Schule in Böblingen Hoffen auf den zweiten Frühling
Ein sorgenvoller Blick auf das Albert-Einstein-Gymnasium in Böblingen, das seit drei Jahren einen Schulleiter sucht.
Ein sorgenvoller Blick auf das Albert-Einstein-Gymnasium in Böblingen, das seit drei Jahren einen Schulleiter sucht.
„Die Lage des Grundstücks auf dem höchsten Punkt eines breiten Hanges gibt dem Gymnasiumsbau eine beherrschende Stellung im Stadtbild“, schrieben die Stuttgarter Architekten Traub und Prokopowitsch einst über die Architektur des Albert-Einstein-Gymnasiums (AEG) in Böblingen. Das war in einer schweizerischen Architekturzeitschrift und ist gewiss 60 Jahre her. 1963 eröffnet, darf der gymnasiale Bau als architektonisches Ausrufezeichen gelten. „Der Baukörper wird von allen Seiten gesehen“, heißt es dort weiter.
Als wollte Böblingen damals Selbstbewusstsein Richtung Sindelfingen demonstrieren. Immerhin ging das AEG einst aus einer Zweigstelle des Sindelfinger Goldberg-Gymnasiums hervor: Vier Klassen, die auf dem Böblinger Schlossberg die Schulbank drückten, wurden Anfang der 1960er Jahre zunächst zum Progymnasium. Dann entschied sich die Stadt zum Bau eines eigenen Gymnasiums in der Zeppelinstraße 50. Die durchdachte, polygone Architektur mit verglaster Aula und Innenhof sucht nach wie vor ihresgleichen. Doch von Glanz und Gloria ist gerade nicht mehr so viel übrig.
Der Rektorensessel ist seit dem Weggang von Grit Steiner 2021 verwaist. Tobias Jungbauer führt die Schule seitdem kommissarisch, mittlerweile mit Unterstützung von Jürgen Schwarz, dem Rektor des Gymnasiums in Rutesheim. Doch scheinbar konnten weder er noch ein anderer sich seitdem für die Position des AEG-Schulleiters erwärmen. Warum eigentlich?
Das AEG machte – und macht noch immer – durch seinen Musikzug von sich reden. Auch das ist eine Besonderheit: Musikusse können das Fach dort als Hauptfach belegen. Die schuleigene Big Band sowie das Orchester dienen ihnen als Bühne, um ihr Können zu zeigen. Und das sogar weltweit. Legendär sind die Zeiten, als Tilman Jäger – zwar mittlerweile Professor in München, der Stadt aber nach wie vor verbunden – die Big Band leitete und über die Stadtgrenzen hinaus bekannt machte. Umjubelte Konzertreisen in die USA oder nach Südostasien gingen in die Schulgeschichte ein.
Nicht weniger wichtig sind das Orchester und die klassische Musik, die ebenfalls einen festen Stellenwert an der Schule haben. Dieses besondere Profil zog Schüler einst sogar aus dem Kreis Calw ans AEG. Die Schule war über Jahre stabil vierzügig, hatte also regelmäßig vier fünfte Klassen, teilweise zwei davon mit dem Kürzel -m, also Musikklassen. Doch offenbar hat die Strahlkraft mit den Jahren gelitten. Es mag demografische Gründe haben, doch das Argument allein reicht als Erklärung nicht. Schließlich erfreuen sich die anderen drei Böblinger Gymnasien eines stabilen Zustroms. Das AEG muss jährlich bangen. Und nach drei Jahren Vakanz an der Spitze, dürfte die Aufgabe der Profilschärfung mit jedem weiteren Jahr schwieriger werden.
Es zeigt sich darin aber noch ein anderes Phänomen. Der Job des Schulleiters gilt als Herausforderung, eine größere noch als in früheren Jahren. Der konstante Mangel an Lehrkräften und dabei noch hohe Krankenstände machen den Rektorinnen und Rektoren zu schaffen. Das hat schmerzhafte Unterrichtsausfälle zur Folge. Eine Böblinger Elternbeirätin brachte es vor nicht allzu langer Zeit mal auf rechnerisch auf den Punkt: Im Schnitt fällt im Gymnasium auf dem Weg zum Abitur ungefähr ein Jahr (!) Unterricht aus. Und das zu Zeiten von G8.
Der jetzige Schwenk zurück zu G9 macht die Sache erst einmal nicht einfacher – entzerrt dennoch die Lage. Bleibt zu hoffen, dass das älteste Gymnasium der Stadt bald seinen zweiten Frühling feiert. Die siebte Ausschreibung für den Schulleiterposten läuft jedenfalls.