Schulen in Stuttgart Falsche Schulwahl belastet Kinder und Pädagogen

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Mit einem detaillierten Planungskonzept reagiert die Stadt Stuttgart auf die zunehmend überfüllten Gymnasien und Realschulen und die ausblutenden Werkrealschulen. Der Schulbeirat begrüßt die Pläne, die veränderten Schülerströme neu zu kanalisieren.

Lernen soll Spaß machen. Welche Schule am besten passt, will gut   überlegt sein Foto: dpa
Lernen soll Spaß machen. Welche Schule am besten passt, will gut überlegt sein Foto: dpa

Stuttgart - Mit einem detaillierten Planungskonzept reagiert die Stadt auf die zunehmend überfüllten Gymnasien und Realschulen und die ausblutenden Werkrealschulen. Schulbürgermeisterin Susanne Eisenmann hat den Plan zur Entwicklung der weiterführenden Schulen jetzt im Schulbeirat vorgestellt. „Wir schlagen Ihnen vor, zwei weitere Werkrealschulen zu schließen“, sagte Eisenmann. „Und wir halten daran fest, zwei weitere Gymnasialstandorte zu prüfen: einen in der Innenstadt, einen in den Neckarvororten.“ Die Schulleiter begrüßten die Detailliertheit der Pläne, die das städtische Schulverwaltungsamt gemeinsam mit den Bezirken und dem Staatlichen Schulamt entwickelt hatte. Aber sie benannten auch das Problem, das die Umstrukturierungen überhaupt notwendig gemacht hat: nämlich eine falsche Schulwahl.

„Wir haben erlebt, dass manche Eltern gar nicht mehr zur Beratung kommen, weil eh feststeht, dass die Kinder aufs Gymnasium gehen – egal, welche Empfehlung sie haben“, berichtete Fred Binder, der geschäftsführende Schulleiter der Realschulen. „Das wird auf dem Rücken der Kinder ausgetragen“, bedauert Binder. „Aber Schullaufbahn ist keine Sache zum Probieren.“ Problematisch sei, so der Schulleiter, „die Aussicht, dass das drei bis vier Jahre dauert, bis die Eltern sich zu eigen machen, dass das so nicht geht“. Denn an klassischen Schularten wie dem Gymnasium gilt – anders als bei der Gemeinschaftsschule – immer noch die Versetzungsordnung.

Eisenmann: Man muss die Eltern in die Pflicht nehmen

Eisenmann sagte: „Man muss die Eltern in die Pflicht nehmen.“ Auch Barbara Graf, die geschäftsführende Schulleiterin der Gymnasien, räumte ein, sie habe diese Dynamik unterschätzt: „Wir waren zunächst davon ausgegangen, dass sich das nach dem Ende der verbindlichen Grundschulempfehlung nach zwei bis drei Jahren einpendelt.“ Doch dies scheine nicht so zu sein. Die Folge: der Druck auf einzelne Gymnasien sei sehr groß. So groß, dass die Stadt beispielsweise für das Wirtemberggymnasium in Untertürkheim eine Außenstelle an der Steinenbergschule in Hedelfingen vorschlägt. Eisenmann erklärte: „Wir weisen seit zehn Jahren mehr als 40 Schüler jährlich aus dem Wirtemberggymnasium ab.“ Der Platz reiche dort einfach nicht aus. Die Bewerber müssten dann nach Sillenbuch oder nach Bad Cannstatt ausweichen.

Dazu meinte Graf: „Außenstellen sind für die Schulleiterkollegen eine heftige Kröte, die sie zu schlucken haben.“ Und da stelle sich auch die Frage, ob solche Außenstellen entsprechend ausgestattet seien. Antwort Eisenmann: „Wenn Außenstelle, dann wird sie hervorragend ausgestattet.“

Auch der zunehmende Druck auf die G9-Gymnasien bereitet den Pädagogen Sorge. Unklar ist, ob es möglich sein wird, künftig reine G9-Gymnasien anzubieten. Hierzu wäre das Zeppelingymnasium bereit. Doch die Antwort von Kultusminister Andreas Stoch steht noch aus. „Wenn es bei der bisherigen Landesvorgabe bleibt, werden viele an G9 interessierte Schüler abgewiesen werden müssen“, sagte Eisenmann – „der Elternwille ist massiv“. Wegen des Ansturms durfte das Zeppelingymnasium zuletzt vier fünfte Klassen bilden, ausnahmsweise, davon drei G9-Klassen. „Im nächsten Jahr werden definitiv nur drei Eingangsklassen möglich sein“, so Schulleiter Holger zur Hausen. Falls sich genügend G9-Bewerber meldeten, würde man lieber G8-Schüler abweisen. Inhaltlich und vom Tempo her gebe es in den Klassenstufen fünf und sechs ohnehin keinen Unterschied zwischen G8 und G9, die Spreizung erfolge erst in der Mittelstufe.

Nicht für den richtigen Weg halten die Freiberger Schulen den Vorschlag der Stadt, die Herbert-Hoover-Schule als Werkrealschule sofort auslaufen zu lassen. In einer Absichtserklärung bekennen sich die Bertha-von-Suttner-Realschule (federführend) und die Herbert-Hoover-Schule dazu, sich zu einer Gemeinschaftsschule entwickeln zu wollen, um somit „dem ganzen Begabungsspektrum“ ein schulisches Angebot zu machen. Auch das benachbarte Eschbach-Gymnasium und die beiden Sonderschulen unterstützen die Campusidee und wollen sich einbringen. Rückendeckung gibt es auch vom Bezirksbeirat Mühlhausen und der Leiterin des Staatlichen Schulamts, Ulrike Brittinger. Diese befürwortet eine Gemeinschaftsschule an diesem Standort auch, um den sozialen Frieden im Stadtteil zu sichern. Der Entschluss der Freiberger kam spät. „Aber manchmal ist so ein Schuss vor den Bug gar nicht schlecht“, meinte Miriam Brune, die Rektorin der Hooverschule. – Am 12. März berät der Verwaltungsausschuss den Plan, am 13. März entscheidet der Gemeinderat.

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