Schule Mit einem Dichter auf Entdeckungsreise

Von Peter Buchholtz 

Der Berufspoet Harry Fischer bringt Schülern das Dichten bei. Jetzt gab er in der Schloss-Realschule für Mädchen eine Deutschstunde für Fünftklässlerinnen.

Harry Fischer weiß, wie man Schüler aus der Reserve lockt. Foto: Peter Buchholtz
Harry Fischer weiß, wie man Schüler aus der Reserve lockt. Foto: Peter Buchholtz

S-West - Wenn Harry Fischer im Schulhaus ist, wird auf den Fluren der Schloss-Realschule für Mädchen getuschelt. Die meisten kennen ihn schon, den Berufspoeten. Seit fünf Jahren besucht er regelmäßig Klassen an der Schule am Berliner Platz und nimmt die Schülerinnen mit auf seine poetische Reise. Kürzlich war er bei der Klasse 5a.

„Guten Morgen Herr Fischer“, schallt es durch den Raum, als dieser die Klasse betritt. Den 21 Schülerinnen ist die Vorfreude ins Gesicht geschrieben, sie alle sind gespannt auf den etwas anderen Deutschunterricht. „Habt ihr gewusst, dass ihr Dichter seid?“, fragt Harry Fischer zu Beginn der Schulstunde. Die Mädchen reagieren erst einmal verhalten – was soll man auch auf so eine Frage aus dem Nichts antworten. Harry Fischer nimmt es gelassen und stellt sich zuerst einmal vor. Aus Gablenberg komme er, und ein miserables Gedächtnis habe er. „Ich habe angefangen, alles aufzuschreiben, um es nicht zu vergessen“, erzählt er. „So bin ich selbst zum Dichter geworden.“

Harry Fischer ist nicht der geborene Künstler, eher ein Quereinsteiger. Der gelehrte Industriekaufmann und Vater dreier Kinder kam eher zufällig zu dem, was er heute hauptberuflich macht. Seinem Nachwuchs las er regelmäßig Gedichte vor und merkte, wie groß deren Freude am Dichten und deren Kreativität sein können. „Das Schöne an der Poesie ist, dass es immer was Neues zu entdecken gibt“, sagt er. So kam ihm die Idee, mit Schülern auf poetische Reise zu gehen.

Zurück im Klassenzimmer begibt sich Harry Fischer mit den Schülerinnen auf eine Reise ins alte Griechenland. Auf die Frage, was denn ein Philosoph sei, antwortet eine Schülerin keck: „Philosophen sind die, die dauernd etwas gesagt haben, was vielleicht gar nicht so wichtig war.“ Da bleibt den Erwachsenen im Raum die Spucke weg. Harry Fischer weiß, wie er die Mädchen aus der Reserve lockt und ihnen den Spaß am Dichten näherbringt. Benutzt er ein Fremdwort, das nur wenige kennen, lässt er die Kinder stets eigene Definitionen vortragen. Nach und nach liest er einige kleine Gedichte vor und philosophiert mit den Schülerinnen über Inhalt und Aussage der Werke. Die 5a ist hellauf begeistert. Pausenlos strecken Schülerinnen die Hand in die Höhe, um dem Rest der Klasse die eigene Meinung zum eben vorgetragenen Gedicht mitzuteilen. Die Gedanken sind frei an diesem Donnerstagmorgen.

Reime sind zwar kein essenzieller Bestandteil eines Gedichts, Harry Fischer lässt die Klasse aber trotzdem die Worte am Ende einer Verszeile erraten. Das ganze verpackt er geschickt als Spiel, für jeden korrekten Reim gibt es einen Punkt. Schließlich dürfen die Mädchen selbst ans Werk und ein Gedicht verfassen, das mit den gesammelten Werken der Klasse später in einem Gedichtband mit winziger Auflage erscheint. Denn eines hat Harry Fischer bei seinen rund 2000 Lesungen vor Schülern jeglichen Alters gelernt: „Kein Gedicht soll untergehen, deswegen kommen alle Gedichte in den Band“, sagt er. Solch ein Büchlein habe einen hohen Wert für die Schüler. „Das Ganze soll auch eine Nachhaltigkeit haben, obwohl ich ja keinen direkten pädagogischen Auftrag habe.“

Seit 13 Jahren tourt Harry Fischer nun mit seiner poetischen Reise durch deutsche Klassenzimmer – vom schleswig-holsteinischen Heiligenhafen bis in den tiefsten Süden der Republik. Im März gastiert er auch wieder in Stuttgart, dann an der Hasenbergschule, einer Schule für Lernbehinderte. „Ich richte mein Programm immer nach den Schülern, zu denen ich gehe“, sagt Harry Fischer. So lässt er die Schüler mit einer Lese- oder Schreibschwäche keine Gedichte schreiben, sondern bringt stattdessen sein Diktiergerät mit, und lässt die Kinder ihre Gedanken aufzeichnen.

Zum Schluss seines Besuchs gibt Harry Fischer den Kindern noch einen Kieselstein mit auf den Weg, der ihre Fantasie beleben und ihnen Glück bringen soll. Oft sind es eben die kleinen Dinge, die für große Inspiration sorgen können.

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