Die europäschen Staatenlenker lassen aus Angst um den Euro alle diplomatische Zurückhaltung gegenüber Griechenland fallen.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Athen - Man stelle sich nur für einen Moment vor, dass eine unsichtbare Macht uns von heute auf morgen all die deutschen Begriffe nehmen würde, die griechischen Ursprungs sind - wie könnten wir dann noch die politische Tragödie beschreiben, die uns auf der europäischen Bühne geboten wird? Uns würden schier die Worte fehlen.

Als was würden wir die "Katastrophe" bezeichnen - als Wendung zum Niedergang etwa, wie die genaue Übersetzung lautet? Wie würden wir das "Chaos" umschreiben: als Zustand völliger Unordnung? Was würden wir gar ohne das Schlagwort "Krise" anfangen? Die deutsche Sprache ist so reich an Vokabeln altgriechischer Herkunft, dass die Griechen unmittelbar zu unserer Kultur gehören. So ist es wohl als Ironie der Geschichte zu sehen, dass sich besonders aussagekräftige Exemplare unseres Wortschatzes nun ausgerechnet gegen das Volk wenden, dessen Ahnen die deutsche Sprache so sehr bereichert haben.

Frauen und Sklaven blieben außen vor

"Demos" bedeutet Volk, "Kratos" heißt Herrschaft - die Herrschaft des Volkes wurde im Athen der Antike entwickelt. Damals blieben Frauen und Sklaven zwar noch außen vor, doch später entstand daraus die wohl gelungenste aller Staatsformen: die repräsentative Demokratie. Müssten wir somit nicht mehr Verständnis haben, wenn dort, an der Wiege der Demokratie, das Volk darüber abstimmen dürfte, unter welchen Bedingungen es noch zur europäischen Währungsunion gehören will? Das Gegenteil ist der Fall. Als Ministerpräsident Giorgos Papandreou seinen Plan eines Referendums ankündigte, reagierte Resteuropa entsetzt.

Die Bereitschaft, für die Griechen Verständnis aufzubringen, tendiert vor allem in Deutschland gegen null. Vielmehr hält quer durch die Gesellschaft die Respektlosigkeit Einzug. Da stellt beispielsweise ein Arzt einen Mitbürger an den öffentlichen Pranger, nur weil dessen Name eine griechische Abstammung verrät - nach dem Motto: angesichts der Tricksereien aus Südosteuropa ist von dem Betreffenden nichts Besseres zu erwarten.

Populismus hat Konjunktur

Angetrieben von den wachsenden antieuropäischen Ressentiments hat sich der Boulevard - der sowohl den Puls des Volkes fühlt als auch die Wirkung dessen, was dort gedacht wird, zu verstärken weiß - auf den Feldzug begeben. Die Titelzeile "Nehmt den Griechen den Euro weg!" ist der vorläufige Höhepunkt einer "Bild"-Kampagne, in deren Verlauf den "Pleitegriechen" von Politikern schon geraten wurde, einen Teil ihrer 3000 Inseln zu verkaufen. Die Forderung "Schmeißt die Griechen raus" ist ein geflügeltes Wort geworden. "Jetzt reicht es uns!" formuliert "Bild" auch noch, als hätten die Deutschen ihr Urteil gesprochen.

Populismus - ausnahmsweise ein Begriff, der nicht dem Altgriechischen, sondern dem Lateinischen entstammt - hat Konjunktur. Man muss gar nicht weit schauen, um zu erkennen, dass der mediale Funke überspringt. Landauf, landab werden die Griechen als "schmarotzende Ausbeuter" oder "uneinsichtige Europleitiers", als "Schummelgriechen" und "Erpresser" verurteilt, die seit jeher eine Selbstbedienungsmentalität pflegten und von denen sich die Währungsgemeinschaft "befreien" müsse. Flugs wird aus dem russischen das "griechische Roulette", und längst gelten "griechische Verhältnisse" als Wurzel allen Übels. Das Verhalten gegenüber den Griechen sei "so feindlich, so beleidigend, so uneuropäisch", klagt der "Lindenstraßen"-Wirt Kostas Papanastasiou, der seit 55 Jahren in Berlin lebt.

Keine wertschöpfende Industrie

Wenn es nur der Sprachgebrauch wäre - es gilt hellwach zu sein und aufzupassen, dass die Debatte nicht in ein rassistisches Fahrwasser gerät. Dass sich all dies in Umfragewerten niederschlägt, mag niemanden mehr verwundern: Vier von fünf Deutschen sind demnach der Meinung, dass Griechenland den Euro abgeben müsse, wenn es die Rettungsbeschlüsse nicht hinnehmen mag. Wer gegen den Strom schwimmt, dringt kaum durch: Solidarität mit einem Volk, das unter den Konsequenzen einer seit Jahrzehnten ungerechten und verfehlten Regierungspolitik leiden muss, ist nicht gefragt. Ebenso wenig zählt die Einsicht, dass die Hellenen zwar über viele Olivenbäume, nicht jedoch über eine wertschöpfende Industrie verfügen, die sie aus dem Schlamassel befreien könnte. Und noch weniger verfängt das Argument, dass unsere seit Langem anhaltenden Exportüberschüsse viel zu tun haben mit den Schulden der Südeuropäer. Man hat den Griechen die deutschen Produkte allzu schmackhaft gemacht - wohlwissend, dass sie sich diese gar nicht leisten können.

Ein eindeutiges Bekenntnis zum vereinten Europa verlangen vor allem die linksgerichteten Parteien und Gewerkschaften. "Die griechische Regierung braucht europäische Hilfe statt Besserwisserei und chauvinistische Ergüsse", sagt beispielsweise der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber. Doch so etwas wird momentan kaum zur Kenntnis genommen.

Auf Rente und Urlaub verzichten

Stattdessen werden Vorurteile gepflegt: vom Südländer, der seine von den Nordländern geförderte Frührente kartenspielend im Café verprasst. Darf man aber darüber klagen, dass der Stammtisch nichts Gutes an den Griechen mehr finden mag, wenn die Politik einen entsprechenden Ton vorgibt? Schon im Mai hatte die Kanzlerin den Menschen in Griechenland, Portugal und Spanien den Ratschlag erteilt hat, sie sollten länger für die Rente arbeiten und auf Urlaub verzichten - auf einer CDU-Veranstaltung im nordrheinwestfälischen Meschede wohlgemerkt. Wie sich hinterher im Übrigen herausstellte, geht es den Deutschen in puncto (Lebens-)Arbeitszeit keineswegs schlechter als den Griechen.

Die diplomatischen Masken sind längst gefallen. Wie einen Schuljungen haben die Deutsche Angela Merkel und der Franzose Nicolas Sarkozy - "Merkozy" getauft - den Ministerpräsidenten Papandreou zum "Rapport" antreten lassen. Wo früher hinter verschlossenen Türen Tacheles geredet wurde, wird nun in Pressekonferenzen und Interviews offener Druck ausgeübt. Man mag diese Direktheit erfrischend und zielführender finden, nachdem all die Mahnungen an die Adresse Athens zu wenig gebracht haben. In jedem Fall führt der undiplomatische Umgang der Oberen zur sprachlichen Enthemmung auf allen Ebenen.

Euroreferendum in Deutschland

Die Stimmungswelle hat sich - um im Bild zu bleiben - zum Tsunami aufgebaut. Politiker von FDP und CSU fordern nun auch ein Euroreferendum in Deutschland. Das bringt zwar, wie man weiß, keine direkten Wahlerfolge, fördert aber nationalistische Tendenzen vor dem Hintergrund irrationaler Ängste der Menschen, wonach alles nur noch schlimmer kommen kann.

Sieht so die Verantwortung aus, die Deutschland als größte Volkswirtschaft für die Stabilität Europas trägt? Es wäre höchste Zeit, für das bedeutendste Projekt dieser Zeit für Frieden, Freiheit und Wohlstand intensiv zu werben. Wer soll das machen, wenn die Staatenlenker unter dem Druck der Finanzmärkte immer kurzfristiger agieren und keiner weiß, wohin die Reise geht? Es reicht auch nicht, fundamentale Entscheidungen für alternativlos zu erklären. Die Menschen wollen mitgenommen werden. Um ihnen in dieser entscheidenden Phase die Idee von einem geeinten Europa näherzubringen, braucht es keinen Philosophen vom Schlage Platons oder Aristoteles', nur mehr Überzeugungskraft.

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