Für Angela Haberkorn war Schule immer mehr als ein Ort, an dem unterrichtet wird. Schule bereitet auf die Gesellschaft vor, sie prägt den Menschen – und dieser muss folglich im Mittelpunkt stehen: So sieht die Lehrerin und Diplom-Pädagogin, die zudem jahrelang am Seminar für Lehrerfortbildung in Nürtingen unterrichtet hat, das System Schule. Es weiterzuentwickeln, war ihr eine Herzenssache.
2001 kam Haberkorn, die zuvor Konrektorin an der Burgschule in Plochingen war, als Schulleiterin in die Grund- und Hauptschule Deizisau. Sie führte zuerst eine Schulkindbetreuung in der ehemaligen Schulleiterwohnung ein: „Der Bedarf war da und die Räume waren geeignet.“ Wenig später kam das Label „bewegte Grundschule“ mit vielen Bewegungsangeboten hinzu. Und es dauerte auch nicht lange, bis die ersten Projekte stattfanden, bei denen die Kinder und Jugendlichen in bestimmten Fächern jahrgangsübergreifend zusammenarbeiteten. „Der Aspekt, gemeinsam zu lernen und nicht immer auszugrenzen, hat mich schon immer fasziniert“, sagt Haberkorn. Sie und ihre Schule gehörten mit diesen Lernformen zu den Pionieren im Kreis Esslingen. Gleichzeitig war das eine Vorübung für die Gemeinschaftsschule – auch wenn damals noch keiner mit deren Einführung in Baden-Württemberg rechnete.
Eine der ersten drei Gemeinschaftsschulen im Schulamtsbezirk
Doch mit dem Regierungswechsel 2011 war die neue Schulform dann plötzlich verstärkt im Gespräch und für die Schulleiterin war klar: „Ich will diesen Bildungsweg einrichten für junge Menschen – auch, um eine gesellschaftliche Chancengleichheit zu eröffnen.“ Mit viel Überzeugungskraft hat sie alle mitgenommen: das Kollegium, das durchs Projektlernen schon vorbereitet war, ebenso die Eltern, von denen einige sehr gern die neue Schulform mitgestalten wollten. Und auch die Gemeindeverwaltung und den Gemeinderat konnte die Rektorin überzeugen. „Ein Dorf erzieht“ war damals der Slogan im Ort. „Das war wichtig für mich.“
Ortsübergreifende Diskussionen in der Raumschaft gab es natürlich auch. Aber keine der Schulen rundum positionierte sich so klar für das Modell wie die Deizisauer, die schließlich zum Schuljahr 2013/2014 als eine der ersten drei Gemeinschaftsschulen im Schulamtsbezirk Nürtingen startete.
„Für mich war das eine Sternstunde meines Berufslebens, dafür hatte ich studiert“, sagt Angela Haberkorn, die auch heute noch „wirklich ganz tief“ von dieser Schulform überzeugt ist. Sie konnte auf ein junges, motiviertes Kollegium bauen. „Es hat uns auch beflügelt, die Vision in die Wirklichkeit umzusetzen“, sagt die scheidende Rektorin. Spannend war es allemal, vor allem, als der erste Jahrgang den Abschluss machte und die Freude angesichts einiger „super Leistungen“ groß war.
Unterrichtsdidaktikerin, Planerin und Bauleiterin
Natürlich mussten immer wieder Konzepte nachjustiert und Neues ausprobiert werden. Das findet Haberkorn normal. „Schule neu denken, das müssen wir immer ein bisschen“, sagt sie. Dabei war die Leitlinie stets, den Kindern und Jugendlichen ihr eigenes Entwicklungstempo zu ermöglichen und sie nicht schon früh in eine Schublade zu stecken. So fällt die Entscheidung, welchen Abschluss sie anstreben, bei dieser Schulform erst relativ spät – darin sieht die Pädagogin für viele Kinder eine Chance.
Sie selbst hat sich in vielen Rollen wiedergefunden, von der Unterrichtsdidaktikerin bis hin zur Planerin und Bauleiterin. Die Mensa und der bunte Anbau mit den naturwissenschaftlichen Räumen sind in ihrer Zeit entstanden; auch das war komplettes Neuland für die ganze Schulgemeinschaft. In schwierigen Situationen hat ihr eine Haltung geholfen, die sie sich immer bewahren konnte: „Die Dinge zwar ernst zu nehmen, aber nicht persönlich“.
„Es war mehr als ein Fulltime-Job“
Geholfen hat auch der Rückhalt der Gemeinde, nicht zuletzt in der Coronapandemie. Es war ein glücklicher Zufall, dass noch vor deren Ausbruch erste Klassen mit Tablets ausgestattet wurden und dass dieser Prozess dann beschleunigt und ausgeweitet werden konnte. Dadurch sei man ganz gut durch den Lockdown gekommen, sagt die Schulleiterin, die sich trotzdem Sorgen um die „Coronageneration“ macht. Die sozialen Medien hätten in einem erschreckenden Ausmaß an Bedeutung gewonnen und die Selbstverständlichkeit, jeden Tag in die Schule zu gehen, habe teilweise gelitten.
Aber die großen Erschütterungen sind bewältigt, und damit ist der richtige Zeitpunkt zu gehen, findet die 63-Jährige, die mit ihrem Interesse für Pädagogik und andere Kulturen wahrscheinlich auch künftig noch manches bewegen wird. Mehr als 20 Jahre lang war sie in Deizisau mit „Vollgas“ unterwegs. „Es war mehr als ein Fulltime-Job“, sagt sie, „aber ich war nie ausgebrannt, überhaupt nicht“.
Wo Lehrer Lerncoaches heißen
Abschluss
Die Deizisauer Schule ist eine Gemeinschaftsschule mit Grundschule und Sekundarstufe bis Klasse 10. Schülerinnen und Schüler können den Hauptschulabschluss nach Klasse 9 oder nach Klasse 10 machen, ebenso den Realschulabschluss nach Klasse 10. Innerhalb der Klassen werden die Leistungsniveaus G, M und E unterschieden. E steht für „erweitert“ und entspricht dem Niveau an Gymnasien.
Oberstufe
Eine Oberstufe hat die Gemeinschaftsschule Deizisau zwar nicht, aber wer in allen Fächern in der Abschlussklasse auf E-Niveau arbeitet, kann nach Klasse 10 direkt auf ein Gymnasium wechseln. Die Entscheidung, welchen Abschluss die Jugendlichen anstreben, bleibt generell bis Klasse 8 offen. Um die verschiedenen Niveaus innerhalb der Klassen zu ermöglichen, arbeiten in den Hauptfächern in der Regel drei Lehrer, die hier Lerncoaches heißen, als Team zusammen.
Verabschiedung
Angela Haberkorn wurde in einer Feierstunde mit geladenen Gästen verabschiedet. Die leitende Schulamtsdirektorin Corina Schimitzek war ebenso dabei wie Deizisaus Bürgermeister Thomas Matrohs, Elternvertreter und -vertreterinnen und Kolleginnen und Kollegen aus den Nachbargemeinden.