Debora Seeger hilft Max dabei, den Schulalltag gut zu meistern. Foto: Gottfried Stoppel
Trösten, fördern, stärken: Wie die Schulbegleiterin Debora Seeger Kindern hilft, die im Schulalltag Unterstützung brauchen – und wieso sie für die ganze Klasse eine Bereicherung ist.
Annette Clauß
06.05.2026 - 11:00 Uhr
Manchmal bewirkt schon ihre Hand auf seiner Schulter ein kleines Wunder. Die Berührung kann helfen, dass Max nicht in eine Spirale aus Frust und Wut rutscht – und plötzlich mitten in der Schulstunde explodiert. „Ihm tut das gut, ich bin da als Anker“, sagt die Schulbegleiterin Debora Seeger.
Die Jugend- und Heimerzieherin arbeitet für die Evangelische Gesellschaft (eva), sie kennt und begleitet Max seit der ersten Klasse und kann den Siebenjährigen, bei dem eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert wurde, mittlerweile gut lesen. Sie ist da, wenn Max im Unterricht das richtige Arbeitsblatt nicht findet und in Stress gerät. Greift rasch ein, wenn sie bemerkt, dass sich seine Hand zur Faust ballt und fast den Stift zerbricht. Sie holt ihn freundlich in die Realität zurück, wenn er im Unterricht ins Träumen gerät und Gefahr läuft, den Anschluss zu verlieren. Wenn sie bemerkt, dass er eine Pause braucht, lotst sie ihn aus dem Klassenzimmer und beide sprinten eine Runde ums Schulhaus.
Während des ersten Schuljahrs war das öfter mal nötig. Bis heute steht im Flur der Schorndorfer Grundschule (Rems-Murr-Kreis) für solche Phasen noch ein zweites Schulpult als Ausweichmöglichkeit für Max. Menschen mit einer ADHS-Störung tun sich schwer, Reize effektiv zu filtern und nehmen Sinneseindrücke intensiver wahr. Oft entsteht dadurch eine Reizüberflutung. Die Betroffenen haben Stimmungsschwankungen, Probleme mit der Konzentration und sind schneller erschöpft als andere Menschen.
„Mein Gehirn brennt“: Max kämpft mit Reizüberflutung im Klassenzimmer
„Mein Gehirn brennt“ – den Satz hat die 33-jährige Debora Seeger schon ab und zu von Max gehört. In nur drei Worten erklärt er anschaulich, was an manchen Tagen in dem Grundschüler vorgeht. „Zu viele Reize und Informationen lenken ihn ab und bereiten ihm Stress“, sagt die Klassenlehrerin Tanja Bauer. Was andere Kinder motiviere, zum Beispiel bunte Bilder rechts und links der Tafel, stört Max bei der Konzentration. Deshalb sind die Illustrationen nun abgedeckt. An manchen Tagen macht der normale Geräuschpegel im Klassenzimmer dem Siebenjährigen zu schaffen. Dann setzt er Kopfhörer auf. Bisweilen stellt er auch einen Sichtschutz aus Filz auf sein Pult, um sich abzuschirmen.
Kopfhörer helfen Max gegen Reizüberflutung. Wenn es im Klassenzimmer zu laut für ihn wird, setzt er sie auf. Foto: Gottfried Stoppel
Tanja Bauer ist froh, dass Debora Seeger Tag für Tag da ist und jede Unterrichtsstunde begleitet. Daran, dass eine weitere erwachsene Person im Klassenzimmer sitzt, musste sich die 49-Jährige erst gewöhnen. Heute sagt Tanja Bauer: „Debora Seeger und ich matchen super. Bevor eine Situation eskaliert, greift sie ein. Das kann ich nicht leisten.“ Die Schulbegleiterin gebe Max Sicherheit und Halt: „Das ist eine Entlastung für das Kind, den Lehrer und die ganze Klasse. Und für die Gesellschaft ist es gut investiertes Geld. Ein Kind, das durchs Raster fällt, ist weit teurer.“ Zudem ist Debora Seeger eine Anlaufstelle für die anderen Kinder. Sie hilft beim Schnürsenkel binden, hört zu, geht durch die Klasse und weist in Absprache mit der Lehrerin auf Fehler hin. „Ich bin für alle da, aber vor allem für Max.“
Frühe ADHS-Diagnose: Schulbegleitung als Schlüssel
Die Sorge, dass ihr Sohn im Schulalltag massiv Probleme bekommen könnte, hat Max’ Eltern früh Unterstützung suchen lassen. Schon im Kindergarten stand die Diagnose ADHS fest, eine Schulbegleitung wurde noch vor dem ersten Schultag und für alle Wochenstunden bewilligt. „Frau Seeger war sogar bei der Einschulung dabei“, sagt die Mama von Max. Ihr Sohn gehe gerne in die Schule, seine Verarbeitungsgeschwindigkeit schwanke jedoch extrem: „Mal ist er super schnell, mal braucht er extrem lange. Ohne Ritalin wäre er nicht beschulbar.“
Nach Debora Seegers Erfahrung kann der Schulalltag bei manchen ADHS-Kindern auch ohne Medikation, aber mit Schulbegleitung funktionieren. Die intensive Unterstützung sieht sie als den eigentlichen Schlüssel zu Max’ Teilhabe an der Regelschule. Die Medikamente seien in seinem Fall eine weitere Ergänzung dazu. Debora Seeger ist immer wieder erstaunt über Max’ großes Allgemeinwissen. Sie nennt ihn ein wandelndes Lexikon. „Er erzählt zum Beispiel von Galaxien oder Legionären und erklärt mir, wer Mona Lisa gemalt hat. Und manchmal kommt er her und umarmt mich einfach.“
„Wir sind ein Team“: Max meistert neue Herausforderungen
Inzwischen sitzt die 33-Jährige nicht mehr neben Max, sondern zwei Reihen hinter ihm. Trotzdem behält sie ihn im Auge, nimmt jede Regung wahr und ist da, wenn er Unterstützung braucht. „Wir mögen uns, wir sind ein Team.“ Max meistert heute vieles, was früher ein Problem war. Ein längerer Schultag zum Beispiel. „Anfangs hat er gesagt: Das schaffe ich nie. Jetzt ist das ein Klacks. Es ist schön, dass man eine Entwicklung beobachten kann“, sagt Debora Seeger. Sie hofft, dass auch die dritte Klasse gut läuft. Nach den Sommerferien wartet eine weitere große Herausforderung auf Max, denn schon jetzt zeichnet sich ab, dass ihm weniger begleitete Stunden zugestanden werden. „Wir müssen also probieren, ob er die erste Stunde alleine schafft, in der zweiten komme ich dann dazu.“
Für Max da zu sein, ist Debora Seegers Aufgabe. Doch der Job verlangt auch, loszulassen. „Es ist schön, für Max da zu sein, ihn zu stärken, zu motivieren und zu trösten. Aber das langfristige Ziel ist dennoch, mich selbst abzuschaffen“, sagt Debora Seeger.