Man würde gerne loben, dass Winfried Kretschmann seine ganze Regierung an diesem Montag mit der schlechten Leistungsbilanz der Viertklässler beim jüngsten IQB-Bildungstrend befasst. Dass jeder fünfte Zehnjährige die Mindestanforderungen in Deutsch und Rechnen verfehlt und ein weiteres Viertel nur das Nötigste lernt, ist für betroffene Kinder ein tragisches Handicap, das sie schlimmstenfalls lebenslang belastet. Dass die Schulen die Grundkenntnisse nicht besser vermitteln, ist eine schreiende Ungerechtigkeit gegenüber der jungen Generation. Und es ist ein volkswirtschaftlicher Nachteil, der sich in Zeiten des Fachkräftemangels in der Arbeitswelt nicht bitterer niederschlagen könnte.
Die Grundschulkrise trifft alle Minister
Dass alle Minister mit dem Thema konfrontiert werden, ist mehr als geboten. Keiner bleibt von dieser Bildungskatastrophe unberührt. Dem einen werden Busfahrer fehlen, den anderen Erzieher, Lehrer, Polizisten, Justizangestellte, Wissenschaftler, Ingenieure, Handwerker, Facharbeiter, Gastronomen oder Finanzbeamte. Auch die Sorgen der Wirtschaft zeigen, dass die Grundschulen ein entscheidender Faktor sind, der den Fachkräftemangel aktuell verstärkt – und bei besserer Leistung mildern könnte.
Trotzdem ist Lob für Kretschmann nicht angebracht. Will er mit seinem Kabinettsabend doch vor allem erreichen, dass die Schulleistungsschwäche und die fehlenden Antworten der Regierung aus dem nächsten Wahlkampf herausgehalten werden. Das hat er selbst so formuliert, und es ist starker Tobak. So viel politische Bequemlichkeit ist einen Eintrag im Klassenbuch wert.
Kabinettsabend darf Thema nicht beerdigen
Grün-Schwarz hat sich mangels gemeinsamer Reformkonzepte per Koalitionsvertrag Schulfrieden verordnet, um von schwierigen Themen unbehelligt zu bleiben. So etwas ist pragmatisch und kommt bei thematischen Unverträglichkeiten in Regierungsbündnissen immer wieder vor. Nur dauert der verordnete Stillstand für das Bildungssystem im Land schon zu lange. Und die Defizite der Grundschulen sind so eklatant, dass sie eine Vertagung nicht vertragen. Kretschmanns Kabinettsabend darf nicht die Beerdigung des Themas markieren. Das muss im Gegenteil der Beginn einer kollektiven Anstrengung für die Grundschulen sein.
Recht hat der Ministerpräsident freilich mit seinem Monitum, dass es nichts nützt, sich auf die Forderung nach mehr Lehrerstellen zu beschränken, weil dieser Arbeitsmarkt auf absehbare Zeit leer ist. Das hat auch mit Versäumnissen in Kretschmanns Amtszeit zu tun. Doch darauf herumzureiten, führt in die Handlungsunfähigkeit. Aufgabe für Grün-Schwarz ist es jetzt aber, trotz Lehrermangels zusätzliche Kapazitäten in die Grundschulen zu bekommen.
Praktisch sind da vor allem die Kultus- und die Wissenschaftsministerin gefordert: Stützunterricht für Deutsch als Fremdsprache, Lesepaten für die Grundschulen, ein Sofortprogramm gegen die hohe Studienabbrecherquote bei Lehramtsstudenten, Umsteigerprogramme mit einer Beratungs- und Werbeinitiative, um Studenten mit dem Berufsziel Gymnasiallehrer für das Lehren an Grundschulen zu interessieren, und neue Studienplätze an den Pädagogischen Hochschulen sind nötig. Im Alleingang schaffen die beiden Ressorts das nicht. Dass dafür kein Geld im Haushalt vorgesehen ist, darf kein Hinderungsgrund sein. Warum lenkt der Ministerrat nicht einen Teil der Haushaltsreste in einer konzertierten Aktion in die Grundschulen? Dabei entstehende unvertretbare Lücken kann man aus versteckten Puffern und durch Verzicht auf nachrangige Projekte in den Einzeletats stopfen. Das täte weh. Aber es wäre die Anstrengung wert.