Schulkrankenschwester in Stuttgart Die Murmel, die den Puls wieder sinken lässt

Anke Karl ist Schulkrankenschwester an der Freien Waldorfschule. Foto: Annegret Jacobs

Zuwendung, Ruhe und gute Bücher: Wie Schulkrankenschwester Anke Karl an der Freien Waldorfschule am Kräherwald oft erfolgreich Erste Hilfe betreibt.

Eines der wichtigsten Medikamente von Schulkrankenschwester Anke Karl steht unter der Krankenliege in ihrem Dienstraum in der Freien Waldorfschule am Kräherwald. „Der hier leistet mir jeden Tag gute Dienste.“ Die 58-Jährige, groß gewachsen, sportlich, an diesem Tag in einem sommerlich-luftigen grünen Blumenkleid, bückt sich und angelt schwungvoll einen Korb mit Bilderbüchern hervor. Der Band „Armer Petterson“ aus der Reihe „Petterson und Findus“ liegt ganz oben auf. Anke Karl lacht. „Den schauen sich sogar die Mittelstufenschüler ganz gerne an, wenn sie mal warten oder einfach nur runterkommen müssen.“

 

Weitere wichtige Utensilien: eine bunte Größenmesslatte mit Tieren. „Da erinnern sich die Kinder oft ganz genau, wie alt sie gewesen sind, als sie auf Höhe des Pinguins waren und wann sie später die Schnecke erreicht hatten.“ Ein ebenfalls wirksames Notfallmedikament für Augenblicke, in denen ein Schülerpuls zu hoch schlägt: ein kleines Kästchen, auf dessen Bodenscheibe ein Fliegenpilz aufgemalt ist und in dessen Vertiefungen drei Murmeln durch Kippen und Drehen platziert werden müssen. Dafür muss man sich konzentrieren – dann sei die Aufregung gar nicht mehr so groß, wie noch wenige Momente zuvor.

Medikamente und Verbandsmaterial brauche sie seltener als den Bücherkorb

Und dann sind da natürlich die klassischen Geräte wie Stethoskop, Verbandsmaterial, ein Erste-Hilfe-Koffer, Cremes, Kühlpads und ein paar Medikamente. Aber, so Karl, das alles brauche sie weitaus seltener als den Bücherkorb. „Das Wichtigste an meiner Stelle ist, dass ich da bin“, sagt Karl. Zuhören, beruhigen, trösten – klingt banal, sei aber sehr wirksam, um für mehr Schülergesundheit zu sorgen.

Seit 2003 ist Anke Karl Schulkrankenschwester am Kräherwald. „Als ich von der Stelle gehört habe, habe ich mich sofort beworben.“ Zuvor hatte sie als Kinderkrankenschwester am Olgäle gearbeitet, nach ihrer eigenen Familienphase dann in einer Familienbildungsstätte.

An der Waldorfschule am Kräherwald wurde 2003 die Stelle der Schulkrankenschwester neu geschaffen. Anke Karl fing als Honorarkraft an und baute die Stelle über die Jahre zu einem Vollzeitjob aus. Mittlerweile betritt sie morgens um kurz nach 7 Uhr das Schulgebäude, macht die erste Runde, begrüßt Schüler und Kollegen, verschafft sich einen Überblick, welche Lehrer ausfallen „und wo ich dann den Flur verstärkt im Blick habe“. In Notfällen springt sie auch ein und vertritt. „Dann machen wir eine Stunde in Erster Hilfe, das finden fast alle Schüler spannend.“

Sie will den Kindern das Gefühl geben: Hier bist du sicher

Dann kommen die Pausen: Stoßzeiten der Versorgung. Aufgeschürfte Knie, angeknackste Kinderseelen, Kopfschmerzen – und in diesem Sommer auch oft Unwohlsein wegen der Hitze. Anke Karl bewahrt die Ruhe, versucht, den mitunter hektischen Schulalltag aus dem kleinen Krankenzimmer auszusperren und ihren jungen Patienten das Gefühl zu vermitteln: Hier bist du sicher. In vielen Fällen sei das die beste Erstversorgung. „Wenn dies nicht alleine ausreicht, so ist es eine ganz wichtige Komponente guter medizinischer Betreuung.“

Seit den vergangenen beiden Jahren verbraucht die Coronapandemie viele ihrer Ressourcen, denn Anke Karl war und ist zuständig für den Testbetrieb sowie die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt. „Da ist viel auf der Strecke geblieben“, bedauert sie. Etwa ihre Begleitung von Klassenfahrten und Ausflügen, das gemeinsame Kochen mit den Schülern. „Deswegen genieße ich es, dass wir aktuell in Sachen Corona eine Verschnaufpause haben“, sagt sie.

Sie nimmt sich Zeit für die Sorgen ihrer Patienten

Was sie zu keinem Zeitpunkt zurückgestellt hat: sich Zeit für die kleinen und großen Sorgen ihrer Patienten zu nehmen. Damit sie selbst dabei nicht die Ruhe verliert, hat sich Anke Karl zwei Kraftquellen über ihrem Schreibtisch angebracht: zwei Fotos vergangener Wanderurlaube in den Alpen sowie ein Blumenbild, das ein Schüler ihr einst gewidmet hat.

Gesundheitsversorgung und Gesundheitsprävention – diese sperrigen Begriffe sind die Säulen ihrer Arbeit. Konkret interpretiert Anke Karl dies am Kräherwald neben der allgemeinen Versorgung im Alltag und der Assistenz bei der Einschulungsuntersuchung in der Art, die Schüler in Erster Hilfe zu schulen und Sprechstunden für Mädchengesundheit anzubieten. Zudem ist sie gemeinsam mit einem Lehrerkollegen Kindeswohlbeauftragte an der Schule. An diesem Nachmittag steht um 17 Uhr noch ein entsprechender Termin auf dem Programm. „Wir bieten diese Gespräche frühzeitig an, wenn etwas unstimmig erscheint. Das meiste löst sich dann zusammen mit den Eltern.“

In Skandinavien hat sie viel dazugelernt

2012 hat Anke Karl in einem Wettbewerb des Gesundheitsministeriums von Baden-Württemberg einen Preis für ihre Arbeit gewonnen. Mit den 1000 Euro ist sie eine Woche nach Schweden gefahren. In Skandinavien ist das Konzept der Schulgesundheitspflege, anders als in Deutschland, nahezu durchgängig etabliert. „In einer kleinen Stadt bei Stockholm habe ich eine Schulkrankenschwester eine Woche lang begleiten dürfen – toll!“

Sollte sie wieder mal mehr Zeit für Projekte haben, weiß Anke Karl schon, was sie anbieten möchte: einen Hausmittelkurs. „Es bei Halsschmerzen zum Beispiel zuerst mal mit Salbei und Ruhe versuchen, das würde in vielen Fällen schon helfen.“

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