Schuljahr im Zeichen der Reformen Am wichtigsten ist der Unterricht

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Grün-Rot will mehr soziale Gerechtigkeit im Schulsystem verankern. Das soll sich schon im neuen Schuljahr auswirken. Vor allem darf nicht viel Unterricht ausfallen. Die Opposition zweifelt.

Die Ranzen sind gepackt, das Schuljahr beginnt. Foto: dpa
Die Ranzen sind gepackt, das Schuljahr beginnt. Foto: dpa

Stuttgart - Im kommenden Schuljahr soll nach dem Willen des Kultusministeriums weniger Unterricht ausfallen und mehr individuell gefördert werden. In Vertretung der urlaubenden Kultusministerin erklärte Margret Ruep, die Amtschefin von Ministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD), es würden deutlich mehr Krankheitsvertretungen ermöglicht als bisher. 75,54 Millionen Euro stellt das Land dafür zur Verfügung, das sind 3,6 Millionen mehr als im Vorjahr. 1466 Stellen können für die Vertretung eingesetzt werden, „wir verfolgen Schritt für Schritt unsere Ziel, den Unterrichtsausfall erheblich zu verringern“, sagte Ruep.

Der Bundesschnitt von 2,5 Prozent der Stellen ist aber noch nicht erreicht. „Der Pflichtunterricht ist gesichert“, sagte die Amtschefin. Der Ergänzungsbereich bewege sich auf Vorjahresniveau. Sie betonte, die 3300 Stellen, die wegen des Schülerrückgangs rechnerisch wegfallen würden, blieben alle im System. Von Montag an werden 51 000 Schüler weniger die Schulbank drücken als im Vorjahr. Das liegt auch daran, dass an den meisten Gymnasien das 13. Schuljahr entfällt.

Mehr soziale Gerechtigkeit

Der zentrale Anspruch der grün-roten Landesregierung ist laut Ruep, das Bildungssystem sozial gerechter zu machen und gleichzeitig leistungsstark zu halten. Dazu sollen die 42 Gemeinschaftsschulen, die jetzt auch offiziell ihre Arbeit aufnehmen, ebenso beitragen, wie verbesserte individuelle Förderung. Zum ersten Mal bekommen Realschulen für jeden Zug eineinhalb Lehrerwochenstunden zusätzlich für die Förderung. Es wird erwartet, dass die Leistungsunterschiede der Schüler größer werden, nachdem die verpflichtende Grundschulempfehlung weggefallen ist. Das gilt auch für die Gymnasien. Sie können eine weitere Stunde in den Klassen fünf oder sechs einsetzen. Auch die Fortbildung der Lehrer in der individuellen Förderung soll verstärkt werden.

Der Rotstift droht

Über allen Reformvorhaben schwebt der Druck der Sparmaßnahmen. Ruep stellte klar, dass auch das Kultusministerium Prioritäten setzen müsse. „Die Unterrichtsversorgung ist immer Top eins“, außerdem wolle man die Gemeinschaftsschule voranbringen und deren pädagogisches Konzept auf die anderen Schularten übertragen, die Grundschule und die frühkindliche Bildung stärken und in die Ganztagsbetreuung an Grundschulen einsteigen.

Zu Schulschließungen und den vielfach geforderten regionalen Schulentwicklungsplänen wollte sich die Amtschefin nicht äußern. Das werde in den nächsten Tagen mit den Haushältern verhandelt. Das Ministerium wolle aber „möglichst schnell“ ein Eckpunktepapier vorlegen und strebe eine gesetzliche Regelung an, sagte sie.

GEW sieht Reformen schwinden

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat größte Bedenken. Ihre Vorsitzende Doro Moritz versteht nicht, dass die Ministerin „in dieser entscheidenden Phase Urlaub macht“. Sie befürchtet, Kinder und Jugendliche sowie die Beschäftigten im Bildungsbereich hätten „keine Lobby mehr im Parlament und auf der Regierungsbank“. Es sei nicht erkennbar, „dass nur ein Bruchteil der Reformpläne ungesetzt werden könne“.

Konflikte gibt es auch zwischen Ministerium und Philologenverband. Die Gymnasiallehrer befürchten, Sparmaßnahmen gingen zu ihren Lasten und rechnen mit weiteren Belastungen. An den Gymnasien gebe es nur 380 Neueinstellungen, kritisiert der Verband. Das wäre für jede Schule eine. Die Gymnasiallehrer vermissen auch Vorschläge zum Abbau ihrer Überstunden. Das Ministerium weist die Zahlen als falsch zurück. Es würden 480 Gymnasiallehrer neu eingestellt. Strittig ist auch die Anzahl der Gymnasiallehrer, die an die neuen Gemeinschaftsschulen abgeordnet werden. Für die oppositionelle FDP sind die Absichten des Ministeriums, die Unterrichtsversorgung zu verbessern, schon jetzt Makulatur. Der Ministerialdirektorin sei offenbar entgangen, dass die Regierung im kommenden Jahr damit beginnen wolle, 11 600 Lehrerstellen abzubauen, ätzt Timm Kern, der Bildungspolitiker der Liberalen.

Kritik an der Ministerin

Auch die CDU bezweifelt, ob die Zahlen des Ministeriums gesichert seien. Georg Wacker, der bildungspolitische Sprecher der CDU bemängelt, „die grün-rote Bildungspolitik ist nicht stringent und steht vollkommen ohne Konzept da“. Die Regierung schaffe in Zeiten der Haushaltskonsolidierung personalintensive Strukturen. Die Gemeinschaftsschule werde mehr Ressourcen benötigen als angenommen. Auch die Opposition hat die Kultusministerin vermisst. Ihr Fehlen zeige, „welchen Stellenwert sie den Planungen in ihrem Ressort zuweist“, höhnt Wacker.

Deutlich weniger Erstklässler

94 300 junge Baden-Württemberger beginnen im neuen Jahr ihre Schullaufbahn. An einer Grundschule fangen nach Schätzungen des Statistischen Landesamts etwa 88 400 Buben und Mädchen an, fast 3000 weniger als im September 2011. Vor sieben Jahren waren es sogar noch 110 300. Von den aktuellen Erstklässlern wurden 4300 an einer Sonderschule, 1600 an einer Waldorfschule angemeldet.

Insgesamt 4400 Lehrer hat das Kultusministerium für das neue Schuljahr neu eingestellt, im vergangenen Jahr waren es 4848. 1660 von ihnen gehen in die Grund-Haupt- und Werkrealschulen, 530 an die Sonderschulen, 950 an die Realschulen, 480 an die Gymnasien und 780 an die beruflichen Schulen. 305 Stellen können noch kurzfristig besetzt werden. Wie sie sich auf die Schularten verteilen, ist noch nicht klar.

Hauptschulabschluss nach Klasse neun oder zehn

An den Werkrealschulen können nun alle Schüler unabhängig von ihrer Durchschnittsnote im Zeugnis der Klasse neun in die zehnte Klasse wechseln. Bisher gab es eine Notenhürde. Das Ministerium geht davon aus, dass etwa jeder zweite Neuntklässler das tun wird. Werkrealschüler können erstmals den Hauptschulabschluss nach Klasse neun oder nach Klasse zehn machen.

An 34 Gymnasien im Land beginnt am Montag ein Vertiefungskurs Mathematik. Diesen Kurs können Oberstufenschüler zusätzlich zum vierstündigen Pflichtkurs Mathematik belegen. Der Kurs wird im Rahmen eines Schulversuchs angeboten. Er versteht sich als intensive Vorbereitung auf ein entsprechendes Studium.

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