Schulen in Stuttgart Stadt will „aktive Aufhebung der Werkrealschulen nicht weiter forcieren“

Werkrealschulen punkten unter anderem mit kleineren Klassen, dem Ganztagskonzept und einer engen Schüler-Lehrer-Beziehung. Foto: IMAGO/Funke Foto Services

Eigentlich sollte es in Stuttgart keine neuen fünften Klassen an den Werkrealschulen mehr geben. Jetzt ist eine Schulanmeldung aber doch möglich. Was Eltern dazu wissen sollten.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Für die Werkrealschulen in Stuttgart wird es die Woche der Entscheidung. Von Montag bis Donnerstag, 9. bis 12. März, müssen Eltern ihr Kind an einer weiterführenden Schule anmelden. In den vergangenen Jahren hatten sich immer weniger Familien für die Werkrealschule entschieden.

 

Zum Schuljahr 2025/2026 konnten drei von sieben Werkrealschulen in Stuttgart keine neue fünfte Klasse bilden. 16 Anmeldungen wären dafür erforderlich gewesen. Insgesamt besuchten im Schuljahr 2024/2025 gerade einmal 1578 Mädchen und Jungen diese Schulart. Im Schuljahr 2010/2011 waren es noch mehr als 5000.

Dieser Trend könnte sich verstärken. Denn die Landesregierung möchte den Werkrealschulabschluss zum Jahr 2030 auslaufen lassen. Werkrealschulen sollen dann nur noch den Hauptschulabschluss anbieten. Zudem wurde für die Neuntklässler die Notenhürde für den Übergang in die Stufe 10 an der Werkrealschule verschärft.

Vor diesem Hintergrund ist es für die Stadt Stuttgart fraglich, ob die Werkrealschulen als eigenständige Schulform weiter überlebensfähig sind. Daher wollte Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer die Werkrealschulen auslaufen lassen. Gleichzeitig sollten die Real- und Gemeinschaftsschulen, die ebenfalls den Hauptschulabschluss anbieten, gestärkt werden.

Diese Argumente sprechen für die Werkrealschule

Die Entscheidung hätte eigentlich im vergangenen Dezember fallen sollen, wurde aber verschoben wegen der schwierigen Etatberatungen und weil noch zu viele Fragen offen waren. Zudem stemmten sich die Schulgemeinschaften gegen den Vorschlag der Stadt. Eltern-, Lehr- und Fachkräfte betonten in der Öffentlichkeit immer wieder, warum die Werkrealschule auch in Zukunft ihre Berechtigung habe.

  • Die Werkrealschule punktet mit kleinen Klassen und dem Klassenlehrerprinzip.
  • Lehr- und Fachkräfte im Ganztag und der Schulsozialarbeit begleiten die Kinder intensiv. So ist eine individuelle Förderung möglich.
  • Zudem haben die Werkrealschulen ein stark berufsbezogenes und praxisorientiertes Profil. Sie bereiten auf eine Ausbildung vor.

Darüber hinaus betonen Lehrkräfte und auch die Landesregierung immer wieder, dass der Hauptschulabschluss keine Sackgasse ist. Es gibt zahlreiche Anschlussmöglichkeiten. Wer nach der Schule nicht direkt eine Ausbildung beginnen möchte, kann zum Beispiel über die beruflichen Schulen einen höheren Bildungsabschluss erwerben. Auch eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung kann gleichwertig mit dem Realschulabschluss sein.

Darum geht es für die Werkrealschulen nun um alles

Wie viele Stuttgarter Familien diese Argumente überzeugen, werden die Anmeldetage in der kommenden Woche zeigen. Für die Werkrealschulen geht es dabei um alles. Denn kann eine Schule zwei Jahre hintereinander keine fünfte Klasse bilden, wird sie vom Land geschlossen. Die Entscheidung liegt dann also nicht mehr bei der Stadt.

Allerdings können Eltern, die ihren Nachwuchs zum kommenden Schuljahr an einer Werkrealschule anmelden, davon ausgehen, dass dieser dann auch noch seinen Abschluss dort machen kann. Thomas Schenk, Leiter des Staatlichen Schulamts Stuttgart, erklärt dazu in einer schriftlichen Stellungnahme: „Kommt die erforderliche Zahl von 16 Schülerinnen und Schülern zustande, gehen wir davon aus, dass aller Voraussicht nach dieses Kind an dieser Schule auch den Hauptschulabschluss machen kann.“

Thomas Schenk ergänzt aber auch, dass es „keine Garantie“ gebe: „Wenn die Klassenstufen im Laufe der Schulzeit dauerhaft unter 16 Schülerinnen und Schüler absinken würden, müssten wir prüfen, ob die Klassen erhalten werden können – und gegebenenfalls den verbliebenen Schülerinnen und Schülern einen Platz an einer anderen Werkrealschule anbieten.“

Auf welcher Schule soll es nach der vierten Klasse weitergehen? Foto: stock.adobe.com

Die Stadt Stuttgart möchte „eine aktive Aufhebung der Werkrealschulen nicht weiter forcieren“. So steht es in einer Antwort der Pressestelle auf eine Anfrage unserer Zeitung. Die Pressesprecherin Laura Orlik ergänzt, man stehe weiterhin zu dem Vorschlag, den Sekundarbereich I mit Fokus auf die Weiterentwicklung der Realschulen und Gemeinschaftsschulen zu stärken. Die weiteren Planungen würden standortbezogen erfolgen und sich an der Entwicklung der Nachfrage und des bestehenden Angebots sowie an pädagogischen und qualitativen Kriterien orientieren.

Laura Orlik betont: „Die Anmeldezahlen im März 2026 stellen einen wichtigen Orientierungsrahmen für die weiteren Schritte dar.“ Das Schulverwaltungsamt und das Staatliche Schulamt seien in einem kontinuierlichen und engen Austausch. Einen konkreten Zeitplan gebe es nicht.

Was genau sahen die Pläne der Stadt Stuttgart vor?

Weiterentwicklung
Neben einem Auslaufen der Werkrealschulen sahen die im Dezember verworfenen Pläne der Stadt zur Weiterentwicklung des öffentlichen Schulangebots der Sekundarstufe I vor, eine neue Gemeinschaftsschule am Standort Ostheim zu gründen sowie die Rosensteinschule in S-Nord und die Bismarckschule in Feuerbach in eine Realschule umzuwandeln.

Laufbahnwechsel
Lehrkräfte, die bisher an der Werkrealschule unterrichtet und keine Lehrbefähigung für die Realschule haben, können sich über den sogenannten Horizontalen Laufbahnwechsel für den Unterricht an einer Realschule weiterbilden. Das Staatliche Schulamt Stuttgart möchte das allen Lehrkräften ermöglichen und hat dazu die entsprechenden Vorabsprachen mit dem Regierungspräsidium und dem Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung getroffen.

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