Stuttgart - Um den Einsatz mobiler Luftreinigungsgeräte ist ein Glaubenskrieg im Südwesten entbrannt. Während Lehrerverbände sie einfordern, halten sie das Kultusministerium aber auch manche Schulstiftungen und Kommunalverbände für nicht zweckmäßig. Dabei preschen viele Schulen vor und besorgen sich selbst die Geräte. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat kürzlich gegenüber unserer Zeitung betont, dass für sie die Richtschnur eine Empfehlung des Umweltbundesamtes sei, das den generellen Einsatz von mobilen Luftreinigungsgeräten „kritisch“ sieht und sie nur in Ausnahmefällen für sinnvoll hält.
Hochschulprofessoren sprechen von sinnvoller, technischer Lösung
Das Amt hatte Bezug genommen auf Geräte, die mit den verschiedensten Techniken wie Hochleistungsschwebstofffiltern, elektrostatischen Filtern, UV-Bestrahlung oder Ozon arbeiten. Eine verlässliche Reduzierung von Covid-Viren durch mobile Luftreinigungsgeräte in Unterrichtsräumen sei nicht eindeutig bewiesen, schreibt das Umweltbundesamt. Ralf Scholl vom Philologenverband Baden-Württemberg sieht das anders und beruft sich auf ein dreiseitiges Schreiben der Fakultät für Luft- und Raumfahrttechnik der Bundeswehrhochschule München, in dem der Analyse des Umweltamtes fachliche Fehler unterstellt werden.
Schon im August hat die Hochschule festgestellt, dass mobile Luftreiniger die Aerosole und die Virenlast besser vermindern könnten als das vom Umweltbundesamt empfohlene Stoßlüften. Laut wissenschaftlichen Untersuchungen stehe fest, „dass Raumluftreiniger mit großem Volumenstrom und hochwertigen Filtern der Klasse H14 eine sehr sinnvolle technische Lösung sind, um in Schulen, Büros, Geschäften, Wartezimmern, Gemeinde- und Vereinshäusern, Aufenthalts- und Essensräumen die indirekte Infektionsgefahr durch Aerosole stark zu verringern“, so die Bundeswehrhochschule. Der Linie folgt der Philologenverband und fordert Raumluftreiniger für Klassenzimmer und Sporthallen.
Eine Schule komplett ausstatten? Das koste 75:000 Euro, sagt eine Rektorin
Wegen des Expertenstreits fühlen sich Schulen und Schulträger allein gelassen. Oder sie handeln auf eigene Faust. So hat das Paracelsus-Gymnasium in Stuttgart beispielsweise vor Wochen UV-Luftreinigungsgeräte für einen Klassenraum gekauft: „Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht, sie sind leise, geben uns Sicherheit, sind eine zusätzliche Vorsichtsmaßnahme“, so Rektorin Sabine Witzke. Sie werde weitere Geräte für Lehrerzimmer und das Sekretariat bestellen, wo das Ansteckungsrisiko besonders hoch sei. Aber wollte sie alle Klassen mit Luftreinigern ausstatten müsste sie 75 000 Euro investieren, so Witzke – eine Unsumme.
Eine Lösung für schlecht zu lüftende Unterrichtsräume
Auch kirchliche Schulen reagieren. Zwar teilt die Evangelische Schulstiftung auf Anfrage mit, dass sie „nach gründlicher Prüfung aller Alternativen“ entschieden habe, „dass die Beschaffung von mobilen Geräten keinen nennenswerten Mehrwert“ biete und Stoßlüften effektiver sei. Das ficht evangelische Schulen in Stuttgart wie das Heidehofgymnasium aber nicht an, sich Geräte auszuleihen und Kaufabsichten zu haben. Ein Drittel der 30 Klassenräume sei schlecht zu belüften, dort wolle man mobile Luftreiniger einsetzen, so Vizerektor Johannes Wahl: „Wir testen Geräte von namhaften Herstellern, die Preisunterschiede sind groß, reichen von einigen Hundert bis einigen Tausend Euro pro Gerät.“
Die Städte und Gemeinden – die als Schulträger für Sachkosten an Schulen aufkommen – erhielten derzeit eine Vielzahl von Angeboten für Luftreiniger, so Norbert Brugger vom baden-württembergischen Städtetag. Aber deren „Wirkungskraft in der schulischen Praxis“ sei für Schulträger und Schulen oft schwer einzuschätzen. Einige Städte probieren Geräte selbst aus, so die Landeshauptstadt Stuttgart, die sie in neun Schulen testen will.
In einem neuen Corona-Förderprogramm hat das Land zusätzlich 40 Millionen Euro für Investitionen an den Schulen bereitgestellt: für Digitalisierung, schützende Plexiglasscheiben aber auch für Luftreiniger – die Schulträger sollen selbst entscheiden. Der Freistaat Bayern geht einen anderen Weg: er hat ein eigenes Förderprogramm – 50 Millionen Euro stark – für die Anschaffung oder das Leasing von Luftreinigern aufgelegt. Online können die Schulen einen Antrag stellen.