Schulanfang in Baden-Württemberg Schulleben mit erhöhtem Risiko
In sieben Tagen beginnt in Baden-Württemberg die Schule. Bevor steht ein Jahr am Rande des Ausnahmezustands. Anlass zu vorsichtigem Optimismus gibt es dennoch.
In sieben Tagen beginnt in Baden-Württemberg die Schule. Bevor steht ein Jahr am Rande des Ausnahmezustands. Anlass zu vorsichtigem Optimismus gibt es dennoch.
Stuttgart - Noch eine Woche bis zum Schulanfang, und aktuell stehen alle Corona-Ampeln im Südwesten auf Grün. Das heißt, dass die Infektionsrisiken niedrig und die Chancen gut sind, dass die meisten der 4500 Schulen nach dem Ende der Sommerferien mit Präsenzunterricht ohne Maske und Abstand im Klassenzimmer ins neue Schuljahr starten können. Aber ob es Gewissheit gibt, dass für 1,5 Millionen Schüler, ihre Eltern und Lehrer nach dem Ausnahmezustand mit Lockdown jetzt wirklich eine neue Art von schulischer Normalität namens „Regelbetrieb unter Corona-Bedingungen“ beginnt? Das bleibt offen, bis es am Montag zur ersten Stunde läutet.
Ungewissheit wird sowieso ein fester Begleiter des Schullebens bleiben. Denn die Zahlen ändern sich, und das kann schnell gehen wie zuletzt in Heilbronn. Das ist gerade der einzige Landkreis in Baden-Württemberg, in dem die Zahl der Corona-Fälle pro Woche und 100 000 Einwohner (7-Tage-Inzidenz) mal über, mal unter 35 liegt. Dann springt die Virusampel auf die Vorwarnstufe Gelb, und die Gesundheitsbehörden prüfen, ob zusätzliche Maßnahmen nötig sind, um die Verbreitung einzudämmen. Zudem hat unabhängig von den Ansteckungsrisiken im Großen jeder Fall eines Corona-kranken Lehrers oder Schülers Folgen für seine Schule.
Der Blick in 14 Bundesländer, die die Ferien schon hinter sich haben, zeigt, dass Schulschließungen die Ausnahme sind. Es hat bisher nur etwa eine Handvoll gegeben. Die allermeisten Schulen in der Republik machen Unterricht vor Ort. Allerdings lehrt der Blick nach Bayern – dort beginnt die Schule an diesem Dienstag wieder –, wie schnell sich die Lage zuspitzen kann. Die Millionenstadt München hat schon eine 7-Tage-Inzidenz von fast 34, und in Landshut leuchten die Warnlampen – bei einem Wert von 46 – bereits „dunkelgelb“.
Unabhängig vom aktuellen Corona-Trend in Baden-Württemberg sprechen einige Faktoren dafür, dass das nächste Schuljahr besser läuft als der Corona-Schulbetrieb zwischen Frühjahr und Sommerferien. Wissenschaftler sammeln immer mehr Daten zur Rolle von Kindern in der Pandemie – und auch die Schulen haben schon einige Erfahrung im Umgang mit Corona.
Mittlerweile weiß man, was in den nächsten Monaten die größten Herausforderungen sind, um den Regelbetrieb an Schulen halbwegs aufrechtzuerhalten: Händewaschen, Lüften und vor allem Abstand zwischen den Klassen und Lerngruppen halten. Wie zentral konstante Gruppen sind, hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) in ihren Informationen zum Schulanfang betont. „Damit können Infektionen zwar nicht verhindert werden“, schreibt sie, „aber im Infektionsfall wirken sich dann die Quarantänebestimmungen nicht auf die gesamte Schule aus.“ Im Schulbetrieb liegt in der Verletzung dieses Abstandsgebots zwischen den Klassen und Lerngruppen das größte Risiko. Davon hängt ab, ob es nach Infektionen doch wieder zu Fernunterricht für viele oder gar zur Schließung ganzer Schulen kommt.
In zentralen Fragen gibt es mehr Klarheit: Selbst wenn der Präsenzunterricht ausgesetzt wird, hat niemand frei. Auch Schüler und Lehrer, die einer Risikogruppe angehören und vom Unterricht im Klassenzimmer befreit sind, sind verpflichtet, am Fernunterricht teilzunehmen. Damit sich das Chaos beim Lernen auf Distanz aus dem Frühjahr nicht wiederholt, hat Eisenmann verbindliche Leitlinien und Qualitätskriterien für das digitale Lernen im Fernunterricht festgelegt. Dazu zählt, dass allen Schülern dieselben Unterrichtsmaterialien zur Verfügung gestellt werden, dass in allen Fächern regelmäßig Aufgaben gestellt und Rückmeldungen gegeben werden. Das Ministerium hat die Details zwar im Internet noch nicht veröffentlicht, aber regelmäßige und verlässliche Kommunikation zwischen Lehrkräften und Schülern soll Standard sein, zudem sollen Lehrer dokumentieren, was sie im Fernunterricht gemacht haben, so hat es Eisenmann angekündigt. Außerdem werden Millionen investiert, um Laptops für Schüler und Lehrer zu beschaffen und die Wartung der digitalen Technik zu verbessern. Das schafft bessere Voraussetzungen für digitalen Unterricht und ist die beste Chance der Schulen, um ihre Lage in der Pandemie zu stabilisieren: Nutzen sie digitale Lehrmethoden von Anfang an auch beim Unterricht im Klassenzimmer, können sie bei Einschränkungen des Regelbetriebs auf eingeübte Praktiken zurückgreifen. Allerdings werden nicht alle bestellten Laptops am ersten Schultag verteilt werden können; es gibt Lieferengpässe. Aus Stuttgart etwa hieß es: „Eine Inbetriebnahme und Nutzung direkt zum Schulbeginn ist unwahrscheinlich.“
Auch wenn es vom Land und von der Kultusministerkonferenz mittlerweile differenzierte Vorgaben gibt, wird sich erst in der Praxis zeigen, was klappt und was nicht.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat jüngst von Corona als „Zumutung“ gesprochen. Das gilt auch für die Schulen. Tausende Gesetze, Verordnungen, Regulierungen, Schulhofregeln und Verhaltensmaßgaben belegen die Tradition der Risikovermeidung an Schulen. Jetzt aber wird das Virus nicht draußen gehalten, sondern zugelassen und zu beherrschen versucht. Das ist ein radikaler Bruch und wird alle Beteiligten einem Dauerstresstest aussetzen. Allerdings haben sie gerade im Umgang mit Corona, wo sich vieles ständig ändert, einen unschätzbaren Vorteil: Schulen waren schon immer ein lernendes – und lehrendes – System.