Schulanmeldung in Stuttgart G9 bleibt nach der vierten Klasse der Dauerbrenner
Auf welche Schule soll mein Kind nach der vierten Klasse? Diese Frage haben Eltern in Stuttgart tendenziell anders beantwortet als im Landesschnitt.
Auf welche Schule soll mein Kind nach der vierten Klasse? Diese Frage haben Eltern in Stuttgart tendenziell anders beantwortet als im Landesschnitt.
Stuttgart - Gymnasien sind in Stuttgart weiterhin die mit Abstand beliebteste Schulart. Das belegen die Anmeldezahlen für die fünften Klassen. Im Unterschied zum Landestrend, wo die Zahl der gymnasialen Fünftklässler weiter steigt, stagniert sie in der Landeshauptstadt jedoch. Ebenfalls gegenläufig zum Landestrend befinden sich die Gemeinschaftsschulen in Stuttgart im Aufwind, und die Werkrealschulen stabilisieren sich. Rätselraten gibt es über die deutlich gesunkene Nachfrage bei Realschulen. Insgesamt mussten sechs Gymnasien, vier Realschulen und eine Werkrealschule aus Platzgründen Schüler abweisen und an andere Standorte in Stuttgart umlenken.
Der längere Weg zum Abitur ist nach wie vor beliebt: 311 der insgesamt 2314 Bewerber (Vorjahr 2321) für die 25 städtischen Gymnasien würden ihn gern anstreben. Doch nicht für alle reicht der Platz an den drei G9-Standorten. „Wir haben zehn Schüler weggeschickt“, sagt Peter Hoffmann, der Leiter des Wilhelms-Gymnasiums in Degerloch. Denn mehr als drei Eingangsklassen sind dort räumlich nicht möglich. Dass es jetzt bereits im dritten Jahr drei reine G9-Klassen sind, sei keine Absicht. „Wir sind ja ein Gymnasium der zwei Geschwindigkeiten, und wir bieten immer beides an“, erklärt Hoffmann. Doch von 99 Bewerbern wollten nur zwei das G8. „Vor vier Jahren haben wir zum letzten Mal Kinder vom G9 aufs G8 gelost“, berichtet der Schulleiter. Er betont aber: „G9-Schulen sind kein Gymnasium light, die Anforderungen sind nicht leichter als bei G8.“ Allerdings hätten die G9-Schüler mehr Zeit, ihre Persönlichkeit zu entwickeln – „vielleicht ist das mit der Reife das wichtigste Argument“, meint Hoffmann.
Auch sein Kollege Stefan Warthmann vom Neuen Gymnasium Leipzig in Feuerbach konnte nicht alle 126 G9-Bewerber bedienen und musste Kinder abweisen. Denn in Stuttgarts größtem Gymnasium, mit insgesamt 171 Anwärtern auf Klasse fünf, davon 45 G8-Bewerbern, sollen im Herbst neben vier G9- auch zwei bilinguale G8-Klassen starten.
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Dass der Andrang trotz anstehender Umbaupläne und Interimsbauten so groß ist, wundert Warthmann nicht – „weil das Kollegium hier supertolle Arbeit leistet – bei uns geht kein Kind verloren“. Auch das Zeppelin-Gymnasium im Stuttgarter Osten konnte nicht alle 94 Bewerber, davon 88 für G9, in seine drei Eingangsklassen unterbringen, die traditionell den langsameren Weg zum Abi gehen.
Doch auch bei mehreren G8-Gymnasien war der Andrang so hoch, dass Interessenten abgewiesen und an andere Standorte umgelenkt werden mussten. So gab es viele Tränen etwa beim Friedrich-Eugens-Gymnasium im Stuttgarter Westen, das mit seinen 115 Bewerbern zwar locker vier Eingangsklassen füllen könnte, aber nur Platz für drei hat und – wie in den vergangenen Jahren – fast 30 Kinder fortschicken musste. Und dies, obwohl die Schule kein Spezialprofil hat – oder vielleicht auch gerade deswegen, wie Schulleiter Stefan Wilking meint. „Man muss sich bei uns nicht sofort entscheiden“, sagt er. Die Profilbildung erfolge erst nach Klasse sieben, da wählten dann die meisten das Fach NWT (Naturwissenschaft und Technik). Und es sei eine „sehr freundschaftliche, freundliche Atmosphäre“ an der Schule, ein schönes Gelände – und es gebe eine Schildkröte.
Überraschend haben sich an den 15 städtischen Realschulen nur noch 903 Kinder angemeldet, 178 weniger als im Vorjahr. Doch Barbara Koterbicki, die geschäftsführende Leiterin der Real-, Werkreal- und Gemeinschaftsschulen und Leiterin der Schlossrealschule, erklärt: „Wir machen uns da noch keine Sorgen.“ Im Gegenteil. Sie sei froh, dass das Schulamt bei der Planung der Klassenzahlen einen Puffer eingebaut habe – „für Schulwechsler und für Schüler, die noch nicht aufgetaucht sind“. Die würden schon noch auftauchen, zudem seien die Inklusionskinder noch nicht mitgezählt. Im Übrigen seien die Realschulen insgesamt relativ voll. Und: „Wir haben jetzt schon eine Menge Anfragen.“ Gemeint ist von älteren Schülern, die mit dem Gymnasium nicht klarkommen. Hinzu komme: „Ich weiß nicht, wie viele Wiederholer wir selber haben“, sagt Koterbicki im Blick auf das Coronajahr. Und wie groß die Bereitschaft der Realschüler sei, innerhalb der Schule aufs Hauptschulniveau zu wechseln. „Wir wissen nicht, ob Eltern die Beratung annehmen.“
Auch dem Staatlichen Schulamt seien die rückläufigen Bewerberzahlen aufgefallen, sagt Amtsvize Birgit Popp-Kreckel. Eine mögliche Erklärung sei, dass einige Familien während der Pandemie in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt seien, die Kinder von dort aus am Fernunterricht teilnehmen und man den Anmeldetermin nicht mitbekommen habe. Es sei in Coronazeiten eben „einiges ein bisschen aus der Welt gefallen“. Sie stellt aber auch klar: „Entscheidend über die Klassenbildung ist die Zahl der angemeldeten Schüler.“
Ähnlich wie bei den Realschulen sind auch die (bisherigen) Anmeldezahlen an den nurmehr sieben verbliebenen Werkrealschulen zu werten. 185 Kinder waren es im März (Vorjahr 162). Doch auch hier gebe es „jede Menge Nachmeldungen“, so Popp-Kreckel. „Viele Eltern haben gar nicht mitgekriegt, dass man sich auch digital anmelden konnte – die Schulen konnten ja keine Tage der offenen Tür machen.“ Die Aufnahmebriefe seien erst in der 20. Woche verschickt worden. Danach hakten die Grundschulen bei den nicht angemeldeten Kindern nach. „Es gibt ja für jedes Stuttgarter Kind einen Schulplatz in Stuttgart.“
Der verstärkte Zulauf zu den mittlerweile acht Gemeinschaftsschulen (GMS) wundert Koterbicki nicht. 395 Kinder wurden dort angemeldet, 42 mehr als im Vorjahr. Spitzenreiter ist mit 87 Anmeldungen erneut die Schickhardt-GMS. „Das ist das Zugpferd, das war zu erwarten“, sagt sie. Denn seit Januar steht fest, dass die Schule eine gymnasiale Oberstufe erhält, die direkt zum Abitur führt – und eine Art G9-Schule wird.