In Stuttgart gibt es an zwei der 20 Grundschulen bereits in der ersten Klasse auch im Halbtag Nachmittagsunterricht. Welche Schulen das sind, dazu möchte das Regierungspräsidium (RP) keine Angaben machen. Betrachtet man auch die zweiten, dritten und vierten Klassen, steigt die Zahl der Schulen, in denen Halbtagskinder Nachmittagsunterricht haben. Oftmals ist das der Religions-, Schwimm- oder Sportunterricht, was dann mit den zugewiesenen Bäderzeiten, den Hallenkapazitäten oder den Religionslehrkräften zusammenhängt, die häufig an mehreren Schulen tätig sind.
Es geht auch um das pädagogische Konzept
Doch auch Deutsch und Mathe am Nachmittag sind möglich. Denn es gehe um das pädagogische Konzept. Nachmittagsunterricht könne für die Kinder den Vormittag entzerren und zu einer besseren Rhythmisierung beitragen. Zudem könnten so sechste Stunden vermieden werden, schreibt das RP in einer Stellungnahme. Das Kultusministerium ergänzt: „Einige Grundschulen legen bewusst Unterricht in den Nachmittag, um die Aufnahmefähigkeit der Schülerinnen und Schüler nicht überzustrapazieren. Wählen Eltern für ihr Kind explizit den Halbtageszug, bedeutet dies nicht automatisch, dass es keinen Nachmittagsunterricht gibt.“ Dennoch: An 13 der 20 Stuttgarter Schulen haben Halbtagskinder keinen Nachmittagsunterricht – und zwar aus Überzeugung, wie mehrere Schulleitungen im Gespräch mit unserer Zeitung betonen.
Grundsätzlich gilt an staatlichen Schulen in Baden-Württemberg, dass Grundschüler von der ersten bis zur vierten Klasse insgesamt 102 Wochenstunden haben. Wie diese über die vier Schuljahre aufgeteilt werden, entscheidet jede Schule selbst, erklärt die Pressestelle des Kultusministeriums Baden-Württemberg.
Freie Schulen, wie zum Beispiel Waldorfschulen, sind nicht daran gebunden. Hier gelte die Maßgabe, dass die Kinder am Ende der vierten Klasse dieselben Kern- und Lernziele erreicht haben müssen wie an öffentlichen Schulen. Diese Gleichwertigkeit werde im Genehmigungsverfahren genau überprüft, betont das Kultusministerium. Es gebe aber für freie Schulen keine festgelegten zeitlichen Vorgaben.
An Waldorfschulen haben Erstklässler in den ersten Wochen nur wenig Unterricht – zumindest im Vergleich zu staatlichen Schulen. An der Waldorfschule Gutenhalde in Filderstadt-Bonlanden sind es zunächst täglich nur 90 Minuten. Allerdings seien diese sehr intensiv, sagt der Geschäftsführer Alexander Fuchs. Danach folge noch eine pädagogische Phase, um die Klassengemeinschaft zu stärken. Um 11.35 Uhr ist die Schule aus.
An der Michael-Bauer-Schule in Stuttgart-Vaihingen werden die Schüler in den ersten Wochen bis 11 Uhr unterrichtet. Im Laufe des Schuljahrs wird der Unterricht an beiden Waldorfschulen mehr. Nachmittagsunterricht gibt es für die Grundschüler jedoch grundsätzlich nicht. – Und zwar „sehr bewusst nicht“, wie Alexander Fuchs betont, das sei Teil der Waldorfpädagogik.
Lernen Erstklässler an Waldorfschulen weniger?
Wenn die Erstklässler an Waldorfschulen weniger Unterricht haben, wissen sie dann am Ende ihres ersten Jahres weniger? Wenn man diese Frage allein auf Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen beziehe, mag das so sein, antwortet Ellen Gaiser, die an der Michael-Bauer-Schule für die Pressearbeit zuständig ist. „Wir legen mit unserer Pädagogik mehr Wert auf andere Dinge und lassen es zu, dass ein Kind vielleicht auch erst in der zweiten oder dritten Klasse richtig schreiben und rechnen kann.“ Im Vergleich zur staatlichen Schule sei es „insgesamt ein langsameres Heranführen mit mehr Schwerpunkten in der motorischen, künstlerischen und musischen Entwicklung“. Sibylle Seidel, die Klassenlehrerin der Erstklässler auf der Gutenhalde, ergänzt: „Man kann auch sagen, dass unsere Schüler am Ende der ersten Klasse mehr gelernt haben.“
Eine flexible Betreuung bis zum späteren Nachmittag ist mittlerweile auch an den Waldorfschulen etabliert. „Das ist für uns ein zentraler Baustein“, sagt Alexander Fuchs, und dafür seien die Eltern dankbar. Denn die Zeiten, in denen die Mütter jeden Tag spätestens zum Mittagessen zu Hause waren, um sich um den Nachwuchs zu kümmern, seien auch an den Waldorfschulen längst vorbei.
Ein Rat für Eltern
Alexandra Beyer, Rektorin der Riedseeschule in Möhringen, rät Eltern, ihr Kind genau anzuschauen, auch im Hinblick auf die Ganztagsschule: „Es gibt keinen Königsweg. Kinder sind unterschiedlich. Die einen können einen Vormittag durchpowern. Für andere ist es besser, wenn sie zwischendurch mehr Luft und lieber am Nachmittag noch mal Unterricht haben.“