Schulleitermangel auf den Fildern Bloß nicht Rektor werden

Von Caroline Holowiecki 

Immer weniger Lehrer wollen eine Führungsposition übernehmen. Die Zeppelinschule in Echterdingen (Landkreis Esslingen) ist eine von 250 Schulen im Land ohne Schulleiter. Den Alltag hält der Konrektor Daniel Ilic aufrecht. Für ihn heißt das: mehr Arbeit, gleiches Geld.

Die meisten freien Rektorenstellen im Land gibt es an Grundschulen. Foto: dpa/Marijan Murat
Die meisten freien Rektorenstellen im Land gibt es an Grundschulen. Foto: dpa/Marijan Murat

Echterdingen - Schulleiter? Nein, danke. Landauf, landab sind Rektorenstühle leer. Nach Auskunft des Kultusministeriums sind aktuell gut 250 Stellen an den etwa 3900 öffentlichen Schulen in Baden-Württemberg frei, in 84 Fällen laufe das Besetzungsverfahren. Gründe für den Mangel gibt es viele. Zunächst fehlen Lehrer. 650 Stellen waren im September im Land unbesetzt. Auch der höhere Aufwand bei unwesentlich besserer Bezahlung macht den Chefposten unattraktiv. Die meisten freien Rektorenstellen, nämlich mehr als 150, gibt es an Grundschulen, und dort ist die Lage besonders prekär. „Finanzielle Anreize sind gerade an der Grundschule bislang gering“, weiß Professor Colin Cramer, Erziehungswissenschaftler an der Uni Tübingen.

Ob Daniel Ilic sich das alles so gedacht hat? Seit 2017 arbeitet er an der Zeppelinschule, einer Grundschule in Echterdingen. Kurz nach seinem Eintritt war die damalige Schulleiterin in den Ruhestand gegangen. Die Stelle ist bis heute frei. Seit dem Schuljahr 2018/19 ist Daniel Ilic Konrektor. Barbara Fritsch-Höschele, eigentlich Leiterin der Musberger Eichbergschule, ist zwar offiziell als kommissarische Leiterin der Zeppelinschule eingesetzt, faktisch macht der 30-Jährige das meiste allein. „Sie hat gemerkt, dass es hier gut läuft“, sagt er. Verwaltung, Abrechnungen, Vertretungspläne, Konflikte zwischen den 16 Lehrern und 225 Kindern begleiten, „ich organisiere als Konrektor den Schulalltag“, sagt er, und zwölf Wochenstunden Mathe stehen auch noch an.

Die Liste der nicht besetzten Rektorenstellen ist lang

Das schreckt ab. Forschung zu Schulleitungen in Deutschland legt diesen Schluss nahe, sagt der Bildungsforscher Colin Cramer. Demnach finden Pädagogen, dass man sich im Rektorenjob zu sehr von der Arbeit mit den Kindern entfernt und stattdessen eine Verwaltungstätigkeit mit hoher Personalverantwortung und enormen Anforderungen übernimmt. „Viele sagen, dafür bin ich nicht angetreten“, so Colin Cramer. Sein Fazit: „Weder die intrinsische Perspektive noch die extrinsische – Urlaub, Gehalt – machen die Schulleitung attraktiv.“ Die Folge sieht man auf der Homepage des Schulamts Nürtingen, das für den Kreis Esslingen zuständig ist. Durch 24 Rektoren- und Konrektoren-Jobangebote kann man sich klicken. Auf der Seite des Stuttgarter Schulamts werben unter anderem die Pestalozzi- und die Österfeldschule, beide im Bezirk Vaihingen, um Konrektoren.

Daniel Ilic bläst zwar die Backen auf, gestresst wirkt er aber nicht. Der Mann, der im Winter Sportschuhe zum Kurzarmhemd trägt, scheint eine Frohnatur zu sein. Ja, er habe sich in vieles einarbeiten müssen, aber „im kalten Wasser schwimmt man gut“, sagt er und lacht. Daniel Ilic ist in Echterdingen aufgewachsen, war schon als Teenager Gruppenleiter und später Vorsitzender der Katholischen Jungen Gemeinde, auch bei der Filderbühne hat er als Jugendleiter angefangen und ist heute Vorsitzender. Führung liegt ihm. Viel Rückendeckung bekomme er im Kollegium, im Netzwerk der örtlichen Schulleiter, vom Schulamt, den Schulpsychologen. Eine Leitungsposition sei immer sein Ziel gewesen, aber „ohne diese Unterstützung hätte ich es nicht geschafft“.

Mehr Geld für kleine Schulen und Konrektoren

Ende November hat die Landesregierung ein Konzept beschlossen, das Schulleitungen stärken soll. Ab dem Schuljahr 2020/21 sollen Rektoren an kleinen Schulen mehr Geld erhalten. Zudem wird eine Zulage für kommissarische Schulleiter eingeführt. Sie soll nicht nur ein Zeichen der Wertschätzung sein, „sondern kann letztlich auch ein Anreiz für eine Bewerbung auf eine Schulleitungsstelle sein“, wird die Kultusministerin Susanne Eisenmann in einer Meldung aus ihrem Haus zitiert. Zu guter Letzt sollen Assistenzsysteme sowie Fortbildungs- und Beratungsangebote ausgebaut werden, um mehr Interessenten zu gewinnen.

Daniel Ilic muss man nicht mehr überzeugen. Er hat sich auf den Job beworben, den er ohnehin schon seit geraumer Zeit macht. Das Verfahren läuft. Zuvor war die Stelle mehrfach ausgeschrieben gewesen – ergebnislos. „Man muss es gern machen und dafür brennen“, sagt Daniel Ilic. Sein Credo: „Mir ist wichtig, dass der Schulalltag weitergeht, ohne dass die Schüler etwas merken.“




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