Eine einmalige Sache für einen Tag? Nein, Schultüten haben eine besondere Bedeutung für Schulanfänger. Wie sieht die Schultüte von heute aus und was ist drin?
Eine vergängliche Nebensache zur Einschulung? Von wegen. Schultüten müssen es in sich haben. Mogelpackungen dürfen es nicht sein.
Farbliche Misstöne – nein danke! Stylish muss das Abc-Schützen-Outfit sein. Und Ton in Ton aufeinander abgestimmt. Eine Mutter brachte in den Esslinger Laden von Claudia Nerger die Kleidungsstücke mit, die ihre Tochter zum Schulstart tragen sollte. Die Schultüte müsse dazu passen. Schließlich sollte auf dem Foto zur Einschulung alles perfekt aussehen. Eine andere Kundin kam auf der Suche nach einem Farbband ins Geschäft. Es sollte in der Farbgebung exakt mit der Schultüte harmonieren, die es verzieren sollte, und musste haargenau den gleichen Pinkton aufweisen.
Viele Eltern, weiß die Inhaberin von „Der Malkasten“, wollen den Schulanfang ihrer Kinder zum Mega-Event machen – und sie seien bereit, dafür tiefer in die Tasche zu greifen und sich viel Zeit für die Vorbereitungen zu nehmen. Doch es gibt ihrer Darstellung nach auch Erleichterungen. Der Run auf Schreibwarengeschäfte zu Schulanfang habe sich gelegt, weiß Claudia Nerger. Mittlerweile würden die meisten Schulen künftigen Erstklässlern und Schülern der Klassen zwei bis vier zu Beginn der große Ferien in einem Schreiben mitteilen, welche Unterrichtsmaterialien, welche Hefte, Zeichenblöcke und Stifte gebraucht werden. Diese Utensilien könnten somit entspannt während der Sommerpause eingekauft werden, und sie seien sinnvolle Artikel für das Schultüten-Innere. Neben Extras wie Stofftieren.
Edel muss das Equipment der meisten schulischen Newcomer sein, ist auch die Erfahrung von Andreas Walter von Spiel- und Lederwaren Heiges in Esslingen und Kirchheim. Die Schultüte muss motivisch und farblich zum Schulranzen passen. Ergänzend zu diesem Set gebe es Mäppchen und Sporttaschen im gleichen Design. Und Accessoires – Trinkflaschen, Schlüssel- und Taschenanhänger, Namensaufkleber, Brot- oder Hefteboxen: „Bis zu 15 verschiedene Ergänzungsutensilien sind die Regel.“
Höhere Preise liegen laut Esslinger Einzelhändler auch an hoher Qualität
Die etwas höheren Preise begründet der Geschäftsmann einmal mit der hohen Qualität von Material, Verarbeitung und Motiven bei Schultüten und -ranzen. Zudem verweist der Einzelhändler auf die Bedeutung dieses ganz besonderen Tages: „Die Einschulung ist für die Kinder ein Feiertag, ein Fest ohne Ende. Für sie ist das der erste Schritt hin zum Erwachsenwerden.“ Die Einschulungszeremonien würden daher zu Recht gepflegt. Schließlich betreffe der Event nicht nur das künftige Schulkind, sondern auch Verwandte und Bekannte.
Feste können aber auch mit Selbstgemachtem gefeiert werden. Bei Rainer Schmiedel in der Bastelecke Esslingen gibt es neben fertigen Produkten auch Schultüten-Rohlinge. Weiße, blaue oder rote, jedenfalls einfarbige Varianten, die je nach Gusto, Geschmack und Gefühl kreativ, eigenhändig-eigenständig beklebt und gestaltet werden können. „Das ist wirklich sehr individuell“, sagt der Geschäftsmann. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Außer vielleicht die geschlechtsspezifischen Geschmacksgrenzen. Mädchen wollen halt, was Mädchen allgemein so wollen – Elfen, Einhörner, Pferde. Und die Jungs mögen Dinos, Rennautos oder Bälle jeder Art, bevorzugt Fußbälle. Auch die Farbwahl ist klassisch gegendert, ergänzt Birgit Rast von Georg Zauner Schreibwaren in Esslingen-Berkheim: Mädchen wollen’s möglichst pink, die Jungs ganz ohne rosa lieber grün und blau.
Manche mögen’s pink. Doch alle mögen Legami-Stifte, meint Axel Kern von der gleichnamigen Buchhandlung und Papeterie mit Bürobedarf in Reichenbach. Sie seien der absoluten Renner auch beim Befüllen von Schultüten. Diese Stifte hätten ein „Köpfchen“ in Form eines Schmetterlings, Pinguins, Koalas oder eines Einhorns. Der Clou dabei: Mit diesem „Köpfchen“ kann alles, was mit diesem Stift geschrieben oder gezeichnet wurde, wieder ausradiert werden. In manche Schultüten kämen auch Kratzbilder, die nach dem Prinzip Rubbellos funktionieren. Eine schwarze Fläche wird abgekratzt und eine Überraschung, meist bunt und schillernd, kommt zum Vorschein.
Doch nicht immer werden Schultüten gekauft. In früheren Jahren, so erinnert sich Ursula Recke von der G. Zimmermann’s Buchhandlung in Nürtingen, wurden diese wichtigen Einschulungs-Accessoires auch in den Kindergärten gebastelt. Die Tüten wurden mit Krepppapier verziert, bemalt und beklebt: „Es gibt ganze Bücher darüber, wie man Schultüten gestalten kann.“ Allerdings sind nach ihrem Eindruck diese kollektiven Do-it-youself-Einschulungs-Bastel-Aktionen weniger geworden. Vielleicht, vermutet Ursula Recker, fehlt in den Kindergärten die Zeit dafür.
Das Geheimnis der Schultüten
Gründe
Für den Brauch der Schultüte werden verschiedene Funktionen genannt: Sie soll Abc-Schützen den Schulanfang versüßen, die Motivation zum Lernen steigern, Trost spenden. Die Aufmerksamkeit zum Schulbeginn kann auch als Zeichen für die Bedeutung des Ereignisses, für den Neuanfang, für den Übergang vom Kindergarten- zum Schulkind sowie als Vorbereitung auf die veränderte Rolle und Lebenssituation gewertet werden. Die Form erinnert an eine Zuckertüte als Anspielung an den süßen Inhalt.
Fantasiemärchen
Brauchtumsforscher verweisen auf eine fantasievolle Legende, die wohl vor allem aus Sachsen und Thüringen stammt. Kindern wurde erzählt, dass im Keller oder auf dem Dachboden des Schulmeisters ein Schultütenbaum wachse. Wenn die Schultüten dann „reif“ und groß genug seien, könne das Kind eingeschult werden.