Als Teil der Zusammenarbeit führt Natalia Kot (vorne) Schülerinnen und Schüler der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule durch die Ausstellung „Gestapo vor Gericht“ im Hotel Silber. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Was ist Auschwitz? Nicht alle Jugendlichen wissen das. Um zu erinnern, arbeiten das Haus der Geschichte und eine Stuttgarter Schule zusammen. Besonders engagiert sind die Jugendlichen, wenn es um Parallelen zur Gegenwart geht – und um die eigene Angst davor.
Jana Gäng
19.01.2024 - 13:11 Uhr
„Wissen alle, was Auschwitz ist?“, fragt Natalia Kot die Jugendlichen. Auf dem Weg durch die Ausstellung „Gestapo vor Gericht“ im Hotel Silber, einst Zentrale der württembergischen Gestapo, hat die Gruppe vor dem Porträt Wilhelm Bogers angehalten. Boger war Stuttgarter, Gestapo-Mann und wegen seiner Foltermethoden bekannt als „Bestie von Auschwitz“. „Ich weiß das nicht“, sagt einer der Schüler der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule zögerlich – sein Nebenmann erklärt.
Viele Jugendliche bringen heute wenig Vorwissen zum Nationalsozialismus mit, findet der Lehrer Martin Gansen: „Das fängt bei den Daten des Zweiten Weltkriegs an.“ Weit weg haben sich Gerichtsverfahren wie Auschwitz-Prozess oder Nürnberger Prozesse zuerst angefühlt, sagt einer der Schüler. Wie also die Erinnerungskultur für eine neue Generation nicht zu Phrasen verkommen lassen? Wie Erinnerung zugänglich machen, die die „Schlussstrichmentalität“ vieler Deutscher von Anfang an zu ersticken versuchte und die in den sozialen Medien neu unter Beschuss steht – in einer Zeit, in der die Zeitzeuginnen und -zeugen weniger werden?
Die Schüler sprachen mit einem Ankläger im Auschwitz-Prozess
In Erinnerungsorten wie dem Hotel Silber können Jugendliche einen solchen Zugang zur Geschichte finden, so Martin Gansen, können Geschichte aufarbeiten und einseitige Darstellungen hinterfragen. Also hat der Lehrer eine Zusammenarbeit initiiert. Im Hotel Silber arbeiten die Cotta-Berufsschule und das Haus der Geschichte Baden-Württemberg nun dauerhaft zusammen – in lokalhistorischen Spurensuchen, Führungen, Workshops und dabei, eigene Vorhaben der Jugendlichen umzusetzen.
Ein solches Vorhaben lässt sich auf den Tablets ansehen, die im Hotel Silber zum Ende der Ausstellung ausliegen: Zwei der Schüler haben Gerhard Wiese in Frankfurt getroffen. Wiese war Ankläger im Auschwitz-Prozess im Jahr 1963. Er war es, der die Anklageschrift gegen Wilhelm Boger schrieb. Eine Aufzeichnung des Gesprächs ist ein Ergebnis des ersten Projekts, das in der Kooperation entstand.
Gerhard Wiese (l.) war als Staatsanwalt einer der Ankläger im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Das Gericht reiste 1964 nach Polen und besichtigte das Konzentrations- und Vernichtungslager.
Mehrere Monate lang haben sich die Jugendlichen der Cotta-Schule mit den Gerichtsprozessen gegen NS-Täter auseinandergesetzt. Wortgewaltig hält Ankläger Wiese im Gespräch fest, warum diese Verfahren so wichtig waren und sind: Noch heute gebe es Menschen, die den Holocaust leugneten, „aber mit dem Urteil war festgestellt, was damals in Auschwitz geschehen ist. Und daran konnte auch keiner mehr rütteln“.
Wilhelm Bogers Urteil lautete lebenslange Haft. Viele Täter aber wurden nie vor einem Gericht belangt, andere freigesprochen, erzählt Kot – etwa, weil sie sich auf eine Gefahr für das eigene Leben beriefen, die jedoch für kaum einen bei einem verweigerten Befehl drohte und die die Täter nicht nachweisen mussten. Es sind Ungerechtigkeiten, die auszuhalten die Jugendlichen fordert: „Ich wusste vorher nicht, dass so viele Nazi-Verbrecher keine Strafe bekommen haben. Das ist schon schwer zu verstehen“, sagt der 17-jährige Hamsah Helmy.
Natalia Kot zeigt eine Zeichnung, auf der SS- und Gestapo-Mitarbeiter Wilhelm Boger im KZ Auschwitz-Birkenau zu sehen ist. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Damit auch andere verstehen, haben die Schüler Erklärvideos eingesprochen und mit Zeichnungen unterlegt. Darin rollen sie die Prozesse auf, erklären Paragrafen wie den des Befehlsnotstands.
Nach Abstraktem wie Gerichtsbarkeit und Gesetz zu fragen, Rache, Recht und Gerechtigkeit voneinander zu trennen, Konstanten zu erkennen und Geschehenes doch historisch zu verorten – es ist ein anspruchsvolles erstes Projekt. Um die Vergangenheit näher an die Schüler zu holen, nutzt Natalia Kot vom Haus der Geschichte lokale Bezüge: „Als es um die Adresse eines jüdischen Deutschen in Stuttgart ging, sagte eine Schülerin: In der Straße wohnt auch meine Oma. Und auf einmal war das Unrecht nicht mehr irgendwo in Auschwitz, sondern vor der eigenen Haustür passiert“, erzählt Kot.
Der Monstrosität Gestapo ein Gesicht geben
Und Kot erforschte mit der Klasse einzelne Biografien, die den Millionen Opfern und Mitläufern ebenso Gesichter geben wie der anonymen Monstrosität Gestapo – Gesichter wie das Bogers. „Boger lebte nach dem Krieg viele Jahre unbehelligt ein ganz normales Leben hier in der Region“, sagt Kot auf der Führung. „Erst 1958 wurde er bei der Arbeit in Zuffenhausen verhaftet. Und dann kam er hier in dieses Gebäude.“ Kot zeigt auf vier Fotografien in schwarz-weiß, die einen lächelnden Boger im Profil und frontal zeigen – Polizeifotos, aufgenommen in der Zeit, als das Hotel Silber Sitz der Kriminalpolizei war.
„Alter“, rutscht da einem der Jugendlichen raus.
Unrecht geschah nicht nur weit weg, sondern vor der eigenen Haustür in Stuttgart – und wurde dort auch aufgearbeitet. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
In der Vergangenheit bleibt das Projekt nicht stehen. „Wir möchten historische Themen in die Gegenwart holen“, sagt Paula Lutum-Lenger, Direktorin des Hauses der Geschichte. Es gehe um Antworten auf die Frage: „Was hat das mit mir zu tun?“
Einiges, lautet wohl die Antwort des 18-jährigen Marko Tereshchuk. Er meldet sich, als Natalia Kot fragt, was Deportationen seien. „Deportation bedeutet, dass Männer nachts bei dir klingeln und sagen, dass du zwei Stunden Zeit hast, deine Sachen zu packen und mitzukommen. In Cherson soll es Deportationen nach Russland geben.“ Tereshchuk ist vor dem Krieg in der Ukraine geflohen.
Mehrere Schüler im Projekt sind Ukrainer – auch deshalb ist der russische Angriffskrieg eine der Linsen, durch die die Schüler auf die Jahrzehnte zurückliegenden Gerichtsprozesse blicken. Daran, dass die Ukraine bereits während des Kriegs Beweise für russische Kriegsverbrechen sammle, erkennen die Schülerinnen und Schüler die Bedeutung von Gerichtsverfahren, sagt Kot.
Dass von den NS-Tätern so wenige verurteilt wurden, nehme ihm nicht die Hoffnung, sagt Tereshchuk: „Heute haben wir bessere Technologien. Wir haben Videos, um Schuld zu beweisen. Wenn der Krieg vorbei ist, wollen wir, dass alle Verbrecher Verantwortung tragen – nicht nur die oberste Führung. Mit den Beweisen wird ein Gericht für Gerechtigkeit sorgen.“
Schon heute werden Beweise gesammelt und analysiert, um Täter für russische Völkerrechtsverbrechen in der Ukraine vor Gericht zu stellen – wie beim Internationale Zentrum für die Verfolgung des Verbrechens der Aggression gegen die Ukraine in Den Haag. Foto: Imago/Koen van Weel
Auch für das eigene Verhalten wollen die Schüler aus dem Projekt etwas mitnehmen: „Jeder kann ein normales Leben führen und seine persönlichen Ziele verfolgen“, sagt Tereshchuk, „aber man muss auch darauf achten, was um einen herum passiert und ist dafür mitverantwortlich.“ Aufgeklärt zu sein und es zu verhindern wissen, falls Jugendliche selbst in eine vergleichbare Situation kommen – darin sieht die 19-jährige Jule Breuninger die heutige Bedeutung der NS-Prozesse.
Es ist nur eine der schwierigen Fragen mit Bezug zur Gegenwart, der sich die Jugendlichen in Video-Gesprächen stellen, zu sehen am Ende der Ausstellung.
Dass ein solcher moralischer Kompass und das Bewusstsein über die Verantwortung des Einzelnen nötig ist, deutet Schulleiterin Birgit Jaeger-Gollwitzer an: Von „fürchterlichen Tendenzen“ in der Gegenwart spricht sie. Ihre Schüler werden konkreter: „Ich glaube, das Aktuellste sind die aufgedeckten Pläne von Rechtsextremisten, Menschen mit Migrationshintergrund zu vertreiben“, sagt Breuninger.
„Für uns Deutsche mit Migrationshintergrund ist das ein großes Thema“, sagt auch der 18-jährige Thaid Keserovic. Man wisse nicht, was komme. Rede zuhause darüber, was zu tun sei, wenn Rechtsextremisten an die Macht kämen: auswandern oder bleiben. Noch kann er sich Extremisten nicht in der Regierung vorstellen: „Vieles ist jetzt anders. Aber damals haben wahrscheinlich auch viele Menschen anfangs nicht geglaubt, dass das alles realistisch ist, was später passierte.“
„Wir reden zuhause darüber, was zu tun ist, wenn Rechtsextremisten an die Macht kämen“, sagt einer der Schüler. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Sein Vertrauen überwiege noch. „Zum Glück leben wir in Deutschland in einer Demokratie, dass man gegen Extremisten wählen kann“, sagt auch Hamsah Helmy. „Aber wenn alle anderen sie wählen, was kann man dann als Einzelner tun?“
Man versuche den Jugendlichen zu vermitteln, dass Geschichte sich nicht eins-zu-eins wiederholen werde, sagt Natalia Kot vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Dass Politik, Gesellschaft und Rechtsprechung sind verändert haben. „Keine unangemessenen Vergleiche. Aber wir blicken auch auf menschliches Verhalten, das überzeitlich ist. Ich halte lieber den Kopf unten. Ich bin nicht verantwortlich“, so Kot. Und: „Alles, was wir hier tun, tun wir mit Gegenwartsbezug.“
Kooperation im Erinnerungsort Hotel Silber
Hotel Silber Im Hotel Silber hatte einst die württembergische Gestapo ihren Sitz. Heute ist das Gebäude ein Erinnerungsort. Geöffnet ist der Erinnerungsort an der Dorotheenstraße 10 dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet zwei, ermäßigt ein Euro.
Sonderausstellung „Gestapo vor Gericht“ zeigt in Bild, Ton und Text die juristische Aufarbeitung der NS-Taten und Ermittlungen gegen württembergische Gestapo-Beschäftigte. Teil der Ausstellung ist das erste Projekt mit der Cotta-Schule: In aufgezeichneten Interviews sprechen die Jugendlichen über ihre Perspektive auf diese Prozesse und deren heutige Bedeutung. Auch ein Zeitzeugengespräch und ein Gespräch der Schüler mit einem jungen Polizisten sind zu sehen.