Schulbeginn in Baden-Württemberg Schuljahr der Solidarität

Lernen im Coronamodus: Hygieneregeln an den Schulen. Foto: dpa/Felix Kästle

Im kommenden Schuljahr wird es vor allem auf die Solidarität alle Beteiligten ankommen, kommentiert Bärbel Krauß.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Stuttgart - Dass Schule eine Verantwortungsgemeinschaft ist, zu deren Gelingen viele Beteiligte einen Beitrag leisten müssen, ist nicht neu. Aber noch nie war diese Gemeinschaft aus Lehrern, Schülern, Eltern, Politikern und vielen anderen so aufeinander angewiesen, wie es in diesen Corona-Zeiten der Fall ist.

 

Es ist ja nicht übertrieben: Auch auf die Hausmeister und die Putzkräfte kommt es ganz entscheidend an, damit die Hygieneregeln im neuen Schuljahr Tag für Tag und wo immer möglich eingehalten und die Ansteckungsgefahren des Virus in Grenzen gehalten werden. Auf die Schüler kommt es an, weil sie in ihren Klassen so viel wie möglich lernen sollten, solange es ohne Einschränkungen geht, und weil sie den Kontakt zu anderen Lerngruppen mit aller Disziplin meiden müssen – selbst wenn das heißt, den besten Freund oder die beste Freundin in der Schule gar nicht und außerhalb nur mit Abstand und Maske zu treffen. Lehrer brauchen die Kooperation der Eltern beim Unterricht auf Distanz, wenn es – hoffentlich nur lokal – doch wieder Einschränkungen im Schulalltag mit Corona geben sollte. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass Väter und Mütter ihre kranken Kinder zu Hause behalten, damit Quarantäneauflagen vermieden oder wenigstens klein gehalten werden können.

Menschen, die einander brauchen

Eltern brauchen umgekehrt die Lehrer, die trotz Verzicht auf Abstand und Maske im Unterricht engagiert und professionell unterrichten müssen. Die Kinder brauchen das für ihre Entwicklung, und Eltern können ihren gewohnten Lebensrhythmus nur aufrechterhalten, wenn das klappt. Alle Mitglieder der Schulfamilie brauchen die Politik, die so viel Soforthilfe wie möglich im Umgang mit Corona leisten muss. Und die Politik braucht die Bürger, weil auch in der Schule der Gesundheitsschutz für alle nur durch die Anstrengung vieler zu gewährleisten ist.

So viel Abhängigkeit war nie im System Schule, und sie war vor allem nie so hautnah und so anhaltend spürbar. Es geht um Millionen Menschen, die einander brauchen, um möglichst gut durch dieses virusbelastete Schuljahr zu kommen. Es wird, da darf man sich nichts vormachen, schwierig und anstrengend. Anders wäre schöner, keine Frage. Aber das Virus ist nun einmal da, und mit manchen Unzulänglichkeiten – widersprüchliche Regeln sind da nur ein Beispiel – wird die Schulfamilie sich vorerst abfinden müssen.

Niemand sitzt auf der Zuschauerbank

Das Schuljahr wird auch deshalb schwer, weil die Landespolitik es seit vielen Jahren nicht geschafft hat, eine ausreichende Zahl junger Lehrer auszubilden, den Sanierungsstau aufzulösen und die Digitalisierung in angemessenem Tempo voranzutreiben. So angebracht Kritik daran ist, so wenig nutzen Klagen über die Versäumnisse der Vergangenheit. Wichtiger ist, dass die Landespolitik akut alles tut, um den Schulbetrieb zu erleichtern und mittelfristig Weichen stellt, um Strukturdefizite zu beheben. Dazu gehört es, Schulen wegen ihrer Leistungen in der Betreuung von Kindern und Jugendlichen als Teil der kritischen Infrastruktur zu sehen, als der sie sich im Lockdown erwiesen haben. Dass die Kinder in der Schule sind, ist für das Funktionieren der Volkswirtschaft kaum weniger wichtig als die Stromversorgung. Wie man dieser Bedeutung künftig besser gerecht wird, ist ein dickes Brett, das die Schulpolitik nichtsdestoweniger bohren muss.

Der Blick zurück lehrt, wie wertvoll es ist, normal zur Schule gehen zu können. Leider wird diese Normalität nicht schnell zurückkehren. Lehrer, Schüler und Eltern müssen mit widrigen Umständen rechnen. Alle werden Disziplin, Gelassenheit und vor allem eines brauchen: Solidarität. Ohne Solidarität kann dieses Schuljahr nicht gelingen – und dabei sitzt niemand auf der Zuschauerbank.

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