abgemeldet haben, taten dies ohne Begründung.“ Er gehe davon aus, dass sie unter Druck gesetzt wurden. „Ich habe von niemandem gehört, dass er unzufrieden mit unserer Arbeit war.“

Die Stadt Ludwigsburg hat bereits versucht, in dem Konflikt zu vermitteln. Schon vor den Ferien hatte der Bürgermeister Konrad Seigfried alle türkischen Organisationen zum Dialog geladen, und alle waren der Einladung gefolgt. Es sei positiv, dass die Gruppen miteinander ins Gespräch gekommen seien, sagt er. „Aber die Brüche innerhalb der türkischen Gemeinschaft sind spürbar, und seit dem Putschversuch hat sich die Situation deutlich verschärft.“

Angesichts mehrerer tausend Menschen mit türkischen Wurzeln in Ludwigsburg sei eines besonders wichtig: „Wir haben betont, dass wir hier die Regeln des Zusammenlebens gestalten.“ Dass Eltern unter Druck gesetzt werden, weil ihre Kinder eine bestimmte Schule besuchen, sei „ein Unding“. Zumal es sich um eine Schule handle, die nach deutschem Schulrecht betrieben werde. „Uns ist bewusst, dass wir diese schwierige Situation nicht komplett auflösen können“, sagt Seigfried. Aber noch im Herbst werde er die türkischen Organisationen erneut an einen Tisch rufen.