Schulleiterumfrage in Baden-Württemberg Rektoren leiden unter der Pandemie
Lehrermangel und Corona machen Schulleitern das Leben schwer. Das belegt eine neue Umfrage. Der Lehrerverband VBE schlägt Alarm für den Südwesten. Ein Befund ist fatal.
Lehrermangel und Corona machen Schulleitern das Leben schwer. Das belegt eine neue Umfrage. Der Lehrerverband VBE schlägt Alarm für den Südwesten. Ein Befund ist fatal.
Stuttgart - Alle Jahre wieder fragt Forsa im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung, wie Schulleiter die Lage der Schulen in ganz Deutschland und im Südwesten bewerten. VBE-Chef Gerhard Brand stellt sie in Stuttgart vor. Die wichtigsten Befunde haben wir zusammengefasst.
Mit welchen Schwierigkeiten haben die Schulen zu kämpfen?
Mehr als die Hälfte der befragten Rektoren aus dem Südwesten (52 Prozent) nennt den Lehrermangel als größtes Problem der 4500 Schulen in Baden-Württemberg. Zweitgrößtes Problem ist mit 41 Prozent Corona, dicht gefolgt von Arbeitsüberlastung und Zeitmangel, den 38 Prozent der Befragten beklagen. Immerhin fühlen sich im Land 89 Prozent der Schulleiter von ihren Lehrerkollegien unterstützt – das sind sieben Prozent mehr als auf Bundesebene. Die erweiterte Schulleitung schneidet mit 59 Prozent im Land und 60 Prozent bundesweit klar schlechter ab.
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Wie schlägt sich der Lehrermangel nieder?
Hatte vor drei Jahren ein knappes Drittel (32 Prozent) der Schulleitungen in Baden-Württemberg mit Lehrkräftemangel zu kämpfen, dann sind es heute mehr als die Hälfte der Schulen ( 57 Prozent). Den Vorsitzenden des Verbands Bildung und Erziehung, Gerhard Brand, tröstet es nicht, dass die Lage bundesweit mit 63 Prozent betroffenen Schulen noch etwas schlechter ist als im Südwesten. Brand stellt die Untersuchung an diesem Freitag in Stuttgart vor. „Die Entwicklung ist rasant, und sie war absehbar“, betont er und ergänzt sarkastisch: „Die Politik scheint Probleme mit der Mathematik zu haben, egal in welchem Bereich.“ Weder für die Ganztagsbetreuung, die Inklusion von Behinderten, die Integration von Flüchtlingskindern, die Digitalisierung oder die Krisenbewältigung etwa wegen Corona gebe es ausreichen ausreichend gut ausgebildetes Personal.
„Die Realität verläuft aber genau entgegengesetzt: Der Lehrkräftemangel verschärft sich jedes Jahr weiter.“ Zudem würden in Baden-Württemberg immer mehr Seiteneinsteiger beschäftigt. Heute hat jeder dritte Rektor (37 Prozent) solche Mitarbeiter ohne Lehramtsqualifikation in seinem eigenen Kollegium – 2018 war das erst bei 18 Prozent der Fall. Dass in Baden-Württemberg drei Viertel der Betroffenen weder eine ausreichende pädagogische Vorqualifikation noch eine berufsbegleitende pädagogische Qualifizierung erhalten, verschlimmert aus seiner Sicht die Situation.
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Wie zufrieden sind die Rektoren?
Natürlich verleidet Corona den Schulleitern aktuell die Freude am Job. Die Zahl derjenigen, die ihren Job sehr oder eher gern ausüben ist seit 2019 von 94 auf 67 Prozent gesunken. Bei der ersten Corona-Umfrage im Herbst 2020 war der Wert noch niedriger. Damals waren nur noch 62 Prozent sehr oder eher gern Schulleiter. Dass die Zufriedenheit sich seither wieder etwas erholt hat, hängt sicher mit den Wellenbewegungen der Pandemie einerseits zusammen und zeigt andererseits, dass die Erfahrung im Umgang mit den Coronamaßnahmen hilft, das Schulleben mit dem Virus zu organisieren. Gut die Hälfte ( 54 Prozent) der befragten Baden-Württemberger gaben an, ihren Beruf immer oder häufig zur eigenen Zufriedenheit ausüben zu können.
Auf der anderen Seite aber hat sich die Zahl derjenigen, die dies nur selten oder nie schaffen, binnen drei Jahren von 16 auf 46 Prozent verdreifacht. Dies brennt dem Verband Bildung und Erziehung mit am dringendsten unter den Nägeln. „Das bereitet uns wirklich große Sorgen“, betont Gerhard Brand. „Die Motivation der Schulleitungen war bereits vor Corona rückläufig und ist jetzt dramatisch eingebrochen.“ Er fürchtet, dass es noch schwieriger wird, Nachwuchs für die Leitungsjobs an den Schulen zu gewinnen. Bundesweit ist die Lage deutlich besser als im Südwesten. Dort liegt der Anteil der Schulleiter, die ihren Job sehr oder eher gern ausüben mit 75 Prozent deutlich über dem Niveau im Südwesten.
Welche Noten kassieren die Minister?
Da sieht es bundesweit mau aus und im Südwesten zappenduster. Während sich in Deutschland nur zwei Prozent der Schulleiter vom zuständigen Kultusminister unterstützt fühlt (nach zehn Prozent im Jahr 2019, sechs Prozent im Frühjahr 2020 und vier Prozent im Corona-Herbst 2020), fühlte sich bei der Befragung in diesem Oktober kein Schulleiter aus Baden-Württemberg von Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) unterstützt. Null Prozent heißt es in der einschlägigen Tabelle auf Seite 8 des Forsa-Berichts. In den Vorjahren, als Exministerin Susanne Eisenmann (CDU) noch die Verantwortung für Schulen und Bildung in Baden-Württemberg trug, waren es 13 Prozent im Jahr 2019, zehn Prozent im Frühjahr 2020 und drei Prozent im vorigen Corona-Herbst.
Zum Vergleich: Von ihrem Schulträger im Land fühlen sich 46 Prozent der Schulleiter unterstützt; die Elternschaft erleben 45 Prozent als unterstützend, die Schülerschaft 37 Prozent. Dieses schlechte Abschneiden der Politik nennt Brand katastrophal für die Qualität des Bildungssystems, in dem die Schulleitungen eine Schlüsselfunktion haben. „Früher hatten wir eine Bestenauslese, wenn es darum ging, diese Schlüssel- und Führungspositionen zu besetzen. Heute haben wir Schulen, wo wir die Schulleitung über Monate hinweg nicht besetzen können, weil es zu wenig oder keine Bewerbungen gibt“, kritisiert Brand. „Dieser Trend wird sich noch einmal deutlich verschärfen, wenn die Schulleitungen weiter systematisch überlastet werden und die Stimmung unter ihnen immer schlechter wird.“
Umfrage
Befragte
Im Rahmen der Untersuchung wurden insgesamt 1300 Rektoren in Deutschland gefragt, darunter 253 in Baden-Württemberg. Die Umfrage fand vom 17. September bis 28. Oktober 2021 mithilfe von computergestützten Telefoninterviews statt.
Vorgeschichte
Das Meinungsforschungsinstitut hat die Befragung von Schulleitern seit 2018 in regelmäßig gemacht. 2020 gab es zwei Befragungen im Januar/Februar vor Beginn der Corona-Maßnahmen, und im Oktober/November. Dabei legten die Meinungsforscher den Schwerpunkt auf die Corona-Krise.