Schule mit Reformbedarf Pisa-Chef: Deutschland sollte das Sitzenbleiben abschaffen

Der Chef der Pisa-Studie, Andreas Schleicher, sieht Reformbedarf im deutschen Bildungssystem. Foto: imago/photothek/Janine Schmitz

Deutschland ist bei der Pisa-Studie abgestürzt. OECD-Bildungsdirektor sieht starken Reformbedarf im Bildungssystem – und schlägt jetzt vor, das Sitzenbleiben abzuschaffen. Das könne aber nur ein erster Schritt sein.

Korrespondenten: Tobias Peter (pet)

OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher, fordert, Deutschland solle das Sitzenbleiben abschaffen. „Sitzenbleiben bringt nichts“, sagte er unserer Redaktion. Kinder, die eine Klasse wiederholten, bekämen eher zusätzliche Schwierigkeiten. Ihre Lernprobleme würden nicht gelöst. „Es bleibt ja alles beim Alten: Die Schüler wiederholen einfach den Stoff, den sie schon kennen, und machen dabei oft die gleichen Fehler noch mal“, sagte er. „Außerdem macht man den Lehrern mit dem Sitzenbleiben das Leben zu einfach, indem die Schwierigkeiten nicht gelöst, sondern auf das nächste Jahr verschoben werden“, kritisierte der Bildungsforscher. Sein eindeutiges Fazit: „Deutschland sollte das Sitzenbleiben abschaffen.“

 

Spitzenreiter mit anderen Systemen

Schleicher, der als OECD-Bildungsdirektor die Pisa-Studie verantwortet, verwies darauf, dass viele andere Länder auf das Sitzenbleiben verzichteten. „Dort überlegen die Kinder und Lehrer stattdessen gemeinsam, bei welchen Fächern es hapert“, erklärte er. Dafür gebe es Extra-Unterricht. Das bedeute zwar, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen nachmittags länger in der Schule bleiben müssten. Aber das sei besser, als sich im nächsten Jahr stundenlang zu langweilen. In Japan, das zu den Pisa-Spitzenreitern gehört, gibt es das Sitzenbleiben zum Beispiel gar nicht. Die deutschen Schüler haben bei der Pisa-Studie, die im Dezember 2023 veröffentlicht wurde, so schlechte Punktzahlen erzielt wie noch nie. Im internationalen Vergleich ist Deutschland Mittelmaß.

Der Bildungsforscher argumentierte, Sitzenbleiben sei sehr teuer. „Die Schüler werden ein Jahr später mit der Schule fertig. Also arbeiten sie erst ein Jahr später und zahlen dann ein Jahr weniger Steuern“, sagte er. Kosten entstehen aber auch schon dadurch, dass Kinder länger im Schulsystem bleiben. Schleicher empfiehlt deshalb, lieber in kostenlose Nachhilfe zu investieren.

Fast jeder fünfte 15-Jährige betroffen

In Deutschland haben im Schuljahr 2022/2023 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2,3 Prozent aller Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen eine Klassenstufe wiederholt. In Bayern gab es mit 4,1 Prozent den höchsten Anteil an Wiederholern. In Baden-Württemberg waren es 1,7 Prozent. In Berlin war der Anteil am niedrigsten: 1,0 Prozent.

Da nicht jedes Jahr dieselben Schüler sitzenbleiben, machen sehr viele die Erfahrung, im Laufe ihrer Schulzeit die Klasse zu wiederholen. Im Alter von 15 Jahren sind es in Deutschland etwa 19 Prozent, wie es in der aktuellen Pisa-Studie unter Berufung auf eigene Angaben der befragten Schülerinnen und Schüler heißt. Das ist fast jeder Fünfte. „Klassenwiederholungen sind in leistungsstarken Systemen tendenziell weniger verbreitet“, heißt es im Länderreport der internationalen Studie zu den deutschen Ergebnissen.

Lehrerverbände und Gewerkschaften haben keine einheitliche Sicht auf das Thema. „Das Sitzenbleiben in Deutschland abzuschaffen, wäre im Hinblick auf den Leistungsgedanken und die Qualität unseres Schulwesens vollkommen falsch“, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Stefan Düll, unserer Redaktion. „So helfen wir Schülerinnen und Schülern, die nicht mehr mitkommen, nicht weiter.“ Wer komplett überfordert sei, müsse womöglich in eine andere Schulform wechseln, so Düll. „Wer aber nur einen Durchhänger hat, für den ist es sehr sinnvoll, die Klasse zu wiederholen“, sagte er.

Ruf nach individueller Förderung

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sieht es dagegen genau wie Pisa-Chef Schleicher. „Es wird höchste Zeit, das Sitzenbleiben endlich abzuschaffen“, sagte Anja Bensinger-Stolze, im GEW-Vorstand für das Thema Schule zuständig, unserer Redaktion. „Ehrenrunden sind pädagogisch sinnlos, sie kosten nur viel Geld und Personal.“

Pisa-Chef Schleicher betonte auch, das Sitzenblieben abzuschaffen, könne nur ein erster Schritt sein. „Denn die entscheidende Herausforderung bleibt ja, Schüler mit Lernschwierigkeiten so zu fördern, dass die Probleme nicht erst unüberwindbar werden“, sagte er. Notwendig seien Unterrichtstrategien, bei denen Schüler besser individuell unterstützt würden, auch mit Hilfe neuer Technologien. Vor allem müssten Lehrkräfte Stärken und Schwächen der einzelnen Schüler genau kennen.

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