Schulpsychologinnen über Defizite bei Erstklässlern „Eltern müssten mit den Kindern singen, reimen, zählen“

Schulranzen kaufen und Schultüte packen reicht nicht, um als Eltern Kinder auf die 1. Klasse vorzubereiten, sagen Expertinnen. Foto: IMAGO/Political-Moments

Eltern überließen die Vorbereitung auf die Schule heute zu sehr den Fachkräften in den Kitas, sagen die Schulpsychologinnen Corinna Ehlert und Nina Großmann. Dabei müssten Kinder Grundfertigkeiten auch in der Familie lerne.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Das letzte Kitajahr müsste ein Vorbereitungsjahr auf die Schule sein, fordern Nina Großmann und Corinna Ehlert vom Landesverband Schulpsychologie, die in der Beratung von Schulen und Eltern arbeiten.

 

Frau Ehlert, Frau Großmann, kommen heute mehr Kinder in die erste Klasse, die noch gar nicht schulreif sind?

Großmann: Wir merken in der Beratung als Schulpsychologen schon, dass sich etwas verändert hat. Der Beratungsbedarf verschiebt sich von älteren Kindern hin zu Grundschülern. Es gibt offenbar mehr Kinder, die gewisse Grundfertigkeiten wie Stifthaltung oder das Schneiden mit der Schere nicht können. Oder die das Konzept Schule gar nicht verstehen. Dass es beispielsweise dort jemanden gibt, der ihnen sagt, was sie machen sollen.

Ehlert: Lehrkräfte berichten uns, dass es für manche Kinder schwierig ist, sich auf eine Sache zu konzentrieren, dranzubleiben. Sie können keine drei Minuten ruhig sitzen, springen von einer Aktivität zur nächsten.

Wo sehen Sie die Gründe?

Ehlert: Das letzte Jahr in der Kita müsste unbedingt überall ein Vorschuljahr sein, in dem die Kinder das Prinzip Schule kennenlernen. In dem sie darauf vorbereitet werden, dass man dort auch mal länger sitzenbleiben muss, dass es Regeln gibt und man Aufgaben bearbeiten muss. Das findet nicht überall statt.

Großmann: Ich sehe die offenen Konzepte in den Kitas kritisch, in denen sich die Kinder den ganzen Tag über selbst aussuchen dürfen, was sie machen. Solche Konzepte müssen von Seiten der Fachkräfte sehr gut begleitet werden. Es kann nicht sein, dass ein Kind zum Beispiel nie in die Bastelecke geht, wo es lernen würde, einen Stift zu halten oder etwas auszuschneiden.

Ehlert: Wenn ein offenes Konzept gut begleitet wird, kann es funktionieren. Aber bei dem momentanen Erzieherinnenmangel geht das teilweise nicht. Aber auch die Eltern sind sich offenbar oft ihrer Verantwortung bei der Schulvorbereitung nicht bewusst.

Was meinen Sie damit?

Großmann: Mit einem Kind sollte man zum Beispiel singen und reimen. Wenn es in die Schule kommt, sollte es zumindest manche Buchstaben erkennen, bis 20 zählen können. Solche Dinge müssten auch daheim geübt werden. Es gibt aber Eltern, die offenbar all das der Kita und Schule überlassen.

Ehlert: Das zieht sich quer durch alle Schichten. Eltern haben heute auch weniger Zeit, weil oft beide berufstätig sind. Manche fallen dann aus allen Wolken, wenn es in der Schule nicht klappt.

Wirkt aus Ihrer Erfahrung die Pandemie mit den Kita- und Schulschließungen noch nach?

Großmann: Auf jeden Fall. Neben den Wissenslücken aus der Zeit der Schulschließungen gibt es psychische Folgen. In solchen Ausnahmesituationen führt Stress und Angst zu einem hohen Cortisolspiegel. Dieser wirkt sich stark auf den Schlaf, das Gedächtnis oder die Konzentration aus und drückt die Stimmung. Nur durch bewusste Entspannung und Abbau von Stress kann Cortisol langsam wieder abgebaut werden.

Ehlert: Die Kinder spüren die Angst der Eltern und agieren sie teils über die Schule aus. Das kann sich so zeigen, dass sie keine Lust auf Schule mehr haben.

Großmann: Studien zeigen, dass 20 bis 25 Prozent noch unter den Schulschließungen leiden. Sie haben teils psychosomatische Probleme, haben Angst vor der Lehrerin, schaffen es nicht, in die Schule zu gehen. Sie haben teils schwere körperliche Symptome wie Übelkeit, Kopfschmerzen oder starke Schlafstörungen. Das hatten wir vor Corona so nicht.

Was könnte helfen?

Großmann: Die Lehrkräfte brauchen mehr Unterstützung durch Psychologen und Sozialarbeiter. Vor allem die Grundschulen sind bislang schlecht versorgt. Teilweise ist eine Beratungslehrerin mit einer Zusatzausbildung in Schulpsychologie für fünf Schulen zuständig. Und diese Beratungslehrer bräuchten mehr Entlastungsstunden für diese wichtige Arbeit.

Zur Person

Nina Großmann
Die 59-jährige Psychologin ist Vorsitzende des Landesverbandes Schulpsychologie und leitet die Schulpsychologische Beratungsstelle Ludwigsburg.

Corinna Ehlert
Die 58-jährige Psychologin ist stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes Schulpsychologie und leitet die Schulpsychologische Beratungsstelle Stuttgart.

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