Das Amtsgericht Stuttgart eröffnet das Eigenverwaltungsverfahren für den angeschlagenen Schuhhändler Schuh Graf aus Fellbach. Die Filialen bleiben geöffnet, die Sanierung läuft.
Der stationäre Handel taumelt – und ein Traditionsunternehmen kämpft ums Überleben. Wie die Stuttgarter Rechtsanwaltskanzlei Pluta mitteilt, hat das Amtsgericht Stuttgart am Dienstag, 16. September, das sogenannte Eigenverwaltungsverfahren für die Schuh Graf GmbH & Co. KG eröffnet. Ein rechtlicher Schritt, der dem mittelständischen Familienbetrieb mit Sitz in Fellbach eine letzte Chance zur Selbstrettung bietet.
Rund 160 Mitarbeiter, 27 Filialen, ein Name, der seit drei Generationen für solide Schuhe in Süddeutschland steht. Doch die wirtschaftliche Realität hat Schuh Graf eingeholt. Die Kombination aus Online-Boom, Kaufzurückhaltung infolge der Inflation und hohen Betriebskosten macht dem Einzelhändler zu schaffen. Jetzt setzt man auf Sanierung, in Eigenregie.
In der Region Stuttgart ist Schuh Graf unter anderem in Ludwigsburg, Waiblingen, Böblingen, Esslingen und Stuttgart selbst vertreten.
Schuhhandel in der Krise – Traditionsmarke kämpft weiter
„Mit der Eröffnung des Verfahrens haben wir einen wichtigen Meilenstein erreicht“, sagt Steffen Beck, Sanierungsexperte bei Pluta, der gemeinsam mit der Geschäftsführung die Neuaufstellung des Unternehmens verantwortet. Der Geschäftsbetrieb laufe weiter, alle Filialen blieben vorerst geöffnet. Die Löhne seien über das Insolvenzgeld für die kommenden drei Monate gesichert.
Doch der Sparkurs zeigt erste Folgen: Die Standorte in Altensteig und Esslingen – bisher unter dem Markennamen Schuh-Mann geführt – schließen. Die betroffenen Mitarbeitenden sollen in andere Filialen wechseln. Eine Entscheidung über die übrigen Filialen steht noch aus.
Filialschließungen bei Schuh Graf – Zukunft ungewiss
„Wir konzentrieren uns auf rentable Standorte und optimieren unsere Strukturen“, erklärt Geschäftsführer Götz M. Graf. Der Enkel des Firmengründers betont, dass die Eigenverwaltung bewusst gewählt wurde, um das Unternehmen von innen heraus zu sanieren. Lieferanten und Geschäftspartner seien bislang kooperativ, erste Verhandlungen über neue Konditionen liefen konstruktiv.
Auch der Sachwalter Tibor Daniel Braun, der das Verfahren im Auftrag des Gerichts überwacht, zeigt sich zuversichtlich: „Das Verfahren beweist, dass stationäre Händler auch in schwierigen Zeiten restrukturierungsfähig sind.“
Sanierungsverfahren soll wirtschaftliche Basis stabilisieren
1938 als Schuhgeschäft in Bad Cannstatt gegründet, überstand Schuh Graf Bombennächte, Wiederaufbau und Strukturwandel. Jetzt ist der Familienbetrieb, der seinen Verwaltungssitz längst in Fellbach hat, erneut gefordert, seine DNA dem Wandel anzupassen. Die wirtschaftliche Basis soll stabilisiert, das Geschäftsmodell modernisiert werden – ohne die Wurzeln zu verlieren.
Der Wille zur Wende ist da. Doch wie viel Substanz nach Jahren des Margendrucks und pandemiebedingter Einbrüche noch vorhanden ist, bleibt offen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob sich der Weg in die Eigenverwaltung für Schuh Graf auszahlt – oder ob am Ende doch der Verkauf oder die Zerschlagung droht.
Was bedeutet Eigenverwaltung?
Eigenregie
Beim Eigenverwaltungsverfahren (§ 270a InsO) bleibt die Geschäftsführung im Amt und verantwortet die Sanierung selbst – unter Aufsicht eines gerichtlich bestellten Sachwalters. Ziel ist es, das Unternehmen von innen heraus zu restrukturieren und zu erhalten.
Insolvenz
Im Gegensatz zum regulären Insolvenzverfahren wird kein Insolvenzverwalter eingesetzt. Stattdessen handelt die Geschäftsführung eigenständig – mit mehr Flexibilität, aber auch mit großer Verantwortung. Der Sachwalter kontrolliert das Verfahren im Interesse der Gläubiger.