Klassenzimmer ohne Fenster sind besonders kritisch
Speziell in einigen sogenannten Dunkelräumen, also in Zimmern ohne Fenster, würde bei Hitze und Feuchtigkeit der Formaldehyd-Richtwert überschritten. „Das hätten wir nicht erwartet“, sagte Mathias Weißer, der Leiter des städtischen Fachbereichs Hochbau und Gebäudewirtschaft. Man sei eigentlich davon ausgegangen, dass die 2014 und 2015 gemessenen Werte nicht noch weiter ansteigen würden. Doch in diesem Frühsommer – an heißen, feuchten Tagen – hatten Schüler, Lehrer und Eltern Alarm geschlagen. Sie befürchteten, dass die Werte weiter gestiegen sein könnten. Laut Aussage des Leiters des Otto-Hahn-Gymnasiums (OGH), Mathias Hilbert, haben einige Lehrer und Schüler über allergische Reaktionen geklagt, etwa über Husten oder tränende Augen.
Lesen Sie aus unserem Angebot: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.unfaelle-explosion-in-chemiebetrieb-in-leverkusen.b56be832-06fc-4419-aeb6-0a51d2129946.html
Jetzt haben Weißer, die Erste Bürgermeisterin Renate Schmetz, die Leiterin des Ludwigsburger Gesundheitsamts, Karlin Stark, und der externe Gutachter Andreas Hummel aus Reutlingen erklärt, was fortan bis zum geplanten Abbruch und Neubau des kompletten Bildungszentrums getan werden muss.
Lüften, lüften, lüften
Erstens: weiter regelmäßig alle Zimmer mit Fenstern gut lüften. Zweiten: sogenanntes Querlüften der Zimmer ohne Fenster ermöglichen, dafür sollten die Türen der Räume geöffnet und vergitterte Öffnungen zum Innenhof geschafft werden. Drittens: im Sommer die Temperaturen senken – weitere Beschattungsanlagen an den Gebäude anbringen und die bestehenden Lüftungsanlagen zumindest im Sommer rund um die Uhr laufen lassen. Viertens: weitere mobile Lüftungsgeräte kaufen. Fünftens: noch mehr putzen, denn PCB binde sich an Staub und könne quasi weggewaschen werden. Und sechstens: mehr kontrollieren – die Hausmeister des OHG, der Gottlieb-Daimler-Realschule und der Osterholzschule sowie die Rektoren und die Lehrer müssten darauf achten, dass die Lüftungsanlagen auch tatsächlich in Betrieb sind und nicht abgeschaltet werden, etwa weil sie zu laut sind. Notfalls, hieß es weiter, sollten besonders stark betroffene Räume an heißen Sommernachmittagen nicht genutzt werden. Denn nur bei extremer Hitze konzentriere sich der Schadstoff.
Experten beruhigen: schwere Krankheiten drohen nicht
Der Gutachter erklärte, die aktuellen Messungen zeigten, dass all die neuen Maßnahmen wichtig seien und unbedingt durchgehalten werden müssten – gerade im Sommer. Die Leiterin des Gesundheitsamts und zwei ihrer Mitarbeiter sagten auf Nachfrage mehrfach, dass die gemessenen Schadstoffwerte sehr, sehr weit davon entfernt seien, ernste Krankheiten – etwa Krebs – hervorzurufen. Rektor Hilbert: er sei dankbar, dass die Befürchtungen der Schulleiter, Eltern und Lehrer erst genommen würden. Seine im Juni aufgestellte Forderung, mit dem Neubau des Bildungszentrum nicht bis 2025 zu warten, wiederholte er nicht explizit. Er sagte allerdings augenzwinkernd auf die Frage, ob die zusätzlichen Maßnahmen wohl ausreichen oder ob der Neubau doch lieber ganz schnell in Angriff genommen werden sollte: „Das eine schließt das andere nicht aus.“
Warum wurde nicht häufiger kontrolliert?
Die Vorsitzende des OHG-Elternbeirats, die Ludwigsburger FDP-Stadträtin Steffi Knecht, erklärte am Rande der schulinternen Veranstaltung im Anschluss ans Pressegespräch: „Nach einer Kontrollmessung 2016 wurde bis Mitte 2021 nicht kontrolliert, warum?“ Und ob die weiteren Maßnahmen ausreichen, das werde sich erst bei der nächsten Kontrolle 2022 zeigen. Fraglich sei, ob die Lüftungs- und Reinigungsvorgaben überhaupt eingehalten würden. „Wir Eltern fordern einen Baubeginn sobald als möglich.“
Bildungszentrum West soll für 130 Millionen Euro umgebaut werden
Kosten
Der Neubau des Bildungszentrums West soll voraussichtlich 2025 in Angriff genommen und 2030 abgeschlossen werden. Die kompletten Außenanlagen sollen im Jahr 2032 fertiggestellt werden. Die Stadt rechnet mit Kosten in Höhe von 130 Millionen Euro. Vertreter der Stadtverwaltung erklärten bei einem Pressegespräch, zurzeit werde ausgelotet, ob sich diese Summe noch drücken lasse.
Abschnitte
Der Schulkomplex soll abschnittsweise gebaut werden. Zunächst soll die Bibliothek abgebrochen werden, dann ist geplant, zwei neue Gebäude zu errichten und die Schüler umzuquartieren. Die Gymnasiasten würden die Neubauten beziehen, die Realschüler zunächst das alte Gymnasiums-Gebäude. Dann wird das Realschulgebäude abgebrochen und neu entstehen. Final beschlossen ist dieses Vorgehen politisch aber noch nicht.