InterviewSchuler-Chef Stefan Klebert „Die Bevölkerung will neue Antriebe“

Viele reden vom Diesel, Schuler-Chef Stefan Klebert auch. Das derzeitige Diesel-Bashing sei inhaltlich nicht gerechtfertigt, doch darum gehe es nicht. „In großen Teilen der Bevölkerung gibt es eine Verunsicherung und eine Sehnsucht nach anderen Antriebssystemen“, sagt er.

Schuler-Chef Klebert    hofft auf gute Geschäfte  in China. Das Foto entstand im denkmalgeschützten  Eingangsbereich der Hauptverwaltung in Göppingen.     Fotos:Horst Rudel Foto:  
Schuler-Chef Klebert hofft auf gute Geschäfte in China. Das Foto entstand im denkmalgeschützten Eingangsbereich der Hauptverwaltung in Göppingen. Fotos:Horst Rudel Foto:  

Göppingen - Der Pressenhersteller Schuler hängt an der Autoindustrie, aber nicht am Verbrennungsmotor. Auch E-Autos müssen gepresst werden; erste Aufträge kann Schuler verbuchen, sagt Vorstandschef Stefan Klebert. Sorgen bereitet ihm das deutsche Bildungssystem.

Herr Klebert, 70 Prozent Ihrer Pressen gehen in die Autoindustrie. Sind Sie besorgt über die Entwicklung in der Branche?
Ja. Die jüngste Diskussion hinterlässt nachhaltig Spuren in der deutschen Autoindustrie. Ich hoffe, dass die Krise kurz sein wird und die notwendigen Veränderungen schnell eingeleitet werden. Schuler hängt zwar an der Autoindustrie, allerdings nicht am Verbrennungsmotor. Unsere Anlagen pressen zum Beispiel auch Spezialbleche für Elektroautos.
Rechnen Sie mit Einbußen durch die Krise der Autoindustrie?
Wir merken schon, dass Investitionen auf dem Prüfstand stehen und dass Projekte auch teilweise geschoben werden. Längerfristige Einbußen im Geschäft mit der Automobilindustrie erwarten wir nicht.
Und die Autoindustrie?
Der Wandel hin zur Elektromobilität wird schneller kommen als uns in der Region lieb sein kann. Ich glaube, dass in fünf Jahren ein hoher Anteil der neuen Fahrzeuge elektrisch unterwegs sein wird. Es wird schwer sein, die vielen Beschäftigten, die am Verbrennungsmotor hängen, in der kurzen Zeit unterzubringen.
Wird das magere Ergebnis des Berliner Dieselgipfels den Wandel beschleunigen?
Bei der aktuellen Debatte um den Diesel geht es nicht immer sachlich zu. Das Diesel-Bashing ist inhaltlich nicht gerechtfertigt. Moderne Diesel sind deutlich sauberer als die vor zehn Jahren. Doch das spielt derzeit kaum eine Rolle. Ich glaube, in großen Teilen der Bevölkerung gibt es eine Verunsicherung und eine Sehnsucht nach anderen Antriebssystemen. Dass ein Tesla innerhalb von 24 Stunden 124 000 Vorbestellungen bekam, sollten die hiesigen Autohersteller als Weckruf auffassen.
Ist Schuler auf den Wandel vorbereitet?
Für uns ist der Wandel eher eine zusätzliche Chance. Wir haben erste Aufträge etwa für die Batteriefertigung erhalten. Und wir haben die Pressen für die Carbonkarosserie vom BMW i3 und i8 geliefert, auch die Pressenstraße und die Werkzeuge für das Model 3 von Tesla. Aber die Elektromobilität wird unser Geschäft nicht grundlegend ändern. Erst wenn wir alle autonom fahren, könnte der Einfluss größer sein. Denn dann muss eine Karosserie möglicherweise nicht mehr so crashstabil sein wie heute. Aber das ist erst der Fall, wenn ausschließlich autonome Autos unterwegs sind – und das dauert noch mindestens 20 Jahre.
Suchen Sie für diese Zeit bereits nach alternativen Geschäftsbereichen?
Das Geschäft mit der Autoindustrie macht 70 Prozent unseres Umsatzes aus. Damit fühlen wir uns gut aufgestellt. Vor allem weil die Autoindustrie trotz der Krise eine Wachstumsbranche bleibt. Der Wunsch nach Mobilität ist ungebrochen. Die Zahl der Autos wird weltweit wachsen. Doch wir sind breiter aufgestellt. Unsere Maschinen und Anlagen pressen Münzen, Badewannen, Nespresso-Kapseln, Kochtöpfe und Möbelbeschläge. Und seit fünf Jahren können mit unseren Maschinen auch Eisenbahnräder geschmiedet werden. Und wir liefern das Equipment, um riesige Rohre etwa für Pipelines für Wasser, Öl und Gas herzustellen, die einen Durchmesser von zwei bis drei Meter haben.
Bleiben wir bei der Autoindustrie. In China werden die meisten Autos verkauft. Wie laufen Ihre Geschäfte in dem Land?
China ist auch für uns ein großer Markt. Wir erzielen mittlerweile ein Viertel bis ein Drittel unseres Gesamtumsatzes in der Volksrepublik. Von unseren weltweit 6700 Mitarbeitern sind 1700 dort tätig.
Und durch die Übernahme von Yadon ist die Bedeutung des Landes noch gewachsen.
Die Übernahme von Yadon hat uns neue, chinesische Kunden gebracht. Yadon trägt zehn bis 15 Prozent zu unserem Gesamtumsatz bei.
Yadon ist im unteren bis mittleren Preissegment aktiv, wo es viele Konkurrenten gibt.
In diesem Preissegment tummeln sich tatsächlich mehr Unternehmen. Allerdings ist die Marktstellung von Yadon in diesem Segment ähnlich gut wie die von Schuler bei hochpreisigen Pressen. Yadon entwickelt sich gut, seit Schuler Technologien, die hierzulande am Ende des Lebenszyklus’ sind, nach China transferiert.
Was unterscheidet eine Yadon-Presse von einer Schuler-Presse?
Ein Beispiel: Schuler bietet eine Presse mit 630 Tonnen Presskraft und Yadon bietet eine solche Maschine. Doch die von Schuler erfüllt andere Qualitätsanforderungen. Bei Schuler werden alle Schweißteile geglüht, um Spannungen zu verhindern. Damit hat der Kunde die Sicherheit, dass sich keine Risse bilden, auch wenn er die Maschine 20 oder 30 Jahre lang betreibt. Schuler-Pressen schaffen auch eine höhere Präzision, was aber nicht für alle Teile wichtig ist. Und einen höheren Output schaffen Schuler-Pressen auch. Yadon-Maschinen sind meist nicht automatisiert. Da muss ein Bediener immer noch die Teile in die Presse reinlegen und wieder herausnehmen.
Chinesen sind doch an Hightech interessiert.
Es gibt in China beides – den ausgeprägten Wunsch nach Premiumprodukten, aber auch in der breiteren Masse die nicht so hohen Qualitätsansprüche. Deshalb erwarten wir das höchste Wachstum im mittleren Preissegment – und in dieses Segment wird Yadon mit einem gezielten Knowhow-Transfer aus Deutschland hineinwachsen. Unsere eigenen Ingenieure tun sich manchmal schwer, einfachere Produkte zu entwickeln – und das ist auch gut so.
Hier in Deutschland setzen Sie auf Technologie. In wenigen Tagen weihen Sie in Göppingen den Innovation Tower ein.
Damit erhöhen wir unsere Attraktivität bei Mitarbeitern. Wir brauchen gute Leute. Der Wettbewerb um Talente ist in der Region groß. Wir haben derzeit 140 offene Stellen – wir suchen Ingenieure, Software-Experten und Fachkräfte.
Was bieten Sie den Beschäftigten in dem neuen Tower Besonderes?
Derzeit sind unsere Mitarbeiter in verschiedenen Gebäuden untergebracht. Wenn sie künftig unter einem Dach sind, verbessert das die Kommunikation – etwa zwischen Entwicklung und Einkauf. Wir bauen unseren Forschungsbereich aus. Und wir wollen nicht zuletzt die Entwicklungszeiten verkürzen. Heute brauchen wir von der Idee bis zur Markteinführung teilweise zwei bis drei Jahre. Ziel ist, diese Zeit um 20 bis 50 Prozent zu verkürzen.
Wie wird sich Schuler in fünf Jahren verändert haben?
Der Trend geht zu Softwarelösungen und Dienstleistungen. In vier Wochen starten wir bereits mit unserem ersten Pilotkunden; wir wollen ihm helfen, die Effizienz seiner Maschinen zu steigern. Thema für uns ist auch die vorbeugende Wartung. Das klingt aber einfacher, als es ist. Wir haben noch kein Produkte, um sensorbezogen voraussagen zu können, wann welches Teil ausgetauscht werden muss. Unsere vorbeugende Wartung beruht noch auf Erfahrungswerten. Wir sind da keine Ausnahme, alle tasten sich an das Thema ran.
Wie laufen Ihre Geschäfte derzeit?
2017 wird ein gutes Jahr für uns. Umsatz und Gewinn werden steigen.
Wie beurteilen Sie den deutschen Standort?
Ich gebe dem Standort eine gute Note. Aber wir haben Hausaufgaben zu machen. Wir leben vom Bildungsvorsprung in Deutschland – und der schrumpft. Alle reden von der Bedeutung der Bildung, doch wir tun viel zu wenig. Es ist geradezu unmöglich, Softwareingenieure in der Region zu finden. Es dauert in Deutschland viel zu lange, um neue Berufsbilder zu zertifizieren. Oder um Studiengänge aufzubauen. Wir bei Schuler überlegen, in welchem anderen Land wir Digital Hubs aufbauen. Indien und Spanien wären denkbar. Vor allem in Spanien gibt es viele gute Universitäten, wo Software gelehrt wird.
Was schlagen Sie vor?
Wir brauchen Bildung, Bildung und noch mal Bildung. Bildung, die uns hilft unseren wirtschaftlichen Vorsprung in Deutschland zu sichern. Das fängt in den Schulen an. Welcher Abiturient oder Realschüler kann programmieren? China ist künftig unser größter Handelspartner – aber an welcher Schule wird Chinesisch als Pflichtfach gelehrt? Auch Digitalisierung ist kein Thema an den Schulen. Ich habe einen Lehrauftrag an einer Hochschule – da gibt es noch Tafel und Kreide.
Wenn in Schulen programmiert werden soll, welchen Stoff würden Sie dafür streichen?
Wenn Sie mich als Manager fragen, würde ich sagen, dass die Kinder nicht in jede Tiefe der Geschichtsbücher so tief einsteigen müssen. Und, dass Englisch die erste Fremdsprache ist, ist richtig – aber wieso ist Chinesisch nicht die Zweite? Ideal wäre, wenn sie schon ihre ersten Softwareprogramme erfolgreich verkauft hätten, bevor sie an die Hochschule gehen.

Unsere Empfehlung für Sie