Schulkooperation in Stuttgart Inklusion am Gymnasium? Hier funktioniert’s

, aktualisiert am 04.06.2025 - 12:00 Uhr
Ganz schön aufregend – alle halten im Deutschunterricht eine Präsentation. Foto: Lichtgut/Rettig

Am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium lernen seit zehn Jahren Kinder mit geistiger Behinderung und Gymnasiasten zusammen – ob in Deutsch oder in Mathe. Wie läuft das ab? Ein Besuch.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Es ist 9.45 Uhr an einem Donnerstagmorgen. Der kooperative Unterricht der 5B des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums kann beginnen. Die Kinder sitzen statt wie sonst an Tischgruppen einzeln im Kreis. So können sich alle gut sehen, wenn heute im Fach Deutsch Buchpräsentationen anstehen. Kemal will anfangen. Und das darf er auch. Der Fünftklässler steht auf, schaut auf seinen Notizzettel. „Hallo, liebe Klasse“, sagt er mit leiser Stimme. Dann erzählt er – von dem Buch, das es ihm angetan hat. Es handelt von einem Drachen, der einem Paar die Heißluftballonfahrt rettet, weil er das erloschene Feuer neu entfacht.

 

Nicht immer ist Kemal gut zu verstehen, doch keiner beschwert sich. Er zieht einen gebastelten Heißluftballon aus einem für die Präsentation beklebten Schuhkarton, schwingt ihn während er spricht durch die Luft, liest eine Textstelle vor. Warum das Buch ihm gefallen hat? Weil die Geschichte nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch dort stehe, erklärt er. Kemal ist fasziniert von Englisch. Alle klatschen, als er fertig ist.

Ein Buch für Leseanfänger mit großer Schrift wie Kemals Drachenbuch würde normalerweise eher nicht im Deutschunterricht einer fünften Gymnasialklasse präsentiert werden – anders als zum Beispiel Cornelia Funkes „Herr der Diebe“. Das Buch stellt Felix später vor. Er sitzt rechts von Kemal. Aber die 5 B ist eine besondere Klasse. Fünf der 28 Schülerinnen und Schüler haben eine geistige Behinderung. Sie sind Teil der 5 B – und Schüler der Helene-Schoettle-Schule (HSS). Das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum für Kinder mit geistiger Behinderung und das Elly kooperieren nun schon seit zehn Jahren miteinander. Von Klasse 5 bis Klasse 9 gibt es immer eine Kooperationsklasse mit bis zu sieben „Helene-Kindern“.

Doppelbesetzung im Unterricht sei entscheidend für den Erfolg

„Für uns war von Anfang an wichtig, dass wir inklusiv arbeiten – auch als Gymnasium“, sagt der Schulleiter des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums, Norbert Edel. Man dürfe sich da „nicht rausnehmen“. Keine übliche Haltung, erst recht nicht, als sie anfingen. Damals war der „Fall Henri“ in aller Munde – der Junge mit Downsyndrom war von einem Gymnasium aus dem Rhein-Neckar-Kreis abgelehnt worden.

Beim Kneten kann sich dieser Junge besser konzentrieren. Foto: Lichtgut/Rettig

Zunächst seien sie am Elly mit einer Klasse gestartet, begleitet von viel Elternarbeit. Dann ist die Kooperation sukzessive hochgewachsen bis Klasse 9. Der Umfang der Kooperation an der Modellschule ist ungewöhnlich. „Wir wollten die Zusammenarbeit so intensiv wie möglich“, sagt Edel. Heute zieht er, genauso wie Thomas Mästle, der Konrektor der HSS, eine positive Bilanz. Die Kooperation sei „eine Win-Win-Situation“, meinen beide. Man habe sich „gegenseitig befruchtet“, so Mästle. Wie nachhaltig das Ganze sei, zeige auch, dass Abiturienten ihre ehemaligen Helene-Mitschüler auf ihren Abi-Ball eingeladen hätten. Eines sei entscheidend für das Gelingen: die Doppelbesetzung im Unterricht. Das sei die Bedingung dafür, „dass es läuft“, so Edel.

Auch an diesem Donnerstag ist neben der Deutschlehrerin Dorothee Paulus die Sonderpädagogin und Klassenlehrerin Anja Rebholz mit im Unterricht dabei. Dorothee Paulus leitet die Stunde. Anja Rebholz hat, unterstützt von zwei Schulbegleitern, ihre fünf Schützlinge im Blick. Mal schiebt sie Kemal einen Notizzettel zu, dann reicht sie Knete, als sie merkt, dass er und sein Mitschüler Abhyjay etwas mit ihren Händen tun müssen, um ruhig zu bleiben. Und als Sofia nach vielversprechendem Beginn die Stimme vor Aufregung wegbricht und sie anfängt zu weinen, nimmt Anja Rebholz sie in den Arm. Während sie sie tröstet, sucht sie Blickkontakt zu ihrer Schülerin Mitra, nickt ihr zu. Mitra versteht – und macht weiter.

Dorothee Paulus und Anja Rebholz möchten die Kooperation nicht mehr missen. Sie habe „ganz viel gelernt“ durch die Zusammenarbeit mit den Sonderpädagoginnen, sagt Paulus. Diese hätten einen anderen Blick auf die Schüler, suchten immer die individuellen Stärken. Zwei der vier Deutschstunden in der 5 B seien gemeinsame Stunden. Ist sie alleine mit den Gymnasiasten, steht zum Beispiel Aufsatztraining oder Grammatik an. In den Kooperationsstunden sei der Unterricht anschaulicher, spielerischer – etwas, wovon alle profitierten. Sie haben schon ein Hörspiel produziert, erarbeiten ein Theaterstück. Nun also die Buchpräsentationen.

Die Schularchitektur unterstützt das kooperative Lernen

Was an diesem Vormittag eindrucksvoll rüber kommt: wie normal die Kooperation für die Kinder ist, wie gelassen und ruhig alle sind – und wie wertschätzend sie miteinander umgehen. Jeder steht bei seiner Präsentation im Mittelpunkt. Oscar, der zu seinem Mumienbuch besonders viel gefragt wird, weil das Thema viele interessiert. Lia-Su, die auch gute Chancen bei einem Vorlesewettbewerb hätte, Shamsiya, die völlig frei reden kann. Aber eben auch Abhyjay, der Spannendes über den Untergang der Titanic erzählt. Und Mitra, die eine besonders schöne Kiste zu ihrem Eisköniginnen-Buch gestaltet hat. „Ich will sagen, deine Kiste ist richtig cool“, meint Oscar nach ihrem Vortrag. Lia-Su lobt, wie „laut und deutlich“ die Zwölfjährige gesprochen hat. Mitra nickt. Freut sie sich? Wahrscheinlich.

Gegen Ende der Doppelstunde lässt die Konzentration aber doch nach. Abhyjay hat eben noch gezeigt, dass er gut zuhört, auch wenn er so wirkt, als wäre er woanders: „Wie geht es weiter“, wollte er von Felix wissen, als der eine Textstelle aus „Herr der Diebe“ vorgelesen hatte. Jetzt steht er auf. Keiner sagt etwas, als er die Tür zum Nebenzimmer öffnet. Es ist klar, dass das in Ordnung ist. Dort liegt das Klassenzimmer der Helene-Kinder. Es ist genauso groß wie das Zimmer der Elly-Kinder, in dem Deutsch stattfindet. In den Kooperationsklassen wird „so viel wie möglich“ zusammen gemacht. Nicht nur in Deutsch oder Englisch, sondern eben auch in Mathe oder Chemie. Aber „es passt auch mal nicht“, sagt Thomas Mästle. Die Schularchitektur ermöglicht beides – den gemeinsamen Unterricht, aber auch, die Lerngruppen voneinander zu trennen. Oder, dass sich ein Kind zurückziehen kann, wenn es das wie Abhyjay braucht.

Außenklassen auch an Grundschulen

Kooperationen
Auch mit Grundschulen kooperiert die Helene-Schoettle-Schule und hat dort Außenklassen eingerichtet – an der Grundschule Hofen und an der Schillerschule in Bad Cannstatt. Die meisten Kinder, die ans Elly wechseln, waren zuvor an der Grundschule in einer Außenklasse. Auch am Wilhelms-Gymnasium in Degerloch gibt es eine Kooperation – in diesem Schuljahr mit der Klassenstufe 6 der Bodelschwinghschule (SBBZ geistige Entwicklung). Zwei Klassen der Gustav-Werner-Schule (ebenfalls SBBZ geistige Entwicklung) kooperieren mit der Rosenschule, einer Grundschule. Entlastend für die Partnerschulen ist auch, dass die SBBZen sich ums Organisatorische kümmern, darunter fällt zum Beispiel der Schultransport.

Inklusion
Seit 2009 gilt in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention und damit das Recht auf inklusive Bildung: Alle Menschen müssen die gleichen Möglichkeiten haben, an hochwertiger Bildung teilzuhaben und ihre Potenziale zu entwickeln. „Gymnasien sind bei der Inklusion häufig außen vor“, heißt es auf dem Deutschen Schulportal der Robert-Bosch-Stiftung. Tatsächlich stemmen diese neben den Grundschulen vor allem Real-, Gemeinschafts- und Werkrealschulen.

Umfrage
Laut einer am 2. Juni vorgestellten Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung unter Lehrerinnen und Lehrern in Baden-Württemberg ist die Mehrheit (74 Prozent) dafür, dass Kinder mit Behinderung unter aktuellen Bedingungen an Förderschulen unterrichtet werden. 23 Prozent finden unter den gegebenen Rahmenbedingungen einen gemeinsamen Unterricht auch praktisch für sinnvoll.

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