Schüsse in der Schule Ein schreckliches Déjà-vu
Seit dem Amoklauf von Winnenden wurde viel getan, die solche Taten zu verhindern, meint Eberhard Wein. Aber sind die Schulen im Land wirklich sicherer geworden?
Seit dem Amoklauf von Winnenden wurde viel getan, die solche Taten zu verhindern, meint Eberhard Wein. Aber sind die Schulen im Land wirklich sicherer geworden?
Langsam tasten sich die Schülerinnen und Schüler der Offenburger Waldbachschule in ihren Schulalltag zurück. Viel wurde geredet, nun werde auch allmählich wieder unterrichtet, heißt es. Doch wie soll man lernen an einem Ort, an dem so etwas geschehen ist? Am Donnerstag vergangener Woche ist ein 15-Jähriger in der sonderpädagogischen Einrichtung erschossen, vor seinen Mitschülern förmlich hingerichtet worden. Er starb kurz darauf im Krankenhaus. Der mutmaßliche Schütze: ein gleichaltriger Mitschüler.
Es kommen Erinnerungen hoch an den 11. März 2009, als der 17-jährige Tim K. an der Albertville-Realschule in Winnenden neun Schüler und drei Lehrer erschoss. Auch er zielte immer auf die Köpfe. Es ist ein schreckliches Déjà-vu. Der mutmaßliche Täter von Offenburg war damals noch ein Säugling. Ob ihm Winnenden überhaupt ein Begriff ist, ist unbekannt. Bisher hat er sich gegenüber der Polizei weder zur Tat noch zu den Hintergründen geäußert. Sein digitaler Fingerabdruck wird noch ausgewertet. Deshalb ist auch unklar, ob er selbst einen Amoklauf plante oder ob er von Anfang an ein bestimmtes Opfer im Auge hatte. Die Munition für weitere Tote hätte er gehabt. Die Polizei fand bei ihm 50 Schuss und eine Liste mit Namen.
Schon vor Winnenden waren an den baden-württembergischen Schulen Amoksicherungen eingeführt worden. Seither wurden sie weiter verbessert, die Einsatzpläne der Polizei für solche Situationen fortentwickelt und verfeinert. All dies hat in Offenburg geholfen. Wahr ist aber auch: Ein Familienvater hat wohl noch Schlimmeres verhindert.
Eine Lehre aus Winnenden war der Ausbau der Schulsozialarbeit. Heute gibt es kaum noch ein weiterführende Schule, die keine Sozialarbeiter beschäftigt. Blickt man in die polizeiliche Kriminalitätsstatistik scheinen die baden-württembergischen Schulen seit 2009 tatsächlich sicherer geworden zu sein. Doch das Bild ist zwiespältig. Denn in den vergangenen fünf Jahren weist die Statistik fast jedes Jahr ein – wenn auch nur versuchtes – Tötungsdelikt aus. 2022 wurden 2243 innerschulische Gewalttaten gemeldet. Das sind rund 1000 mehr als im Coronajahr 2021, liegt aber auch deutlich über dem Niveau von 2019. Im Bereich der gefährlichen Körperverletzungen ist innerhalb von drei Jahren sogar ein Anstieg um 95 auf 354 Fälle festzustellen.
Die soziale Isolation in der Pandemie hat nachhaltig etwas verschoben, sagen Kinder- und Jugendpsychologen. Die Gefahr der Selbstradikalisierung in der Einsamkeit des Internets hat zugenommen. Falsche Vorbilder auf Tiktok und anderswo, dazu Egoshooter-Spiele, die schon bei Tim K. eine Rolle spielten, fehlende feste Strukturen, in die viele Jugendliche auch nach der Pandemie nicht zurückgefunden haben, dadurch eine schwindende soziale Kontrolle, ein Aus-den-Augen-Verlieren, und die Unfähigkeit gerade bei Jungs, über Probleme, Gefühle und Wünsche zu sprechen, sind die immer wieder diskutierten Faktoren. Die Pandemie wirkte da wie ein Katalysator.
Allerdings waren die Gewaltzahlen schon vor den Schulschließungen wegen Corona am Steigen. Letztlich ist es nicht überraschend, dass die Brutalität und Verrohung, die die Erwachsenenwelt in den sozialen Medien verbal auslebt, auch bei den jugendlichen Ureinwohnern des Internets ankommt und von manchen dann ins echte Leben transferiert wird. Letztlich macht all dies eine solche Tat wie in Offenburg aber nicht erklärlich. Sie bleibt ein Rätsel, nicht nur für die Klassenkameraden, in deren Mitte nun zwei Plätze leer bleiben.