Jonathan Weese unterrichtet an der Freien Evangelischen Schule in Stuttgart, Nikolaos Broussis an den Lessing-Schulen. Foto: privat
Bessere Chancen, mehr Flexibilität, aber zum Teil schlechtere Bezahlung: Für Lehrkräfte hat die Arbeit an einer Schule in freier Trägerschaft Vor- und Nachteile.
Nikolaos Broussis erinnert sich nur ungern an sein Referendariat an einer öffentlichen Schule. „Ich wollte immer Lehrer werden“, sagt der 39-Jährige zwar. Doch nach dem ersten Staatsexamen kam er vom eingeschlagenen Kurs ab. „Mir ging es damals gesundheitlich nicht gut – wegen des Referendariats.“
So musste er seine Ausbildung in den letzten Zügen krankheitsbedingt abbrechen. Stattdessen schlug sich Broussis als Selbstständiger durch, verdiente sein Geld als Sänger auf Hochzeiten und in Teilzeit an Musikschulen. Bis ihm ein Freund erzählte, die privat getragene Lessing-Schulen in Stuttgart-Münster seien auf der Suche nach einem Musiklehrer. Eigentlich habe er zu diesem Zeitpunkt mit dem klassischen Lehrerjob bereits abgeschlossen gehabt, erzählt Broussis. Nach längerem Nachdenken meldete er sich trotzdem. Heute sagt er: „Das war auf jeden Fall die richtige Entscheidung.“
Stuttgarter Lehrer schätzt Atmosphäre an Privatschule
Seit acht Jahren unterrichtet Broussis nun an den Lessing-Schulen. Zunächst lediglich einmal pro Woche, inzwischen längst in Vollzeit, als Mathe-, Wirtschafts und Musiklehrer an der Realschule. Seine Entscheidung ist in Baden-Württemberg keine außergewöhnliche. Von den gut 115 000 Lehrkräften des Landes arbeiteten 2023/24 fast 16 000 an allgemeinbildenden Schulen in privater Trägerschaft.
Broussis schätzt an den Lessing-Schulen „die positive Atmosphäre, das familiäre Verhältnis unter den Lehrkräften, aber auch zu Schülern und Eltern“. Außerdem helfe es ihm, als Klassenlehrer stets einen Co-Klassenlehrer an der Seite zu haben. Kurzum: „Die Arbeitsbedingungen sind bei uns sehr angenehm.“
Matthias Schneider zufolge spielen aber häufig andere Gründe die Hauptrolle, wenn sich Lehrkräfte für eine Privatschule entscheiden. Der Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sagt: „Im allgemeinbildenden Bereich ist es oft so, dass an privaten Schulen auch Lehrkräfte eine Stelle finden, die an staatlichen Schulen schlechtere Chancen haben.“
Wer sich für den Schuldienst im staatlichen Beamtenverhältnis bewirbt, muss außerdem damit rechnen, in einer anderen Stadt eingesetzt zu werden. Sich dort wieder wegzubewerben, sei meist ein zäher Prozess, sagt Schneider. „Zum Teil gehen Leute an eine private Schule, weil sie da mehr Flexibilität haben.“
Keine Lust auf einen Listenplatz
So ähnlich lief es einst auch bei Jonathan Weese. „Ich wollte eigentlich nie auf eine Privatschule“, erzählt der 32-Jährige. Schließlich habe er gedacht, dass es dort „ein bisschen elitär“ zugehe. An den vielen staatlichen Schulen, an denen er sich noch während seines Referendariats beworben hatte, wurde ihm aber keine Stelle angeboten. Im nächsten Schritt wäre Weese ins sogenannte Listenverfahren gerutscht. Auf den Einsatzort hätte er dann kaum noch Einfluss gehabt. Das habe er als damals frisch Verheirateter und Gruppenleiter bei den Pfadfindern in Metzingen nicht gewollt.
Jonathan Weeses Arbeitsplatz: die Freie Evangelische Schule. Foto: privat
Entgegen seiner Vorbehalte sprach er deshalb 2020 bei der Freien Evangelischen Schule (FES) in Stuttgart-Möhringen vor. Direkt beim ersten Besuch hätten ihn „das moderne Gebäude“ und „der offene Umgang untereinander“ beeindruckt, erzählt Weese. Also sagte er zu. Heute unterrichtet er am Gymnasium der FES Mathe sowie Gemeinschaftskunde und schwärmt: „Ich bin auch nach fast sechs Jahren noch begeistert.“ Längst sei ihm klar geworden: „Wir sind keine elitäre Konkurrenz zu staatlichen Schulen, sondern eine Ergänzung mit besonderem Profil. Hier wird jeder als geliebtes Geschöpf Gottes behandelt.“
Am Gymnasium der FES besuchen in der Regel nicht mehr als 25 Schülerinnen und Schüler eine Klasse. Und für Jugendliche, die zwischendurch im Unterricht mental überfordert sind, gibt es eine Außenstelle in Winterbach. Dort erhalten sie eine Auszeit und backen unter Anleitung Brot oder pressen Apfelsaft. „Das alles entzerrt und macht es auch für uns Lehrer angenehmer“, sagt Weese.
Lehrergewerkschaft blickt kritisch auf Privatschulen
Auf die vertraglichen Privilegien von Lehrkräften an staatlichen Schulen muss Weese dafür nicht verzichten. Schließlich können auch Lehrkräfte an Privatschulen einen Antrag auf Verbeamtung stellen. Der ging bei Weese durch. Außerdem bezahlt ihn die FES nach seinen Angaben in Anlehnung an den Tarifvertrag.
Das ist laut Matthias Schneider aber nicht unbedingt der Normalfall. „In der Regel verdient man an den privaten Schulen weniger als an den öffentlichen“, sagt der GEW-Landesgeschäftsführer. Seine Gewerkschaft habe auch in einem anderen Punkt Bedenken: „Wir sehen es kritisch, dass Privatschulen oft eine Auswahl treffen oder dass das Schulgeld bestimmte Eltern ausschließt.“ So seien an nicht-staatlichen Einrichtungen seltener „Kinder mit Migrationshintergrund oder aus Familien mit schmalem Geldbeutel“ zu finden.
Entscheidet sich die ein oder andere Lehrkraft vielleicht sogar gerade deshalb für eine Privatschule? „Das mag für manche ein Mitgrund sein“, sagt Schneider, fügt aber schnell hinzu: „Ich vermute nicht, dass das der Hauptfaktor ist.“