Schuldenkrise in Griechenland Enthemmung auf allen Ebenen

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Die europäschen Staatenlenker lassen aus Angst um den Euro alle diplomatische Zurückhaltung gegenüber Griechenland fallen.

Griechen sitzen immerzu im Café, lautet ein verbreitetes Vorurteil. Foto: Ernst Wrba/Helga Lade
Griechen sitzen immerzu im Café, lautet ein verbreitetes Vorurteil. Foto: Ernst Wrba/Helga Lade

Athen - Man stelle sich nur für einen Moment vor, dass eine unsichtbare Macht uns von heute auf morgen all die deutschen Begriffe nehmen würde, die griechischen Ursprungs sind - wie könnten wir dann noch die politische Tragödie beschreiben, die uns auf der europäischen Bühne geboten wird? Uns würden schier die Worte fehlen.

Als was würden wir die "Katastrophe" bezeichnen - als Wendung zum Niedergang etwa, wie die genaue Übersetzung lautet? Wie würden wir das "Chaos" umschreiben: als Zustand völliger Unordnung? Was würden wir gar ohne das Schlagwort "Krise" anfangen? Die deutsche Sprache ist so reich an Vokabeln altgriechischer Herkunft, dass die Griechen unmittelbar zu unserer Kultur gehören. So ist es wohl als Ironie der Geschichte zu sehen, dass sich besonders aussagekräftige Exemplare unseres Wortschatzes nun ausgerechnet gegen das Volk wenden, dessen Ahnen die deutsche Sprache so sehr bereichert haben.

Frauen und Sklaven blieben außen vor

"Demos" bedeutet Volk, "Kratos" heißt Herrschaft - die Herrschaft des Volkes wurde im Athen der Antike entwickelt. Damals blieben Frauen und Sklaven zwar noch außen vor, doch später entstand daraus die wohl gelungenste aller Staatsformen: die repräsentative Demokratie. Müssten wir somit nicht mehr Verständnis haben, wenn dort, an der Wiege der Demokratie, das Volk darüber abstimmen dürfte, unter welchen Bedingungen es noch zur europäischen Währungsunion gehören will? Das Gegenteil ist der Fall. Als Ministerpräsident Giorgos Papandreou seinen Plan eines Referendums ankündigte, reagierte Resteuropa entsetzt.

Die Bereitschaft, für die Griechen Verständnis aufzubringen, tendiert vor allem in Deutschland gegen null. Vielmehr hält quer durch die Gesellschaft die Respektlosigkeit Einzug. Da stellt beispielsweise ein Arzt einen Mitbürger an den öffentlichen Pranger, nur weil dessen Name eine griechische Abstammung verrät - nach dem Motto: angesichts der Tricksereien aus Südosteuropa ist von dem Betreffenden nichts Besseres zu erwarten.

Populismus hat Konjunktur

Angetrieben von den wachsenden antieuropäischen Ressentiments hat sich der Boulevard - der sowohl den Puls des Volkes fühlt als auch die Wirkung dessen, was dort gedacht wird, zu verstärken weiß - auf den Feldzug begeben. Die Titelzeile "Nehmt den Griechen den Euro weg!" ist der vorläufige Höhepunkt einer "Bild"-Kampagne, in deren Verlauf den "Pleitegriechen" von Politikern schon geraten wurde, einen Teil ihrer 3000 Inseln zu verkaufen. Die Forderung "Schmeißt die Griechen raus" ist ein geflügeltes Wort geworden. "Jetzt reicht es uns!" formuliert "Bild" auch noch, als hätten die Deutschen ihr Urteil gesprochen.

Populismus - ausnahmsweise ein Begriff, der nicht dem Altgriechischen, sondern dem Lateinischen entstammt - hat Konjunktur. Man muss gar nicht weit schauen, um zu erkennen, dass der mediale Funke überspringt. Landauf, landab werden die Griechen als "schmarotzende Ausbeuter" oder "uneinsichtige Europleitiers", als "Schummelgriechen" und "Erpresser" verurteilt, die seit jeher eine Selbstbedienungsmentalität pflegten und von denen sich die Währungsgemeinschaft "befreien" müsse. Flugs wird aus dem russischen das "griechische Roulette", und längst gelten "griechische Verhältnisse" als Wurzel allen Übels. Das Verhalten gegenüber den Griechen sei "so feindlich, so beleidigend, so uneuropäisch", klagt der "Lindenstraßen"-Wirt Kostas Papanastasiou, der seit 55 Jahren in Berlin lebt.




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