Schule in Baden-Württemberg in der Kritik „Die Lehrerversorgung ist so schlecht wie noch nie“

Läuft eigentlich auch noch irgendwas gut in den Schulen im Land? Foto: Imago//Ute Grabowsky

Lehrermangel, schlechte Ergebnisse bei Vergleichstests: Das Schulsystem in Baden-Württemberg steht in der Kritik. Ein Streitgespräch über den Sinn von Gemeinschaftsschulen, warum Bayern immer noch Bildungsspitze ist und die Lehrkraft die wichtigste Größe.

Was ist los an den Schulen in Baden-Württemberg? Angela Keppel-Allgaier vom Verband der Gemeinschaftsschulen im Land und Ralf Scholl vom Philologenverband geben unterschiedliche Antworten. Einig sind sie sich aber darin, dass die Schulen für die vielen Aufgaben, die sie erfüllen sollen, von der Politik besser ausgestattet werden müssen.

 

Frau Keppel-Allgaier, wie viele Stunden müssen an der Hans-Küng-Gemeinschaftsschule in Tübingen gerade ausfallen, weil Sie zu wenige Lehrer haben?

Keppel-Allgaier: Unsere Versorgung ist so schlecht, wie ich es noch nie erlebt habe. Ich habe nicht genug Personal für alle Stunden. Ich musste dieses Jahr zum ersten Mal Fachunterricht streichen. In ganz Tübingen ist keine Kunstlehrkraft für die Oberstufe zu bekommen. Und mir fehlen Stunden, mit denen ich den Ganztag stemmen kann. Wir haben deshalb einen Nachmittag reduziert.

Scholl: An meiner Stammschule, dem Paracelsus-Gymnasium Hohenheim, fehlt eine Lateinlehrerin wegen Erkrankung. Deshalb musste der ganze Stundenplan umgebaut werden.

Frau Keppel-Allgaier, die Gemeinschaftsschule wurde eingeführt, um mehr Bildungsgerechtigkeit zu schaffen. Im Vergleichstest Vera der 8. Klassen waren deren Ergebnisse aber mäßig. Herr Scholl spricht von Komplettversagen.

Keppel-Allgaier: Man muss schon berücksichtigen, dass sämtliche Herausforderungen des Bildungssystems bei uns abgeladen werden: Wir integrieren Kinder mit Behinderung, wir haben Schüler mit sozialen und emotionalen Defiziten. Wir haben seit 2015 eine Geflüchtetengruppe nach der anderen bekommen. Da sitzen Kinder in den Klassen, die mussten wir erst mal alphabetisieren. Die sind drei, vier Jahre in unserem System und müssen in der 8. Klasse trotzdem diese Vergleichsarbeiten mitschreiben. Wir dürften nur Schulen mit ähnlichen Voraussetzungen vergleichen.

Scholl: Aber an der Werkrealschule ist der Migrantenanteil mit 37,2 Prozent deutlich höher als an den Gemeinschaftsschulen mit 24,4 Prozent. Und trotzdem haben die Werkrealschulen – im direkten Vergleich ihrer Schüler mit denen der Gemeinschaftsschulen auf dem entsprechenden Niveau – bei Vera 8 in allen Fächern besser abgeschnitten.

In der sogenannten IQB-Studie rutschten die baden-württembergischen Viertklässler in Deutsch im Bundesvergleich weiter ab. Auch hier wurde als Erklärung angeführt, dass mittlerweile fast 50 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben. Ist das wirklich der Hauptgrund?

Scholl: Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund hat sich seit 2011 vereineinhalbfacht. Das spielt schon eine Rolle. Aber warum liegt etwa Bayern immer noch vorn? Weil es dort eine verbindliche Grundschulempfehlung gibt. Baden-Württemberg hat die Verbindlichkeit abgeschafft. Die Schüler haben in Klasse 3 und 4 nicht mehr so viel Ansporn, sich dafür anzustrengen. Das war ein Kardinalfehler.

Keppel-Allgaier: An unsere Gemeinschaftsschule wechseln sehr viele Kinder, die das Gymnasium nicht schaffen. Dieses Jahr alleine 30 Schülerinnen und Schüler in allen Jahrgangsstufen. Viele von denen hatten eine Gymnasialempfehlung. Ich habe nicht das Gefühl, dass so viele Kinder auf andere Schularten gehen wie empfohlen. Aber wir brauchen in der Grundschule mehr Stunden in Deutsch und Mathe. Wöchentlich zwei Stunden mehr pro Fach haben einen enormen Effekt auf den Schulerfolg.

Wenn es nur eine weiterführende Schule für alle gäbe, würde sich das Problem mit der Empfehlung gar nicht stellen.

Keppel-Allgaier: Das gegliederte Schulsystem ist überholt, wir leisten uns zu viele Doppelstrukturen. In den Gemeinschaftsschulen haben wir zum Beispiel das G9, das brauchen wir nicht wieder einzuführen. Im Ausland ist es ja ganz normal, dass die Schüler länger zusammen lernen. Und es ist ja nicht so, dass wir Deutschen mit unserem System nur kleine Superstars produzieren.

Herr Scholl, warum wollen Sie an der Gliedrigkeit festhalten?

Scholl: Homogene Klassen fördern Schüler optimal, denn in zu gemischten Klassen gibt der Durchschnitt den Ton an. Schule muss jeden so fördern, dass er an sein Limit kommt, und zwar jedes Jahr ein bisschen mehr. Wenn ich alle zusammenmixe, ist das schwierig. Deshalb bin ich auch für die Wiedereinführung des G9 als Regelfall mit der Option, dass die ganz starken Schüler das G8 wählen können.

Aber taugt das gegliederte System dafür, schwächere Schüler optimal zu fördern?

Scholl: Ich glaube schon. Aber ein differenziertes System funktioniert nur, wenn jedes Kind auch in eine Schule geht, die geeignet für das Kind ist. Ich hatte mal einen Schüler, der musste nach Klasse 11 abgehen. Der fing dann eine Lehre an und war superhappy. Für den waren die sieben Jahre davor auf dem Gymnasium eine Qual und verschenkte Zeit. Der wusste nach sechs Wochen Lehre, dass er Fachhochschulreife machen will und auf welchen Abschluss er danach studieren will.

Keppel-Allgaier: Es ist doch frustrierend für Kinder, wenn im Zeugnis steht „Du musst das Gymnasium verlassen“. Solche Enttäuschungen könnte man Kindern mit einer Schule für alle ersparen. Ich finde aber auch, man müsste die Leistungskontrolle auf andere Füße stellen. Man müsste eine andere Messbarkeit erreichen, ohne die Kinder unter Druck zu setzen. Vor jeder neuen Stufe muss eine Form der Diagnose stehen, dass ich als Lehrkraft weiß, was braucht der Schüler in seinem nächsten Schritt.

Scholl: Warum macht man eine Lernstandserhebung nicht wie früher? Durch zentrale Klassenarbeiten jedes Jahr? Damit wäre völlig klar, was gelernt werden muss: Alles, was in der ZK drankommt. Das normiert, was und wie viel die Schüler gelernt haben müssen. Wir haben uns davon verabschiedet, was Schule eigentlich soll: Wissen vermitteln. Nicht umsonst liegen die Abbruchquoten in Fächern wie Mathe und Physik an den Unis bei rund 50 Prozent.

Ziehen die schlechten Schüler die guten in der Gemeinschaftsschule herunter, wie Herr Scholl sagt?

Keppel-Allgaier: Es gibt in der Gemeinschaftsschule Sogeffekte in beide Richtungen. Deshalb werden in vielen Gemeinschaftsschulen Fächer wie Mathematik differenziert nach Niveau unterrichtet und nicht gemeinsam. Aber bei uns profitieren nicht nur die schlechteren Schüler vom gemeinsamen Lernen mit den guten. Auch diese profitieren, etwa durch das Helfersystem: Sie vertiefen den Stoff dadurch, dass sie es anderen erklären. Wir haben auch den Leistungsanspruch an unsere Schüler. Jeder Schüler hat einen Coach, mit dem er bespricht, was er braucht, um besser zu werden.

Scholl: Ich habe gar nicht grundsätzlich etwas gegen die Gemeinschaftsschule. Aber ich habe Bauchgrimmen wegen des Prinzips des „eigenständigen Lernens“. Die Erfahrung zeigt: Je schwächer ein Schüler ist, desto enger muss man ihn führen.

Keppel-Allgaier: Unsere Schüler sollen eigenständiges Lernen lernen, wir setzen das nicht voraus. Oft denken die Eltern, mein Kind braucht eine klare Struktur, darum kann es nicht in eine Gemeinschaftsschule. Aber das ist Quatsch. Wir geben oft sehr enge Strukturen vor, gerade weil wir auch schwache Lerner haben. Es sollte aber Ziel jeder Schule sein, dass die Schüler selbstständig arbeiten.

Scholl: Da bin ich einverstanden. Ich denke manchmal, die Gymnasien könnten sich da vielleicht ein Stück abschneiden.

Kann die Gemeinschaftsschule überhaupt funktionieren, solange die bürgerliche Mitte ihre Kinder nicht dorthin schickt?

Keppel-Allgaier: Die Gemeinschaftsschulen werden je nach Standort ganz unterschiedlich angenommen. Wie gut ist sie ausgestattet, welche Alternativen gibt es vor Ort, wie engagiert ist die Lehrerschaft? Das sind Einflussfaktoren. Ich sehe uns aber manchmal am Limit. Die Lehrkräfte sind immens belastet. Wir sollen Integration, Inklusion leisten und trotzdem den Leistungsanspruch hochhalten.

Ist die Gemeinschaftsschule nicht das Paradebeispiel dafür, dass man Schule überfrachtet?

Scholl: Ja. Schule muss mittlerweile alle möglichen sozialen Funktionen erfüllen. Dazu bekommen die Lehrer ständig zusätzliche Verwaltungsaufgaben aufgebrummt und haben zu wenig Zeit für gute Vor- und Nachbereitung des Unterrichts. Auch in Fortbildungen geht es zu wenig darum, wie wir Schüler zum besseren Lernen bekommen.

Ist die Lehrkraft am Ende wichtiger als das System?

Keppel-Allgaier: Wir können uns hier zwischen den Schularten batteln, aber im Grunde müssten wir doch fragen, was kann die Politik tun, damit es uns in den Schulen besser geht. Klar kann man mehr Daten über die Schüler erheben, wo sie stehen und wie sie sich entwickeln. Aber im Grunde müssen wir an der Unterrichtsqualität arbeiten. Dafür brauchen die Lehrkräfte die Hände frei. Bei uns machen die Lernstandstests Vera in Klasse 8 den Lehrkräften wahnsinnig viel Arbeit. In Hamburg kommen dafür Studierende in die Schulen. Merksch was?!

Scholl: So ist es!

Keppel-Allgaier: Wenn wir jetzt nicht vor diesem eklatanten Lehrermangel in diesen herausfordernden Zeiten stehen würden, wäre alles machbarer, dann könnte ich zum Beispiel für Inklusionsklassen zwei Pädagogen einstellen – wie das mal versprochen war.

Wo funktioniert unser Bildungssystem eigentlich noch gut?

Keppel-Allgaier: Das Gute ist, dass es keine Sackgassen gibt. Kein Abschluss ohne Anschluss. Am Ende kommen dann doch sehr viele Jugendliche mit einem Abschluss raus, und wir haben sehr viele Jugendliche in Arbeit. Das haben wir anderen Ländern immer noch voraus.

Scholl: Das Positive ist, dass sich die meisten Lehrkräfte nach Kräften anstrengen. Aber wenn sie in eine Überforderung getrieben werden, sodass sie resignieren, dann werden auch jene Lehrer, die immer eine sichere Bank waren und die Sonderaufgaben übernommen haben, irgendwann sagen: Nö, jetzt ist Schicht im Schacht – ich mach’ nix mehr.

Zur Person

Angela Keppel-Allgaier
ist Rektorin der Hans-Küng-Gemeinschaftsschule in Tübingen, die zu den ersten im Land gehört, die auch eine Oberstufe haben. Die 59-Jährige ist Grund- und Hauptschullehrerin. Keppler-Allgaier wohnt in Reutlingen, wo sie auch studiert hat und seit Jahrzehnten lebt, ursprünglich stammt sie aus Kassel. Sie ist Vertreterin im Vorstand des Vereins für Gemeinschaftsschule und war lange Jahre in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) engagiert.

Ralf Scholl
ist Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg. Er ist Lehrer für Mathematik und Physik am Paracelsus-Gymnasium in Hohenheim, wo er seit einigen Jahren für die Personalratsarbeit freigestellt ist. Ralf Scholl wurde in Gotha in Thüringen geboren, ist aber schon 1972 in den Westen gekommen, wie er sagt, „so richtig mit Flucht und allem drum und dran“. Zur Schule gegangen ist der heute 62-Jährige in Heidelberg.

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