Schulsozialarbeit in Göppingen Eltern und Rektoren empört
Der Göppinger Gemeinderat hat es mit hauchdünner Mehrheit abgelehnt, die wegbrechenden Zuschüsse des Landkreises bei der Schulsozialarbeit auszubügeln.
Der Göppinger Gemeinderat hat es mit hauchdünner Mehrheit abgelehnt, die wegbrechenden Zuschüsse des Landkreises bei der Schulsozialarbeit auszubügeln.
Die Stadt Göppingen reduziert das Gesamtvolumen der Schulsozialarbeit an ihren Schulen von 15,15 auf 13,52 Vollzeit-Stellen. Diese Kürzung um gut 1,6 Stellen hat der Gemeinderat Göppingen jetzt nach emotionaler Debatte und einer denkbar knappen Abstimmung mit 17 gegen 16 Stimmen beschlossen. Die Kürzung wird auf alle Schularten verteilt. Die Stadt reagiert somit darauf, dass der Landkreis Göppingen im Herbst im Zuge der Spardebatte seine Zuschüsse halbierte: von knapp 250.000 auf 125.000 Euro. Die Träger der Schulsozialarbeit hätten deutlich gemacht, dass sie schon bei der existierenden Förderpraxis Defizite aufbauen.
Fachlich wäre eine Beibehaltung des bisherigen Volumens erforderlich. Dazu sieht sich die Stadt Göppingen aber angesichts der prekären Finanzsituation nicht in der Lage. Dabei erkennt die Stadtverwaltung durchaus an, wie notwendig die Schulsozialarbeit ist. Deren Schutzfunktion habe „massive Auswirkungen auf das individuelle, gruppenbezogene und gesellschaftliche Leben der Kinder und Jugendlichen“, hieß es in der Vorlage für den Gemeinderat.
Doch ähnlich wie bei der offenen Kinder- und Jugendarbeit in verschiedenen Jugendtreffs, für die ebenfalls Kürzungen beschlossen wurden, sei die Stadt bei der Schulsozialarbeit nicht mehr bereit, „etwas auszubaden, wo andere ihrer Verantwortung nicht gerecht werden“, schimpfte der Oberbürgermeister Alex Maier in Richtung des Landkreises.
Die Fraktion der Grünen hatte im Fall der Schulsozialarbeit mit mehreren Anträgen versucht, das Schlimmste zu verhindern: Unter anderem mit der Forderung, die Stellen für die kommenden zwei Jahre eben nicht zu reduzieren. Dieser Antrag scheiterte hauchdünn. Etwas deutlicher fiel die Ablehnung der weiteren Anträge aus. Die Grünen hatten gefordert, den Partnern, mit denen die Stadt bei der Schulsozialarbeit zusammenarbeitet, neben den tatsächlichen Personalkosten auch die weiteren Aufwendungen in Höhe von 16 Prozent zu erstatten, dem sogenannten Overhead. Außerdem wollten sie, dass die Waldorfschule, der man erst im vergangenen Jahr Hilfe bei der Schulsozialarbeit zugesagt hat, diese auch weiter bekommt.
Für die Grünen sprach Stadtrat Volker Landskron mit Engelszungen auf seine Ratskollegen ein. Auch seine Fraktionskollegen mahnten, dass es bei Investitionen in Infrastruktur immer um Millionenbeträge gehe, hier eben nicht. „Kaputte Straßen kann man reparieren, kaputte Biografien aber nicht“, sagte Julia Übele. Vergebens.
Am Tag nach der knappen Entscheidung im Gemeinderat reagierten die Geschäftsführenden Schulleiter der Göppinger Schulen, Christl Jost und Andreas Pfletschinger, gemeinsam mit dem Gesamtelternbeirat schockiert. Der Beschluss habe fatale Folgen für die Schulen. In einer Pressemitteilung heißt es: „Mit großer Bestürzung und absolutem Unverständnis reagieren Gesamtelternbeirat und Schulleitungen der Göppinger Schulen auf den mehrheitlichen Beschluss“. Denn: „Diese Entscheidung trifft Kinder, Familien und Schulen ins Mark – und wird aus der Sicht von Schulleitungen und Gesamtelternbeirat schwerwiegende und langfristige Folgen haben.“
Die Unterzeichner erinnern daran, dass sowohl die Schulleiter als auch der Gesamtelternbeirat bereits im Vorfeld mit jeweils eigenen Brandbriefen an die Gemeinderäte eindringlich auf die gravierenden Auswirkungen hingewiesen hätten, die eine Reduzierung der Schulsozialarbeit nach sich ziehen wird. „Die Warnungen waren klar, fundiert und praxisnah.“ Dennoch wurden sie nicht ausreichend berücksichtigt.
Schulsozialarbeit sei kein freiwilliger Luxus, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil moderner Bildungsarbeit, heißt es. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „sind zentrale Ansprechpersonen für Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenslagen, sie leisten Präventionsarbeit, unterstützen bei Konflikten, fördern Integration und entlasten Lehrkräfte sowie Familien“. Das sei gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Herausforderungen wichtiger denn je.
„Welchen Stellenwert haben unsere Kinder und Jugendlichen?“
Die nun beschlossene Kürzung sende ein fatales Signal. „Und sie wirft die Frage auf, welchen Stellenwert unsere Kinder und Jugendlichen in dieser Stadt tatsächlich haben“, heißt es in der Mitteilung. Die Autoren befürchten konkret: eine deutliche Verschärfung sozialer und emotionaler Probleme an Schulen, weniger Unterstützung für Kinder in Krisen- und Belastungssituationen, eine zusätzliche Überlastung von Lehrkräften und Schulleitungen und langfristig steigende gesellschaftliche Folgekosten.
Freie Schule
Der Schulverein der Freien Waldorfschule Filstal hatte ein Positionspapier zu der Entscheidung erarbeitet. In dem von Geschäftsführer Ludwig Keller-Bauer unterzeichneten dreiseitigen Papier wird die schwierige Haushaltslage der Stadt nicht geleugnet. Aber auch die Probleme der Kinder und Jugendlichen seien real vorhanden. Um sie zu lösen, sei Schulsozialarbeit ein elementarer Baustein, schreibt der Geschäftsführer.
Zusage
In dem Brief geht es unter anderem auch um die erst vor einem Jahr getroffene Vereinbarung und Zusage, dass auch die Waldorfschule als ein verlässlicher Partner in der Bildungslandschaft einen Zuschuss bekommt.