Zehn Schüler der Jahrgangsstufe 1 erzählten die Geschichte der jüdischen Zeitzeugen nach – auch die von Ferdinand Kissinger. Foto: /Frank Eppler
1937 entsteht ein Klassenfoto an einer jüdischen Volksschule. Ein Jahr später, während der Reichspogromnacht, steht die Schule in Flammen. Was ist aus den Schülern geworden – und wie viele haben überlebt? Eine Fellbacher Schulklasse gibt Einblicke.
Die meisten kennen sie, diese alten Klassenfotos, auf denen man selten vorteilhaft aussieht und deren Gesichter man teils jahrzehntelang nicht mehr gesehen hat. „Was ist aus dem eigentlich geworden?“, fragt man sich unweigerlich. Eigentlich ein harmloser Gedanke. Wenn das Bild jedoch aus dem Jahr 1937 stammt und noch dazu in der jüdischen Volksschule in München aufgenommen wurde, bekommt er eine ganz andere Bedeutung.
Geschichten aus der NS-Zeit – im Heute
Die Mitglieder des Leistungskurses Geschichte am Fellbacher Friedrich-Schiller-Gymnasium (FSG) beschäftigen sich mit genau dieser Frage und erwecken das Foto in einer Schulveranstaltung zum Leben: Sie schlüpfen in die Rollen der jüdischen Schüler und lesen Geschichten vor, die diese als Zeitzeugen auf unterschiedlichen Wegen hinterlassen haben. Rund 150 Neunt- bis Elftklässler sind bei der Lesung in der Aula anwesend. So still und konzentriert wie an diesem Mittag hören die Schüler während der klassischen Schulstunden vermutlich selten zu.
Besonders eindrücklich ist eine Geschichte der Schülerin Melanie Löwy. Sie emigrierte nach London und wurde später Schriftstellerin. In ihrer Autobiografie schreibt sie Folgendes über den Morgen nach der Reichspogromnacht: „Ich wollte nur eines an diesem 10. November 1938: Und das war, wie immer in der Schule meine Freundinnen zu treffen und Unterricht von dem lieben Lehrer Berlinger erhalten“. Sie beschreibt, wie sie vor dem kleinen Süßwarengeschäft stehen bleibt, dessen Besitzerin sie schon kennt, und wie sie den Ruß und die Flammen sieht, die über dem Schulgebäude emporstiegen. „Wie lange ich also vor der brennenden Schule gestanden hatte, konnte ich nicht sagen“, berichtet sie. Dann sei sie in das Süßwarengeschäft eingetreten und habe sich, wahrscheinlich für ein paar Pfennige, Marzipankartoffeln gekauft. „Irgendwie wollte ich mich trösten, ohne es zu verstehen.“
Forscherinnen rekonstruieren das Leben in der jüdischen Gemeinde
48 Schülerinnen und Schüler sind auf dem Klassenfoto zu sehen. Der Grund, dass die Elftklässler viele derer Lebensgeschichten erzählen können, ist, dass die beiden Historikerinnen Kristina Milz und Julia Schneidawind vom Institut für Zeitgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München diese in einem aufwendigen Forschungsprojekt rekonstruiert haben. Gemeinsam mit Studierenden der LMU durchforsteten die Wissenschaftlerinnen Archive und Zeitungsmeldungen, recherchierten in Online-Datenbanken und Memoiren. Milz und Schneidawind haben auch das Skript zu den Zeitzeugen-Geschichten geschrieben, das die Schüler des Fellbacher Leistungskurses Geschichte vortragen.
Was ist aus diesen 48 Schülern geworden? Forscherinnen der LMU München haben das rekonstruiert. Foto: Privatnachlass Karl Süßheim, Margot Suesheim (†), New York, und Familie/
Ausgangspunkt der Recherche war eben das Klassenfoto aus München – auf das Kristina Milz zufällig gestoßen war, wie sie erzählt. Es stammt von Karl Süßheim, dem Vater eines der Mädchen auf dem Bild. Er hatte die Gesichter durchnummeriert und die Namen dazu geschrieben. „Als mir das Foto in die Hände fiel, war ich sofort fasziniert“, berichtet Milz. „Süßheim hat alles akribisch aufgeschrieben“, berichtet Milz.
„Wie läuft eine solche Recherche ab?“, wollen die Schüler später wissen. Es sei eine Art Detektivarbeit, erklärt Julia Schneidawind. Im Stadtarchiv München etwa habe man nach den Familiennamen gesucht, die auf der Rückseite des Fotos aus dem Nachlass von Süßheim notiert waren. Das sei insofern schwierig gewesen, dass Menschen, die emigriert seien, oft ihre Namen wechselten, ebenso wie die Frauen, die bei der Hochzeit den Namen ihres Mannes annähmen.
Die meisten Schicksale ließen sich rekonstruieren
Die allermeisten Schicksale konnten die Forscherinnen und Studierenden letztendlich aber tatsächlich rekonstruieren. Denn neben den Schriften von Melanie Löwy fanden die Rechercheure auch die Memoiren von Hugo Holzmann, einem der Schüler. Er hatte diese an das Münchner Stadtarchiv übergeben. Holzmann hatte zuvor viele seiner ehemaligen Klassenkameraden kontaktiert, um zu erfahren, was aus ihnen geworden war. Elf der Schülerinnen und Schüler haben nicht überlebt.
Für die beiden Historikerinnen sind solche Memoiren wie ein Schatz. Holzmann hielt darin große Teile seiner Schulzeit fest; mit wem er befreundet war, welche Lehrer er mochte und welche er nicht ausstehen konnte. „Jacky war ein nettes Kind, aber ein Muttersöhnchen“, schreibt er etwa über einen Mitschüler. Und über sich selbst: „Mein Aufsatz sah immer aus, als hätte eine Katze mit roter Tinte auf den Pfoten darauf getanzt.“
Ein eindrückliches Bild der NS-Zeit
Das Ergebnis der Rekonstruktion ist ein ziemlich anschauliches Bild davon, wie das Leben in der damaligen jüdischen Gemeinde in München zur Zeit des Nationalsozialismus ausgesehen haben muss. „Wir haben uns Mühe gegeben, zu zeigen, dass es Menschen sind wie ich und du”, berichtet Kristina Milz. Es ist eine Art des Einblicks, der immer seltener wird, je mehr Jahrzehnte sich zwischen das heutige Leben und das während des Nationalsozialismus schieben. „Jetzt, wo nur noch wenige Zeitzeugen leben, ist es an der Zeit, neue Zugänge zu schaffen, um die Geschichte lebendig zu halten“, sagt auch Julia Schneidawind.
Für die Schüler war es offenbar eine eindrückliche Art und Weise, sich der Geschichte zu nähern – abseits von Zahlen und Fakten in Form von Frontalunterricht. „Es gab schon sehr berührende Momente“, sagt etwa die 17-jährige Leonie Beck. Ihren Klassenkameraden Fabian Scholz stimmte besonders die Parallele zur eigenen Situation nachdenklich. Man könne sich als Klasse sehr gut dort hineinversetzen, solche Fotos würden schließlich jedes Schuljahr gemacht. „Manche von uns hätten ab jetzt nur noch zwei Jahre zu leben – und manche noch 80“, sagt der 17-Jährige . „Das ist schon eine krasse Vorstellung“.
Das Friedrich-Schiller-Gymnasium ist übrigens die erste nichtjüdische Schule, an die Milz und Schneidawind mit ihrem Projekt gekommen sind. Ist das eine neue Weise, Geschichtsunterricht zu machen? Lehrerin Hannah Ressler ist vom Konzept jedenfalls überzeugt. Sie kann sich gut vorstellen, zukünftig Ähnliches umzusetzen.
Teil einer Reihe Die Lesung fand zwar schulintern statt, kam aber als Beitrag zur Reihe „Jüdisch & deutsch“ der Kulturgemeinschaft Fellbach zustande. Die erste Vorsitzende Christa Linsenmaier-Wolf habe die Veranstaltung finanziell unterstützt und damit ermöglicht hat, so Organisatorin Hannah Ressler.